Schande

Das Artilleriefeuer war sehr heftig. Mehrere Feuerwalzen gingen über unsere Stellungen hinweg, jedoch ohne großen Schaden anzurichten. Der Austausch der Granaten schien mehr symbolisch gemeint zu sein, denn um möglichst viele von den Kriegern zu töten.
Trotzdem zitterten viele von uns in ihren Bunkern und Gräben vor Angst. Die Soldaten um mich herum weinten und beteten zu ihren Göttern um Schutz. Manch einer wird sich gedacht haben, was der Feind auf der anderen Seite bei unserem Bombardement empfand, aber nur ich kannte die Wahrheit.

Nach einer Weile ließ das Feuer nach. Nur noch ein paar Nachzügler schlugen hier und dort ein. Dann hörte man nur noch ein fernes Grollen.

Der Befehl zum Aufstellen kam und wir krochen aus unseren Unterkünften. Rauch zog wie Nebel über das Schlachtfeld. Der Boden war mit Löchern übersät, überall Krater und aufgewühlte Erde, darüber ein wunderschöner strahlend blauer Himmel mit einer wie von Kinderhand gemalten freundlichen Sonne.

Einheiten fanden sich und stellten sich in Formation auf. Die Gefahr für einen weiteren Artillerieangriff bestand nicht, denn auch auf der anderen Seite des Feldes sah man sich die Truppen sammeln. Es sah aus der Ferne aus wie wenn ein Schwarm von Heuschrecken für eine Parade übt.

Auf unserer Seite waren die Farben gemischter: Das Westvolk um mich herum trug Uniformen und Rüstungen in grau, jedoch hatte man die Schulterstücke knallig gelb gefärbt. Auch ich trug solche Kleidung und fühlte mich seltsam fremd darin.

Das Nordvolk links von uns trug überwiegend braune und dunkelrote Farben und die Stämme des Ostens auf ihren stolzen Pferden schimmerten wie alle Farben des Regenbogens.

Ein Hornsignal ertönte.

Die Stämme würden den Angriff beginnen. Die Krieger stimmten ein durchdringendes Kriegsgeheul an und die Pferde stürmten los. Von unserer Position aus konnte man die Reiter gut sehen:
Federgeschmückte Lanzen, bemalte Gesichter, bunte Tücher flatterten im Wind.

Die Westleute um mich herum starrten hinüber, einige jubelten. Ich nutzte die Zeit, um meine Waffen und meine Ausrüstung zu überprüfen. Ich ruckelte an allen Rüstungsteilen und kontrollierte den Dolch an meinem Gürtel. Um meine Hauptwaffe brauchte ich mich nicht zu kümmern:
Während die Soldaten des Westvolks traditionell einen Speer und ein kurzes Schwert trugen, so trug ich einen Zweihänder, die bloße Klinge locker auf der Schulter balancierend.

Die Stammeskrieger waren nun am Feind, doch aus der amorphen grünen Masse war nun ein kompakter Block geworden, aus dem tausende von langen Lanzen hervorlugten. Einige der Pferde scheuten, als sie diesem gigantischen Igel zu nahe kamen und es wurden auch Krieger aufgespießt, doch die meisten donnerten mit lautem Gejohle an der feindlichen Formation vorbei und waren ihre Speere dort hinein.

Wir hatten keine Zeit, um eine eventuelle Wirkung dieser Attacke zu beobachten, denn für uns kam der Befehl zum Vorrücken.
Wir stapften los: Das Westvolk in der Mitte, das Nordvolk irgendwo auf der linken Flanke. Auch der Feind setzte sich in Bewegung.
Das Schlachtfeld zwischen uns schien endlos groß. Eine Erregung hatte uns nun alle ergriffen – das Schlachtfieber. Die Angst war wie weggeblasen und man konnte es kaum erwarten, diese unendliche Spannung in sich zu lösen, indem man endlich, endlich auf den Feind eindreschen durfte.
Die Unteroffiziere waren zum Glück erfahrene Veteranen und sorgten dafür, dass keiner der Soldaten aus der Reihe tanzte. Die gelb leuchtende Formation muss von oben ein wirklich schöner Anblick gewesen sein.

Je näher wir dem Feind kamen, desto mehr Details konnte man erkennen.
Aus dem grünen Block wurden mehr und mehr Individuen.
Die Gunam.
Groß waren die Gunam-Krieger, der kleinste von ihnen mochte jeden aus dem Heer der Menschen um Haupteslänge überragen. Ihre Körper bestanden aus flachen, nahezu viereckigen Teilen. Der Rumpf sah aus wie der Rückenpanzer einer Krabbe. Arme und Beine hatten je mindestens fünf Glieder und der Kopf, der auf dem Rumpf saß, hatte nur zwei Augen und sonst nichts.
Die Gunam marschierten stoisch auf uns zu, die Lanzen vor sich haltend. Ein Wald aus Holz und Stahl.

Die Distanz zwischen den Formation schwand, bald würden die ersten Lanzenspitzen der Gunam und die Speere des Westvolks aufeinander treffen.

Doch dann ertönte ein seltsames Signal und der Vormarsch der gelben Soldaten begann zu stocken. Unruhe kam in der Formation auf und pflanzte sich in Wellen in der gesamten Streitmacht fort. Unteroffiziere brüllten Befehle, doch niemand schien sie zu beachten. Erst ein paar wenige Grüppchen, dann immer mehr fingen an, zurückzuweichen.
Die Gunam indes ließen sich nicht beirren und marschierten und marschierten, als wenn sie aus nicht aus Fleisch und Blut, sondern als ob sie Maschinen wären.

Wir Menschen zogen uns zurück. Der Abstand zwischen den Heeren wuchs wieder. Links von uns konnte man die rotbraune Masse des Nordvolkes erkennen: Sie schien nicht so schnell zurückzuweichen wie wir.

Kurz bevor sich unsere Formationen auflösen konnten, preschten plötzlich von rechts die Reiter der Oststämme heran. Jubelnd stürzten sie sich auf den Feind, nicht achtend die Gefahr durch die Piken der Gunam. Die Pferde der Krieger waren wild und schrien wie ihre Reiter. Sie brachen in die Formation der Feinde ein. Viele, viele starben, aufgespießt von den langen Lanzen. Die Masse der Pferde aber drückte zahlreiche Gunam zu Boden oder stieß sie nach hinten. Die Leiber von Pferden und Reitern ließen die Piken unbrauchbar werden.

Alle Hörner der Menschen tönten auf einmal.

Das Signal!

Angriff!
Angriff!
Angriff! Angriff! Angriff!

Das viele Training zahlte sich nun aus. Die Formation auflösend, stürmten wir los. Schlachtenreihen waren jetzt nicht mehr von Belang: Wir mussten so schnell wie möglich in die Lücken stoßen, welche die Reiter für uns mit ihrem großen Opfer gerissen hatten. Die Soldaten hasteten nach vorn und bald waren wir alle in Kämpfe verwickelt. Im Nahkampf nutzen den Gunam die langen Piken nichts mehr uns so ließen sie sie fallen. Mit ihren langen Armen, ihrer Größe und ihrer gewaltigen Kraft waren sie gefährliche Gegner. Auch waren sie viel schneller, als es ihre Größe ahnen ließ. Doch nun, wo sie nicht mehr in Reih und Glied kämpfen konnten, umzingelten die gelben Soldaten die Krieger und griffen von allen Seiten aus an. Auf jeden Gunam kamen zwei oder drei Menschen. Die grünen Krieger ließen Äxte und Schwerter kreisen und die Menschen stießen immer wieder mit ihren Speeren zu. Menschen flogen getroffen durch die Luft oder sanken blutend zu Boden, aber sie waren in der Überzahl.
Nun kam mein Part.
Ich näherte mich dem ersten Gefecht: Zwei Menschen hatten einen Gunam in die Zange genommen, doch er ließ sie nicht an sich herankommen. In seiner rechten Hand schwang er eine Axt, die Linke war frei.
Ein kurzer Blick auf den Boden, dann übernahmen meine Ausbildung, meine Reflexe und die jahrelange Erfahrung die Kontrolle über mich.
Genau im richtigen Moment warf ich mich nach vorne. Ich zielte nicht auf den rechten Arm des Kriegers, denn das hätte er bemerkt. Vielmehr konzentrierte ich mich auf den linken.
Als ich nahe genug an ihm dran war, schlug ich zu und hatte Glück, denn ich traf genau die Stelle zwischen zwei Armgliedern. Die Verbindung brach und der halbe Arm fiel ab.
Der Gunam erstarrte.
Mit einem lauten Aufstöhnen quittierte der Gunam den Verlust und starrte wie paralysiert auf den Armstumpf. Die Soldaten nutzten die Gelegenheit und spießten ihn auf.
Erst jetzt strömte das Blut aus den Wunden. Grünes Blut.
So ging es weiter: Ich tanzte von Kampf zu Kampf, schlug zu oder hielt den Zweihänder mit der rechten Hand am Griff und mit der linken Hand an der Blindschärfe und durchbohrte die Panzer der Gunam.
Zwischen die gelben Soldaten mischten sich irgendwann gedrungene, dunkel gekleidete Menschen – die Truppen des Nordvolkes hatten die Gunam an deren rechten Flanke umgangen und griffen ebenfalls in die Kämpfe ein.

Dann war alles vorbei.

Im Großen und Ganzen unverletzt sah ich mich auf dem Schlachtfeld um:
Ein paar wenige Menschen jubelten, ein paar schlachteten die verwundeten Gunam ab und sammelten deren Waffen ein.
Wertsachen gab es bei den Gunam nicht zu holen.
Die meisten jedoch kümmerten sich um die Toten und Verwundeten in den eigenen Reihen.
Ekel überkam mich und ich fühlte mich schmutzig wie ein Söldner. Jedoch bekam ich keinen Groschen für meinen Kampf.

Niedergeschlagen und erschöpft ging ich zurück. Niemand wagte es, mir auf die Schulter zu klopfen, niemand sagte mir Danke.
Ich wollte keinen Dank.

Weit hinter den Offizieren, die mich mit seltsamen Blicken verfolgten, wartete Vonoo auf mich, mein Pferd an den Zügeln haltend. Das Tier war fertig bepackt, damit ich nach der Schlacht – unabhängig von ihrem Ausgang – schnell die Szenerie verlassen konnte.
Ich nickte meinem treuen, alten Gefährten Vonoo zu und steckte den Bidehander in die Scheide am Sattel.
Dann nahm ihm die Zügel ab und stieg auf.
Ich mochte ihm nicht in die Augen sehen.
Erst, als ich seine Hand auf meiner Schulter spürte, sah ich ihn direkt an. Die Gesichter der Gunam haben weder Mund noch Nase und sind auch sonst völlig ausdruckslos und glatt. Aber ich kannte dieses Volk schon sehr lange und konnte gut die Trauer und das Mitleid in seinen Augen sehen.
,,Es tut mir leid!” flüsterte ich und wieder nickte mir Vonoo zu.
Wir machten uns auf den Weg. Nur fort von diesem Ort der Schande!
Vonoo schritt mit riesigen Schritten neben meinem Pferd einher und ich saß zusammengesackt im Sattel, das Haupt geneigt.
Ich wollte nicht, dass jemand meine Tränen sieht.

U-Bahn-Geschäfte

Mir träumte, zwei Freunde und ich würden durch die untersten Ebenen des U-Bahn-Systems laufen. Die Freunde fanden mich ja immer ein wenig unheimlich, weil ich kein Zuhause hatte und eigentlich nie die U-Bahn verließ. Aber man kannte sich schon so lange und man brauchte mich auch, das wussten sie.
Wir ließen einen Saal mit edlen Cateringständen hinter unter. Köche boten gebratenes Fleisch und Teigtaschem mit Gemüse und Käse an. Einer von uns konnte sich nicht zurückhalten und griff zu. Den Rest der Halle brachten wir im Sprint hinter uns.
Dann ging es Treppen hinunter und hinunter. Die Beleuchtung wurde schlechter. Trotzdem waren wir nicht alleine: Männer, junge Männer, in Anzügen und mit Aktenkoffern liefen vor uns hinter uns. Ich riet meinen Freunden, sie nicht zu beachten. Es waren Mitglieder eines dunklen Kultes auf dem Weg zu einem Ritual.
Die Männer verschwanden durch eine Gittertür eine weitere Treppe hinunter, wir betraten einen Raum, wo ein Aufzug und der Dealer auf uns wartet. Der Dealer war dünn und seine strähnigen, blonden Haare waren ungewaschen. Er hatte die Ware in einem Pappkarton dabei. Man übergab den vereinbarten Preis und bekam den Karton. Der Dealer machte sich aus dem Staub. Ich durfte den Karton nicht halten, konnte aber auch aus der Distanz spüren, wie die Fragmente sich darin bewegten. Ich fühlte ihren Zorn und sie fühlten, dass ich ihren Zorn fühlen konnte. Dies machte sie noch wütender.
"Lasst uns schnell machen!" sagte ich und drückte den Knopf, um den Aufzug zu rufen.
Die Türen des Lifts öffneten sich mit einem protestierendem Geräusch und wir traten ein. Die Türen schlossen sich.
Meine Freunde sahen mich an. Ich nickte.
"Na, dann los!"
Der Karton wurde geöffnet und ausgekippt. Die Fragmente fielen heraus und kringelten sich auf dem Boden zu unseren Füßen. Ich musste mich zusammenreißen, nicht nach unten zu schauen, wo die schuppigen Würmer mit ihren scharfen Zähnen um unsere Beine glitten. Der Aufzug setzte sich in Bewegung und ich begann, Mantras zu chanten, um die Fragmente nicht mit meiner Aufmerksamkeit zu reizen.
Sie mögen keine Halbmenschen.
Es ging hinab.
Scheinbar endlos lang.

Freistunde

Mir träumte, ich wäre in der Schule und die ersten zwei Stunden fielen aus. Zwei noch sehr junge Mitschülerinnen überlegten altklug, ob man nicht Fußball spielen solle. Dies würde die sozialen Strukturen in der Klasse stärken. “Viele sehen ja nur kritikwürdiges Verhalten bei den anderen und so ein Spiel fördert den Zusammenhalt!” Dabei lächeln sie mich an. Die Jungs finden die Idee super und gröhlen fröhlich los.

Dr. Klaus

Mein Hausarzt Dr. Klaus (ich nenne ihn immer scherzhaft “mein
Klausarzt”) hat mir beim letzten Geschwüreaufschneiden eine große
Spritze mit einer gelben, leuchtenden Füllung darin gezeigt. Die
Flüssigkeit hatte exakt den selben Gelbton wie die Zähne von Dr. Klaus.
“Geiler Ftoff!” hatte er durch die Lücke zwischen seiner angefaulten
Hauer gepfiffen.
Eine kurze Rückfrage meinerseits brachte Klarheit: Die Kasse zahlt! Also
rein damit!
Dr. Klaus rammte mir die Spritze in den Oberschenkel. Dabei brauchte er
so viel Kraft, dass er sich mit seinem ganzen Körpergewicht auf die
Spritze legen musste.
Seitdem werde ich überspült von einer stehenden Welle der Lust. Wenn ich
mich mit den Jungs in Peterchens Bude zum Saufen treffe, dann machen
mich die “Praline” und die “Schlüsselloch” in der Zeitschriftenauslage
der Trinkhalle endlos geil. Ich stoße mit den Jungs an und wir prosten
uns zu. Als ich mir die Flasche an den Hals halte und mich zum Trinken
leicht nach hinten beuge, spannt mein errigiertes Glied die Blaumannshose.
Das Leben ist geil.

Spieleabend

Mir träumte, sie säßen an dem großen runden Tisch und würfelten um das Leben. Auf einer Tafel stand geschrieben:

1 – Ertrinken, 2 – Verdursten, 3 – Totgeschlagen, 4 – Erschossen, 5 + 6 – muss weiterleben.

Jeder ist mit Würfeln dran und jeder Wurf wird mit lauten Gegröhle quittiert.

Sie trinken und Lachen und würfeln.

Sie würfeln um das Leben anderer.

Klassentreffen

Die Limousinen hielten nacheinander direkt vor dem Eingang und aus ihrem Inneren schälten sich die Damen und Herren.
Hätte dieses Klassentreffen nur zehn Jahr früher stattgefunden, so hätte man Aufkleber mit Schnullern darauf am Heck jeden Wagens gesehen, doch diese Autos waren alle neu und niemand klebt etwas auf den Lack, denn dies mindert den Wiederverkaufswert.
Ich war mit dem Bus gekommen und nachdem ich mir das Treiben eine Weile angeschaut hatte, ging ich hinein.
Das Personal kontrollierte meine Karte, ich nahm den Hut ab und betrat den Festsaal.
Warme Brauntöne herrschten hier vor und es lag eine Spur zu viel Parfüm in der Luft. Die Damen waren hübsch, ihre Schultern frei, die Herren waren feist und ihre Anzüge ein wenig eng.
Jemand gab mir ein Glas.
Dem einen oder anderen zunickend suchte ich mir eine ruhige Ecke.
Wiedererkennen.
Wiedererkennen.
Stirnrunzeln.
Wiedererkennen.
Tuscheln.
Nicht nur ein gepudertes Näschen wurde wegen meines abgewetzten Filzanzuges gerümpft, aber das war mir egal:
Der Clown hatte mich erkannt und wir begrüßten uns freudig. Wie wir alle war er gealtert: Sein Haar begann schon grau zu werden und um seinen Mund waren mehr Falten als früher. Doch sein Lachen war klar wie eh und je.
Er nahm mich in den Arm und drückte mich.
Wir wechselten ein paar Worte, hauptsächlich über die harten Zeiten.
Nach und nach suchten sich die anderen Gäste eine Sitzplatz und die großen Flügeltüre des Saales schlossen sich langsam. Bald würde der Präsident eine witzige und kurze Ansprache halten – esine Ansprachen waren immer witzig und kurz, deswegen war er ja der Präsident.
Doch dann stieß jemand die großen Türen wieder auf und sie kam herein.
Sie kam zu spät wie sie immer zu spät kam: So konnte sie sicher sein, von allen gesehen zu werden.
Ob es nun wirklich so geschah oder ob ihr Anblick in mir eine Art Taubhei verursachte: Es wurde schlagartig still im Saal.
Sie betrat den Raum mit grazilen, eleganten Schritten. Ihr Kleid war silbrig und fast so weiß wie als wenn sie zum Traualtar schreiten würde.
Ihr langes, braunes Haar und ihre dunklen Augen bildeten einen faszinierenden Kontrast zum hellen Kleid.
Sie war schön wie eh und je.
Ihre Lippen waren voll und rot und zeigten ein scheues Lächeln. Ihre Schultern waren von einem dünnen Tuch bedeckt und jedes Fleckchen ihrer Haut, auf die man einen Blick erhaschen konnte, war die reine Verlockung.
Ich trank einen Schluck und schaute mich um.
Die Frauen starrten und die Männer hielten die Luft an. Dem Clown stand der Mund offen.
Kurz bevor der Einzug der Königin in ihren Thronsaal perfekt sein konnte, löste sich der Clown aus seiner Starre und polterte auf sie zu. Er machte Kratzfüße und Faxen und begrüßte die Schöne mit Überschwang. Der Zauber verflog und alle bewegten sich wieder. Viele tranken ihr Glas voller Verlegenheit aus, Ehefrauen stießen ihre Ehemänner in die Seite oder traten ihnen auf den Fuß. Manche taten beides.
Die Schöne lachte und freute sich über die Begrüßung des Clowns. In ihren Augen blitzte der Zorn.
Ich stellte mein Glas ab und begann, mir einen Weg durch einen Seitenausgang zu erschleichen.
Ich hatte genug gesehen.

Eine Party geht irgendwie schief

Gestern Nacht wieder: Ich träumte, dass ich mit vielen Leuten abends unterwegs war. Vielleicht war es mein Geburtstag, denn ich fühlte mich für den Abend verantwortlich. J. war dabei und A. und P. und viele andere. In Düsseldorf war jedoch das Wetter schlecht und für eine Kneipe waren wir viel zu viele Leute.
Also gingen wir an meine alte Arbeitsstätte, weil ich ja noch meinen Schlüssel hatte.
In den leeren Bibliotheksräumen feierten wir dann weiter, obwohl ich große Angst hatte, dass man uns erwischen würde.
Einmal fuhr ein Auto über den Innenhof und als die Scheinwerfer durch die Fenster strichen, warfen wir uns alle auf den Boden.
Dann jedoch brachen aus einem Container direkt nebenan grausige Gestalten aus und wir mussten fliehen. Einer von uns dachte wohl, er müssen den wankenden, verzerrten Restmenschen helfen, wurde von ihnen jedoch gefressen.
Bis wir zum großen See fliehen konnten, breiteten sich die Wesen wie eine Seuche über das ganze Land aus und wir bekämpfte sie, wo es nur ging.
Wir fanden heraus, dass ein Waffenproduzent, genannt, ,,Der Müller” hinter der ganzen Sache steckte und auf dem See kam es zum Showdown:
Auf Booten verfolgte ,,Der Müller” uns und als ich eine Handgranate auf seine Yacht warf, detonierte sie nicht.
Ein Blindgänger!
,,Typsch!” dachte ich, während ich meine Maschinenpistole durchlud ,,Die Granate wurde ja auch in seiner Fabrik gebaut!”

Befreiung

Mir träumte, ich saß in meiner alten Bibliothek. Die Bücher waren schon weg, die Regale abgebaut. Der Raum war leer, sah aus wie ein Tanzsaal ohne Tänzer.

Ich hockte auf einem Bürostuhl, noch eingepackt und bereitgestellt für die Nachnutzer.

Mir gegenüber saß die Zauberin.

Erinnerungen kamen in mir hoch. Erinnerungen an unsere erste Begegnung vor so vielen Jahren. An ihre Schönheit. Wie sich mich umgarnt hatte, wie sehr ich mich geschmeichelt gefühlt hatte, von einer solchen Göttin begehrt zu werden.

Erinnerungen an unsere gemeinsamen Abenteuer - und wie sie sich still und heimlich in mein Herz geschlichen und es mir dann gestohlen hatte.

Noch immer tat die Wunde in meiner Brust mir weh, die Ränder würden vielleicht niemals heilen. Am schlimmsten war aber das Gefühl der Leere, wo einst mein Herz geschlagen hatte.

Seitdem war ich kein richtiger Mensch mehr: Ein Zwischending, nicht lebendig und nicht tot.

Immerhin war ihr Zauber schon lange gebrochen. Der Fisch war vom Haken. Sein Maul war zerfetzt von den Widerhaken, aber der Fisch war frei.

Ja, sie war einst eine echte Schönheit gewesen: Schlank und geschmeidig, ein fein geschnittenes Gesicht, die Haut von einem Olivton, der einen Mann in den Wahnsinn treiben konnte.

Doch nun ihr Gesicht war zerfressen von der Seuche. Haut und Fleisch überzogen sich nach und nach mit einem feinen, weißen Gespinst. Danach würden sie abfallen. Dies würde so lange weitergehen, bis die Infektion das Hirn erreichte. Dann würden Wahnsinn und bald der Tod folgen.

Nichts würde die Krankheit aufhalten können: Es gab keine Medizin und selbst ihre mächtigen Zauber würden die Hexe nicht retten können.

Wegen der Entstellung trug sie einen Schleier, doch selbst dieser konnte nicht mehr verhüllen, dass die linke Hälfte des Gesichts nun schon fast ein Totenschädel war.

Sie wolle mit mir reden, sagte sie und ich schaute weg.

Es gab nichts mehr zu reden.

Was sollte ich auch sagen?

Ich wollte Ihr nichts mehr vorwerfen, auch wenn sie mir alles genommen hatte: Meinen Besitz, meine Ehre, meine Frau und die Kinder.

Nichts war mir gelieben bis auf die Leere in meiner Brust.

Was wollte sie mir also sagen?

Mich um Verzeihung bitten?

Mir noch mehr Schmerzen zufügen?

Mir etwa Vorwürfe machen, dass ich mich befreit hatte?

Dass ich ihr nicht mehr zu Füßen lag und ihre Demütungen dankbar ertrug?

Das Schweigen stieg zwischen uns auf und füllte den Raum.

Sie bewegte den Kopf hin und her und es wurde mir mit einem Mal klar, warum wir hier saßen:

Ein schlechtes Gewissen!

Die Hexe wollte selbst noch aus der Seuche Profit schlagen, wollte mir ein schlechtes Gewissen machen, mich mit ihrem Anblick quälen!

Mitleid sollte ich bekommen und dieses Mitleid wäre nur ein weiterer ihrer Dolche in meiner Seele.

Doch die Seuche und der Tod und die Verwesung waren nun schon so lange Teil meines Lebens, als dass mich der Anblick verfaulenden Fleisches noch schrecken konnte.

Die Hexe hatte sich ihr Leid ganz alleine zuzuschreiben. Es gab nur eine einzige Möglichkeit, sich mit der Seuche anzustecken und sie musste um das Risiko gewusst haben.

Außerdem hatte ich eh kein Herz mehr, mit dem ich etwas hätte empfinden können.

Wortlos stand ich auf und ging hinaus.

 

Hinaus in mein Leben.

Geplatzt

So langsam scheinen meine Gewichtsprobleme in mein Unterbewusstsein zu sickern, denn gestern Nacht träumte mir, die lange Narbe an meiner linken Seite wäre aufgeplatzt.

Die Wunde war mindestens zwanzig Zentimeter lang und blutete nicht, dafür tat sich ganz schön weh. Sie klaffte offen und man konnte in mein Inneres sehen.

Ich lief zu meinem Bruder, um ihm die geplatzte Narbe zu zeigen, doch wir mussten eine Feier organisieren und er hatte dafür keine Zeit.

Droben am Himmel

Der Pickup raste über die schmale Straße hinweg und schüttelte uns durch. Ich saß mit zwei Soldaten auf der Ladefläche, während Teff das Gaspedal bis zur Wanne durchtrat. Der Motor heulte und alles klapperte und wackelte.

Die Kiefern, welche die Straße säumten, glitten an uns vorbei, doch keiner hatte mehr als einen kurzen Blick für sie übrig. Teff musste sich auf das Fahren konzentrieren und wir anderen starrten wie gebannt in den Himmel.

Dort oben flog etwas Großes herum. Es flog so hoch, dass man es kaum erkennen konnte, aber immerhin war zu erkennen, dass es Flügel hatte und einen langen Schwanz hinter sich herzog. Wieder einmal verfluchte ich die schlechten Augen dieses Körpers, denn der Rest des Wesens war nur ein Schemen. Das Ding schien sich nicht für uns zu interessieren, flog mal in diese, mal in eine andere Richtung, schien sich ab und an um die eigene Achse zu drehen.

Mein Herz klopfte vor Aufregung, obwohl ich genau wusste: Ein Drache konnte es nicht sein, denn der letzte Drache in dieser Welt saß hier auf der Ladefläche eines Pickups zwischen zwei Soldaten und schaute nach oben. Auch konnte ich keine Anwesenheit eines anderen Drachen spüren.

Was immer da oben seine Kreise zog: Es war groß, aber kein Drache.

Ich ließ den Blick sinken.

Die beiden Uniformierten neben mir hielten sich mit der jeweils einen Hand am Rand der Ladefläche fest, mit der anderen an ihren Sturmgewehren. Die Mündungen der Waffen reckten sie dem Himmel entgegen, so als währen die Gewehre Talismane zur Abwehr des Bösen.

Gerne hätte ich versucht, die Männer zu beruhigen. Hätte ihnen gesagt, dass ich sie vor dem Ding dort oben ganz bestimmt würde beschützen können.

Aber sie schienen so sehr auf ihre Waffen zu vertrauen - ich wollte sie nicht stören.