Spieleabend

Mir träumte, sie säßen an dem großen runden Tisch und würfelten um das Leben. Auf einer Tafel stand geschrieben:

1 – Ertrinken, 2 – Verdursten, 3 – Totgeschlagen, 4 – Erschossen, 5 + 6 – muss weiterleben.

Jeder ist mit Würfeln dran und jeder Wurf wird mit lauten Gegröhle quittiert.

Sie trinken und Lachen und würfeln.

Sie würfeln um das Leben anderer.

Klassentreffen

Die Limousinen hielten nacheinander direkt vor dem Eingang und aus ihrem Inneren schälten sich die Damen und Herren.
Hätte dieses Klassentreffen nur zehn Jahr früher stattgefunden, so hätte man Aufkleber mit Schnullern darauf am Heck jeden Wagens gesehen, doch diese Autos waren alle neu und niemand klebt etwas auf den Lack, denn dies mindert den Wiederverkaufswert.
Ich war mit dem Bus gekommen und nachdem ich mir das Treiben eine Weile angeschaut hatte, ging ich hinein.
Das Personal kontrollierte meine Karte, ich nahm den Hut ab und betrat den Festsaal.
Warme Brauntöne herrschten hier vor und es lag eine Spur zu viel Parfüm in der Luft. Die Damen waren hübsch, ihre Schultern frei, die Herren waren feist und ihre Anzüge ein wenig eng.
Jemand gab mir ein Glas.
Dem einen oder anderen zunickend suchte ich mir eine ruhige Ecke.
Wiedererkennen.
Wiedererkennen.
Stirnrunzeln.
Wiedererkennen.
Tuscheln.
Nicht nur ein gepudertes Näschen wurde wegen meines abgewetzten Filzanzuges gerümpft, aber das war mir egal:
Der Clown hatte mich erkannt und wir begrüßten uns freudig. Wie wir alle war er gealtert: Sein Haar begann schon grau zu werden und um seinen Mund waren mehr Falten als früher. Doch sein Lachen war klar wie eh und je.
Er nahm mich in den Arm und drückte mich.
Wir wechselten ein paar Worte, hauptsächlich über die harten Zeiten.
Nach und nach suchten sich die anderen Gäste eine Sitzplatz und die großen Flügeltüre des Saales schlossen sich langsam. Bald würde der Präsident eine witzige und kurze Ansprache halten – esine Ansprachen waren immer witzig und kurz, deswegen war er ja der Präsident.
Doch dann stieß jemand die großen Türen wieder auf und sie kam herein.
Sie kam zu spät wie sie immer zu spät kam: So konnte sie sicher sein, von allen gesehen zu werden.
Ob es nun wirklich so geschah oder ob ihr Anblick in mir eine Art Taubhei verursachte: Es wurde schlagartig still im Saal.
Sie betrat den Raum mit grazilen, eleganten Schritten. Ihr Kleid war silbrig und fast so weiß wie als wenn sie zum Traualtar schreiten würde.
Ihr langes, braunes Haar und ihre dunklen Augen bildeten einen faszinierenden Kontrast zum hellen Kleid.
Sie war schön wie eh und je.
Ihre Lippen waren voll und rot und zeigten ein scheues Lächeln. Ihre Schultern waren von einem dünnen Tuch bedeckt und jedes Fleckchen ihrer Haut, auf die man einen Blick erhaschen konnte, war die reine Verlockung.
Ich trank einen Schluck und schaute mich um.
Die Frauen starrten und die Männer hielten die Luft an. Dem Clown stand der Mund offen.
Kurz bevor der Einzug der Königin in ihren Thronsaal perfekt sein konnte, löste sich der Clown aus seiner Starre und polterte auf sie zu. Er machte Kratzfüße und Faxen und begrüßte die Schöne mit Überschwang. Der Zauber verflog und alle bewegten sich wieder. Viele tranken ihr Glas voller Verlegenheit aus, Ehefrauen stießen ihre Ehemänner in die Seite oder traten ihnen auf den Fuß. Manche taten beides.
Die Schöne lachte und freute sich über die Begrüßung des Clowns. In ihren Augen blitzte der Zorn.
Ich stellte mein Glas ab und begann, mir einen Weg durch einen Seitenausgang zu erschleichen.
Ich hatte genug gesehen.

Eine Party geht irgendwie schief

Gestern Nacht wieder: Ich träumte, dass ich mit vielen Leuten abends unterwegs war. Vielleicht war es mein Geburtstag, denn ich fühlte mich für den Abend verantwortlich. J. war dabei und A. und P. und viele andere. In Düsseldorf war jedoch das Wetter schlecht und für eine Kneipe waren wir viel zu viele Leute.
Also gingen wir an meine alte Arbeitsstätte, weil ich ja noch meinen Schlüssel hatte.
In den leeren Bibliotheksräumen feierten wir dann weiter, obwohl ich große Angst hatte, dass man uns erwischen würde.
Einmal fuhr ein Auto über den Innenhof und als die Scheinwerfer durch die Fenster strichen, warfen wir uns alle auf den Boden.
Dann jedoch brachen aus einem Container direkt nebenan grausige Gestalten aus und wir mussten fliehen. Einer von uns dachte wohl, er müssen den wankenden, verzerrten Restmenschen helfen, wurde von ihnen jedoch gefressen.
Bis wir zum großen See fliehen konnten, breiteten sich die Wesen wie eine Seuche über das ganze Land aus und wir bekämpfte sie, wo es nur ging.
Wir fanden heraus, dass ein Waffenproduzent, genannt, ,,Der Müller” hinter der ganzen Sache steckte und auf dem See kam es zum Showdown:
Auf Booten verfolgte ,,Der Müller” uns und als ich eine Handgranate auf seine Yacht warf, detonierte sie nicht.
Ein Blindgänger!
,,Typsch!” dachte ich, während ich meine Maschinenpistole durchlud ,,Die Granate wurde ja auch in seiner Fabrik gebaut!”

Befreiung

Mir träumte, ich saß in meiner alten Bibliothek. Die Bücher waren schon weg, die Regale abgebaut. Der Raum war leer, sah aus wie ein Tanzsaal ohne Tänzer.

Ich hockte auf einem Bürostuhl, noch eingepackt und bereitgestellt für die Nachnutzer.

Mir gegenüber saß die Zauberin.

Erinnerungen kamen in mir hoch. Erinnerungen an unsere erste Begegnung vor so vielen Jahren. An ihre Schönheit. Wie sich mich umgarnt hatte, wie sehr ich mich geschmeichelt gefühlt hatte, von einer solchen Göttin begehrt zu werden.

Erinnerungen an unsere gemeinsamen Abenteuer - und wie sie sich still und heimlich in mein Herz geschlichen und es mir dann gestohlen hatte.

Noch immer tat die Wunde in meiner Brust mir weh, die Ränder würden vielleicht niemals heilen. Am schlimmsten war aber das Gefühl der Leere, wo einst mein Herz geschlagen hatte.

Seitdem war ich kein richtiger Mensch mehr: Ein Zwischending, nicht lebendig und nicht tot.

Immerhin war ihr Zauber schon lange gebrochen. Der Fisch war vom Haken. Sein Maul war zerfetzt von den Widerhaken, aber der Fisch war frei.

Ja, sie war einst eine echte Schönheit gewesen: Schlank und geschmeidig, ein fein geschnittenes Gesicht, die Haut von einem Olivton, der einen Mann in den Wahnsinn treiben konnte.

Doch nun ihr Gesicht war zerfressen von der Seuche. Haut und Fleisch überzogen sich nach und nach mit einem feinen, weißen Gespinst. Danach würden sie abfallen. Dies würde so lange weitergehen, bis die Infektion das Hirn erreichte. Dann würden Wahnsinn und bald der Tod folgen.

Nichts würde die Krankheit aufhalten können: Es gab keine Medizin und selbst ihre mächtigen Zauber würden die Hexe nicht retten können.

Wegen der Entstellung trug sie einen Schleier, doch selbst dieser konnte nicht mehr verhüllen, dass die linke Hälfte des Gesichts nun schon fast ein Totenschädel war.

Sie wolle mit mir reden, sagte sie und ich schaute weg.

Es gab nichts mehr zu reden.

Was sollte ich auch sagen?

Ich wollte Ihr nichts mehr vorwerfen, auch wenn sie mir alles genommen hatte: Meinen Besitz, meine Ehre, meine Frau und die Kinder.

Nichts war mir gelieben bis auf die Leere in meiner Brust.

Was wollte sie mir also sagen?

Mich um Verzeihung bitten?

Mir noch mehr Schmerzen zufügen?

Mir etwa Vorwürfe machen, dass ich mich befreit hatte?

Dass ich ihr nicht mehr zu Füßen lag und ihre Demütungen dankbar ertrug?

Das Schweigen stieg zwischen uns auf und füllte den Raum.

Sie bewegte den Kopf hin und her und es wurde mir mit einem Mal klar, warum wir hier saßen:

Ein schlechtes Gewissen!

Die Hexe wollte selbst noch aus der Seuche Profit schlagen, wollte mir ein schlechtes Gewissen machen, mich mit ihrem Anblick quälen!

Mitleid sollte ich bekommen und dieses Mitleid wäre nur ein weiterer ihrer Dolche in meiner Seele.

Doch die Seuche und der Tod und die Verwesung waren nun schon so lange Teil meines Lebens, als dass mich der Anblick verfaulenden Fleisches noch schrecken konnte.

Die Hexe hatte sich ihr Leid ganz alleine zuzuschreiben. Es gab nur eine einzige Möglichkeit, sich mit der Seuche anzustecken und sie musste um das Risiko gewusst haben.

Außerdem hatte ich eh kein Herz mehr, mit dem ich etwas hätte empfinden können.

Wortlos stand ich auf und ging hinaus.

 

Hinaus in mein Leben.

Geplatzt

So langsam scheinen meine Gewichtsprobleme in mein Unterbewusstsein zu sickern, denn gestern Nacht träumte mir, die lange Narbe an meiner linken Seite wäre aufgeplatzt.

Die Wunde war mindestens zwanzig Zentimeter lang und blutete nicht, dafür tat sich ganz schön weh. Sie klaffte offen und man konnte in mein Inneres sehen.

Ich lief zu meinem Bruder, um ihm die geplatzte Narbe zu zeigen, doch wir mussten eine Feier organisieren und er hatte dafür keine Zeit.

Droben am Himmel

Der Pickup raste über die schmale Straße hinweg und schüttelte uns durch. Ich saß mit zwei Soldaten auf der Ladefläche, während Teff das Gaspedal bis zur Wanne durchtrat. Der Motor heulte und alles klapperte und wackelte.

Die Kiefern, welche die Straße säumten, glitten an uns vorbei, doch keiner hatte mehr als einen kurzen Blick für sie übrig. Teff musste sich auf das Fahren konzentrieren und wir anderen starrten wie gebannt in den Himmel.

Dort oben flog etwas Großes herum. Es flog so hoch, dass man es kaum erkennen konnte, aber immerhin war zu erkennen, dass es Flügel hatte und einen langen Schwanz hinter sich herzog. Wieder einmal verfluchte ich die schlechten Augen dieses Körpers, denn der Rest des Wesens war nur ein Schemen. Das Ding schien sich nicht für uns zu interessieren, flog mal in diese, mal in eine andere Richtung, schien sich ab und an um die eigene Achse zu drehen.

Mein Herz klopfte vor Aufregung, obwohl ich genau wusste: Ein Drache konnte es nicht sein, denn der letzte Drache in dieser Welt saß hier auf der Ladefläche eines Pickups zwischen zwei Soldaten und schaute nach oben. Auch konnte ich keine Anwesenheit eines anderen Drachen spüren.

Was immer da oben seine Kreise zog: Es war groß, aber kein Drache.

Ich ließ den Blick sinken.

Die beiden Uniformierten neben mir hielten sich mit der jeweils einen Hand am Rand der Ladefläche fest, mit der anderen an ihren Sturmgewehren. Die Mündungen der Waffen reckten sie dem Himmel entgegen, so als währen die Gewehre Talismane zur Abwehr des Bösen.

Gerne hätte ich versucht, die Männer zu beruhigen. Hätte ihnen gesagt, dass ich sie vor dem Ding dort oben ganz bestimmt würde beschützen können.

Aber sie schienen so sehr auf ihre Waffen zu vertrauen - ich wollte sie nicht stören.

Traumfragment New York

Der gestrige Traum begann mit der Performance von ,,Everyone's coming to New York'', in welcher Cabbie zum ersten Mal auftaucht.

Ich habe ihn sogar kurz gesehen, doch da mich der Auftritt nicht sonderlich interressierte und ich auch nicht entdeckt werden wollte, ging ich nach draußen. Die Luft dort war frisch und kühl und ich glitt in den Schatten eines Baumes. Niemand beachtete mich - ich war eine dunkle Gestalt wie jede andere auch.

Das war mir recht.

Drinnen hörte die Musik auf und Männer kamen heraus. Mit dem Öffnen der Türen schwappte Applaus in die Nacht. Man hörte Cabbie laut reden: ,,Was? die Romano-Brüder sind einzeln gekommen? Seid Ihr wahnsinnig?'' oder auch: ,,Passt gut auf Euch auf, Kinder! Denkt daran, heute der neunten Straße nicht zu nahe zu kommen!''

Die Männer sammelten sich in Gruppen und verschwanden in der Dunkelheit und es wurde ruhig. Ich genoß die Stille, schaute mich um in dieser erstaunlich gut erhaltenen Gegend.

Angst hatte ich nicht.

Wovor auch?

Die Ruhe währte jedoch nicht lang:

Menschen kamen aus den Häusern rundherum und bewegten sich auf das Theater zu. Es waren Frauen darunter und viele trugen Kinder.

Porz

Mir träumte, ich hätte eine ,,Porz-Warze” am Bauch.
Ich war übrigens nicht der Einzige mit so einem Ding und es war klein und juckte ein wenig.
Mein Hausarzt klärte mich darüber auf, dass der Begriff ,,Porz-Warze” nichts mit dem Kölner Stadtteil zu tun habe, sondern sich vom lateinischen ,,Porcus” ableite.
Ich hatte also eine Schweinewarze.