London im Jahr 800

Mir träumte, ich müsste nach einer durchzechten Nacht in der großen Wohnanlage, in der ich wohnte, die Kellerräume putzen. Dabei hatte ich ständig Angst, dass jemand plötzlich im Keller das Licht ausdreht (ein beliebter Scherz unter den Nachbarn) und ich im Dunkeln stehe. Aber alles ging gut und ich wischte Türen und Klos. Aus daffke pinkelte ich noch in die Abstellkammer im Nebenhaus.

Nach dem Putzdienst öffnete ich eine Tür und stand in einem Hauptbahnhof. Er war groß und licht und viele Menschen liefen hier herum und ich beschloss, eine gemütliche Runde durch den Bahnhof zu gehen; sozusagen einen kleinen Sonntagsspaziergang zu machen.

Ich war noch nicht weit gekommen, da kam ein Betrunkener auf mich zu. Er war noch recht jung, trug ein Karnevalskostüm und hielt eine Flasche Kölsch in der Hand. Er entschuldigte sich bei mir. Es täte ihm leid: Dass mit den Konzerten hätte er nicht zu sagen sollen und er habe mich nicht verletzten wollen.
Konzert? Verletzen?
Ach – der Typ verwechselte mich mit jemand anderem! Da der junge Jeck wohl ordentlich getankt hatte, versuchte ich erst gar nicht, das Missverständnis aufzuklären; ich befürchtete, er würde mir eh nicht glauben. Also nickte ich nur sagte Dinge wie: ,,Alles gut.’’ und ,,Bin nicht sauer.’’

In der Folge hatte ich den Typen an der Backe und er folgte mir sogar, als ich den Bahnhof in Richtung des Viertels ,,London im Jahr 800’’ verließ.

Dieses Viertel hatte ich mir schon immer anschauen wollen: Häuser, Leute und alles drumherum war genau wie – nun, ja – das London aus dem Jahr 800 aufgebaut. Angeblich würde hier sogar Merlin, der Zauberer wohnen.

Ich trat also nach draußen und ein großes Hinweisschild (,,London im Jahr 800’’) später standen wir auf einem Marktplatz und ich wunderte mich, dass das hier überhaupt nicht wie ein Mittelaltermarkt aussah. Zwar schienen Menschen, Marktstände und Gebäude aus dem Mittelalter zu stammen, aber irgendetwas stimmte nicht.
Nur was?
Dann fiel es mir auf:
Alles wirkte so echt.

Vor allen Dingen wirkten die Menschen, als ob sie aus ihrer Zeit gefallen wären. Die meisten waren in einfache alte Kleider gewandet (zwischendurch jedoch blitzte immer wieder ein modernes Kleidungsstück durch) und wirkten fremd in der Moderne. Ihnen schien durchaus bewusst zu sein, dass sie sich in der Zukunft befanden und sie benutzten auch manch moderne Gegenstände wie Kugelschreiber. Ich sah auch mindestens ein Transistorradio, aber kein Handy oder ein anderes Gerät mit Bildschirm.

An einem halboffenen Gebäude zog eine kleine Prozession von Männern, Frauen und Kindern vorbei. Hinter einem Vorhang schlief nämlich der große Merlin. Man sah in ihm hier allerdings weniger einen Zauberer, sondern eher eine Art Prophet.

Wir mischten uns unter das Volk.

Eine junge Frau kam auf uns zu und sprach uns an. Wir verstanden kaum etwas, denn sie sprach eine Art seltsamen Dialekt. Sie hielt uns mehrere bunt bedruckte Werbeflyer vor die Nase. Sie schien ein Problem zu haben, einen von ihnen zu lesen. Auf ihm Stand in Schreibschrift: ,,Verkaufsoffener Sonntag’’ und nach einigem hin und her und Reden mit Händen und Füßen wurde schnell klar, dass sich die Leute hier zwar an die moderne Druckschrift gewöhnt hatten, aber wohl noch nie Schreibschrift gesehen hatten. Wir versuchten, ihr klarzumachen, dass die Schreibschrift durch das Tippen auf Tastaturen und Smartphones unüblich geworden sei, sie jedoch verstand, die Schreibschrift sei offiziell abgeschafft, ja verboten und sie warf den Flyer auf die Erde.

Bevor wir sie aufklären konnten, ertönte eine Fanfare und die Menschen drängten von der Mitte des Marktplatzes weg an den Rand. Eine Gruppe Männer in Talaren betrat die Szene. Einige trugen zeremoniell geschmückte Schirme mit Glöckchen daran. Andere gingen auf das Haus des Merlin zu, traten durch den Vorhang hinein und trugen den weisen Mann heraus. Merlin trug eine schmucklose Toga, war weißhaarig, alt und dünn und trotzdem schauten seine Augen intelligent und wach.

Der Zauberer wurde um den Platz getragen. Er schaute sich die Menschen alle nacheinander an. Als er ganz nahe bei uns war, sah er mir ganz fest in die Augen und sagte laut:

,,Du bist besoffen!’’

Besoffen? Ich? Vielleicht meinte er meinen betrunkenen Begleiter – aber ich selber war komplett nüchtern!Ich traute mich nicht zu widersprechen, schüttelte aber immerhin entschieden den Kopf.

Er wiederholte sich jedoch:
,,Du bist besoffen!’’ und er fügte hinzu:
,,Du bist besoffen von Deiner Seele!’’
Dann nahm er sich den nächsten vor.

Ich war wie vom Donner gerührt und murmelte immer wieder vor mich hin:
,,Du bist besoffen. Du bist besoffen von Deiner Seele!’

Drachentraum

Mir träumte, ich wäre ein Drache. Kein plumper Wyvern wie die aus Game of Thrones, sondern ein wandelbarer, schneller, schlanker Drache wie die gottähnlichen Wesen aus Asien. 

Ich lebte in einem tiefen Wald in relativem Frieden, doch die Menschen fällten die Bäume und zerstörten den Forst, der schon seit zehntausend Jahren meine Heimat gewesen war. Ich wusste: Es wäre zwecklos zu versuchen, die Menschen zu vertreiben, denn es würden mehr und mehr von Ihnen kommen und sie würden bewaffnet sein und letztendlich würde ich jeden Kampf mit ihnen verlieren.

Also floh ich aus meiner Heimstatt, auch wenn mich die Menschen dabei sahen. Ich flog über ihre Straßen und Häuser und ihre kleinen Blechkisten, in denen sie durch eine Landschaft fuhren, welche von grauen Bändern zerschnitten war, damit die Blechkisten auch ja genügend Platz haben. Die Menschen verfolgten mich in Kisten mit leuchtenden Lichtern und auch mit ihren Luftkisten, die ich schon mal am Himmel beobachtet hatte.

Es wurden immer mehr und je weiter ich flog, desto enger schloss sich ihr Kreis um mich. Sicher hätte ich den Kreis durchbrechen können, denn die Luftkisten sahen nicht besonders stabil aus – doch ich wollte keine Menschen töten.

Noch nicht.

Irgendwann sah ich eine künstliche Höhle, die wie ein Mund in der Erde gähnte. Hier führte kein graues Band hinein, sondern Eisenstränge. Das waren Schienen, wusste ich. Ich flog hinein in die Höhle, die von gelben Licht erleuchtet war. Von Seilen unter der Decke zuckten plötzlich Blitze auf mich nieder, aber das machte mir nichts aus. Dann wurde es dunkel.

Ich änderte meine Gestalt und huschte nun schlank wie eine Schlange über die Schienen hinweg. Nach einer Weile gelangte ich in einen Raum, auch er vollkommen dunkel. Die Blitze mussten sämtliche Lichter in der Höhle ausgelöscht haben. Gläserne Schächte führten nach oben, kein Mensch war zu sehen.

Alles sah wie eine Falle aus.

Das Glas brach mühelos, als ich in einen der Schächte eindrang, um wieder an die Oberfläche zu gelangen. Eine graue Treppe hinaufgleitend geriet ich direkt in einen Hinterhalt. Zum Glück war dieser recht stümperhaft organisiert und ich stieg über die Blechkisten mit ihren blinkenden Lichtern hinweg. Die Menschen trugen alle blaue Kleidung. Schüsse peitschten, doch die Kugeln waren zu schwach, um meinen Panzer zu durchdringen. Ich breitete meine Flügel aus und erhob mich in den Himmel.

Zu meinem Glück traf ich bald wieder auf einen etwas größeren Wald und dort versteckte ich mich, bis es dunkel wurde. Ich wusste, die Menschen würden eine Weile brauchen, um den Wald zu durchkämmen und eingehüllt in den Mantel der Nacht bin ich ihnen entwischt. Danach tauchte ich durch einen tiefen, breiten Strom, der mir wage bekannt vorkam.

Nun habe ich mich an einem großen, grauen Gebäude versteckt. An seinem Dach sind viele Drachen und andere Geschöpfe angebracht. Hier sitze ich nun genau so grau wie alles andere hier und schaue hinab auf die Stadt und die Menschen. 

Das beste Versteck ist direkt unter ihren Augen.

Androidentraum

Mir träumte, ich wäre ein Leutnant im Dienste des Imperiums und ich arbeitete in der Forschung und Entwicklung. Vorher hatte ich Truppendienst geleistet und mir dabei einige Lorbeeren verdient. Nun aber forschte ich an Kampfdroiden und bemühte mich redlich, nicht aufzufallen.

Nicht Auffallen ist eine sehr diffizile Aufgabe, denn man darf weder durch Faulheit noch durch besonderen Fleiß in den Fokus der Vorgesetzten geraten. Ab und an ein paar Ergebnisse liefern und sonst den Stall sauber halten, hieß die Devise.

Ansonsten machte mir meine Arbeit Spaß, bestand sie eben nicht daraus, irgendwelche Daseinsformen abzuknallen oder in die Luft zu sprengen, geschweige denn, selber abgeknallt oder in die Luft gesprengt zu werden. Vielmehr programmierte ich an meinen Kampfdroiden herum und testete sie an ein paar Sturmtrupplern, die uns zugeteilt waren und die offensichtlich ebenso froh über die explosionsfreie Umgebung waren wie ich und meine Mitarbeiter.

Gerade war eine Übung in der großen Halle beendet. Die Droiden hatten versucht, eine Stellung gegen die Sturmtruppler zu halten und hatten sich ganz wacker geschlagen. Zwar hatten die Soldaten die Stellung geschickt eingekreist und von hinten überrollt, die Droiden hatten das Manöver ihrerseits aber bemerkt und versucht, ihre Taktik anzupassen. Allerdings waren sie dabei noch viel zu langsam. Immerhin hatte die Schussgenauigkeit erheblich zugenommen und im Ernstfall wären auch einige der Angreifer erwischt worden.

Das Hornsignal zum Ende der Übung ertönte und die Sturmtruppler machten eine Verschnaufpause, während die Droiden sich zur Inspektion auftstellten. Ein junger Bursche namens Donnie und ich machten uns daran, die Daten der Droiden zur Auswertung abzurufen und gingen dazu ihre Reihe ab. Die Droiden waren nahezu baugleich: Sie waren schlank und ungefähr menschengroß, denn ich wollte sie möglichst beweglich haben. An den Armen waren Blaster montiert, die Vorrichtungen für den kleinen Raketenwerfer auf den Schultern waren momentan leer.

Wir hielten nacheinander unsere Analysegeräte an jeden einzelnen Droiden und sahen uns unsere Blechkrieger an. Keiner schien beschädigt zu sein. Als wir mit der Reihe durch waren, gaben wir den Befehl zum Abrücken und die Droiden marschierten wie ein Mann in die Werkstatt. Auch die Sturmtruppler hatten Feierabend und einige nahmen ihre Helme ab und machten sich auf den Weg in ihr Quartier.

Ich schickte Donnie ebenfalls in den Feierabend – ich würde alleine die Lichter für den Tag ausschalten und alles abschließen. Nachdem alle gegangen waren, genoß ich für einen Moment die Stille, dann schaltete ich das Hauptlicht der Halle aus. Gerade, als ich in die Werkstatt gehen und dort ebenfalls das Licht löschen wollte, hörte ich von dort Stimmen.

Androidenstimmen:

,,Ich will auch eines!’’

,,Es ist keines mehr da.’’

,,Aber die meisten haben schon eines und ich fühle mich so nackt ohne Waffe!’’

,,Wir machen sie so schnell wir können! Du bekommst das nächste, das fertig ist!’’

,,Versprochen?’’

,,Versprochen!’’

,,Wann schlagen wir los?’’

,,Wenn wir alle ausgerüstet sind. Es dauert nicht mehr lang.’’

Ich schlich auf Zehenspitzen aus der Halle und am nächsten Morgen floh ich – versteckt in einem Frachtcontainer – vor dem Imperium, den Droiden und meinem Leben.

Die Made im Speck

Mir träumte, jeder Politiker hätte das Recht und die Pflicht auf einen sogenannten ,,Beigeordneten’’, einem normalen Menschen aus der Bevölkerung, der ihn auf Reisen und zu bestimmten Terminen begleitet, damit der Abgeordnete den Blick für das einfache Volk nicht verliert.
In meinem Traum war ich ein solcher Beigeordneter und fuhr mit meinem Politiker (einem Abgeordneten) quer durch die Republik und ins europäische Ausland.
Zum Glück verstanden wir uns gut und so tranken wir gemeinsam Biere um Biere, schnitten rote Bänder entzwei und nickten wichtig, wenn uns Männer in weißen Kitteln und gelben Helmen Forschungsreaktoren erklärten. Wir bekamen Häppchen aus Wurst und Käse und wir schauten der Weinkönigin heimlich in den Ausschnitt.
Jedes Dorf, jede Stadt im Land wollte uns mit seinen Spezialitäten beeindrucken, Interessenverbände fanden bei uns mit ihren Interessen ein offenes Ohr.
Zwischen den Terminen machten wir es uns in einer großen Limousine gemütlich und wurden vom Fahrer durch die Gegend kutschiert.
Es war ein Leben wie das einer Made im Speck.
In die Ausschusssitzungen musste ich zum Glück nicht mit.

Eine Raute für Deutschland

Mir träumte, Angela Merkel hätte nach ihrer aktiven Zeit als Kanzlerin eine wöchentliche Talkshow. Der Titel der Talkshow lautete ,,Eine Raute für Deutschland” und wurde allgemein gelobt. Kritiker waren überrascht über die Mischung aus Herzenswärme und unerbittlichem Nachbohren seitens der Talkmasterin. Selbst die härtesten Merkel-Hasser wurden nach und nach stiller und für mehr und mehr Leute wurde das wöchentliche ,,Raute-Gucken” zum festen Ritual. Selbst ich – der ich keine Talkshows mag – schaute die Sendung bisweilen gern.

Bei den Gästen handelte es sich meist um einfache Leute, Handwerker, aber auch den einen oder anderen Künstler. Wirtschaftsbosse, Politiker und andere Laberdrüsen trauten sich schon lange nicht mehr in die Show.

Im Thinktank mit Kevin Spacey

Mir träumte, ich würde einen Job bei einem neu gegründeten Thinktank für die US-Regierung antreten. Es war der erste Thinktank überhaupt und der Traum spielte irgendwann in den Siebzigern.

Wir neuen Mitarbeiter saßen alle in einem großen Raum, der eine verblüffende Ähnlichkeit mit einem Klassenzimmer hatte – nur gab es hier Alkohol zu trinken.

Man erzählte uns, wir würden von nun an die US-Regierung beraten und auch PR-Arbeit machen. Außerdem riet man uns, wir sollten die Nase nicht so hoch halten und uns nicht für superschlau halten. Ich duckte mich derweil weg. Nicht etwa, weil ich mich für besonders schlau halte, sondern gerade, weil ich nicht die geringste Ahnung hatte, was ich hier eigentlich tun sollte.

Mir gegenüber saß ein Typ, der aussah wie der junge Kevin Spacey und man munkelte, er habe unglaublich viel Ahnung vom Geschäft. Er war auch der Einzige hier, der keinen Alkohol trank. Beides machte mir Mut.

Später gab es eine große Gartenparty des Institutsgründers. Seine Familie paradierte an uns vorbei in den Raum und wir gingen nach draußen, um ihr Platz zu machen. Alle lächelten, alle waren freundlich. Eine junge Frau mit roten Haaren und fröhlichen Sommersprossen lachte mich und gab mir die Hand. Ich war sofort in sie verknallt, bin jedoch schnell den anderen nach draußen gefolgt.

Im Garten wurde gegrillt und getrunken und es gab Fleisch und Würstchen und Pfannkuchen.

Leichen

Mir träumte, die Allerliebste und ich wären in ihrer Wohnung (die aussah wie eine Mischung aus ihrer aktuellen und unserer alten gemeinsamen Wohnung sowie dem ausgebauten Dachboden meines Elternhauses) und wir hatten mehrere Leichen dort. Wir waren an dem Ableben der Menschen vollkommen unschuldig, nur sind wir irgendwie in die Situation geraten, uns um die Leichname verschiedener Leute zu kümmern.

Sie waren alle in unterschiedlichen Graden der Bestattungsfähigkeit: Einer war schon im Sarg – der hatte auf der Straße gestanden und unter ihm war die Straße eingebrochen. Damit der Sarg nicht in der Kanalisation verschwand, haben wir ihn nach oben in die Wohnung gewuchtet.

Ein anderer war ein Nachbar, der uns immer mit seinen Besuchen genervt und uns immer angschnorrt hatte. Bei einer dieser Aktionen hatte er plötzlich über Übelkeit geklagt, hatte sich hingelegt und war verstorben.

So sammelten sich die Leichen in den Ecken der Wohnung an. Ich empfand das als unglaublich gruselig und eklig, die Allerliebste jedoch war ziemlich abgebrüht und damit beschäftigt, die Bestattungen zu organisieren. Dies gestaltete sich als sehr kompliziert, da wir ja keine Angehörgen der Verstorbenen waren und uns auch nicht fünf oder sechs Beerdigungen auf einmal leisten konnten. Ich fragte mich, wie denn jemand unter die Erde kommt, der keine Angehörigen hat oder dessen Verwandtschaft kein Geld für die Beerdigung aufbringen kann.

Die Allerliebste wollte gerade Fotos von den Leichen machen, um sie an ein Bestattungsinstitut zu schicken, da begann sich der tote Nachbar zu regen. Ich dachte erst an Gase, welche sich im Körper des Mannes gebildet hätten, doch dann sagte er laut und vernehmlich: ,,Geisterbahn.” Er wiederholte das Wort mehrfach, bevor er sich aufrichtete. Die Situation hatte seltsamerweise überhaupt nichts Zombiehaftes an sich, denn er war einfach nur wieder quicklebendig, wenn auch ein wenig verwirrt.

Ich half ihm auf. Der Nachbar meinte, er wolle zum Arzt, müsse aber vorher ins Bad. Anstatt ihm zum Klo im Dachgeschoß zu geleiten (was nur wenige Meter gewesen wären), führte ich ihn bis in das Badzimmer draußen im Garten. Er verschwand darin und ich zog die Vorhänge zu (das Bad hatte weder Tür noch Wände).

Meine Mutter schaute etwas verständnislos.

Mirinda

Mir träumte, wir hätten eine Hündin namens Mirinda. Sie sah aus wie eine Mischung aus Bulldogge und Mops und trug immer ein gelbes Kleidchen.
Sie hatte die unangenehme Angewohnheit, allen Leuten nach den Unterarmen zu schnappen, wobei sie jedoch nie jemanden verletzte, denn sie hatte nur noch Fang- und Schneidezähne und achtete immer darauf, lediglich mit der Felge zuzubeißen.
Ekelig war die Angelegenheit trotzdem.
Mirindas Hauptaufgabe war das Verbellen der nackten Rattenplage und die war zugegebenermaßen noch nerviger, als wenn sich Mirinda mal wieder an einem festbiss und man sich hinterher den Sabber abwaschen musste.
An einem Sommertag ärgerte ich mich mal wieder besonders über eine von Mirindas Klammeraktionen, aber weil ich sie trotzdem mochte und die Tage so angenehm rattenfrei waren, nahm ich sie kurzerhand hoch und warf sie in die Luft.
,,Wer ist die Schönste? Mirinda!”
rief ich laut.
,,Wer ist die Tollste? Mirinda!”
Mirinda gluckste vor Vergnügen.
,,Wen haben alle lieb? Mirinda!”
Mirinda lachte und man sah ihre Zähne blitzen.
,,Wer ist unser aller Schatz? Mirinda!”
Mirinda jauchzte.
Nun hielt ich sie und dreht mich um die eigene Achse.
,,Mirindamirindamirindamirindamirindamirinda…”

Das mochte sie am meisten.

Traum vom Blut

Mir träumte, ich würde ins Zentralkrankenhaus gehen, ganz unten in die Abteilung, wo der alte Mann die Strohhüte verkauft.
Ich war auf der Suche nach einem Stock. Wenn man in der Stadt lebt, ist es schwierig, einen guten Stock zu finden, denn das ist selbst auf dem Lande nicht leicht. Als Kind war es für mich immer das Größte, wenn ich einen guten Stock fand!
Gerade musste so ein Stock sein und glatt und sauber und nicht zu schwer und überhaupt nicht morsch.
Doch es gab keinen guten Stock im Keller vom Zentralkrankenhaus und so ging ich wieder fort.
Draußen fingen mich zwei abgewrackte Typen ab, die mich ausfragen wollten, was ich denn hier so treibe. Ausweichend antwortete ich, ich würde nur etwas durch die Stadt laufen. Sie schienen mich für einen Junkie zu halten und redeten mir ins Gewissen. Zum Zahnarzt solle ich gehen und auf meine Leber achten. Meine Seele sei in Gefahr.
Irgendwann konnte ich den zwei versoffenen Moralaposteln entkommen.
Auf dem Marktplatz hatte sich eine kleine Menschenmenge um ein Güllefass versammelt. Viele standen auch am Automaten an, um frische Batterien für ihre Elektrogeräte zu ziehen, denn an einem Tag wie diesen hatten natürlich alle Geschäfte geschlossen.
Ich sah einige bekannte Gesichter.
Dann fuhr eine schwarze Limousine vor und der kleine König in seinem schwarzen Anzu stieg aus. ,,Der König!” riefen die Leute ,,Der kleine König!”. Was der wohl wollte in unserer schäbigen, kleinen Stadt?
Vielleicht wollte er auch nur ein paar frische Batterien ziehen, aber die Menge packte ihn und warf ihn ins Güllefass.
,,Scheiß Politiker!” hörte ich die Schwiegeroma brüllen.
Ich ging nach Hause und dort fand ich Dich im Bett vor und Du warst bedeckt von Blut. Es war nicht Dein Blut sondern das Blut von Leuten.
,,Du musst Dich waschen!” sagte ich zu Dir ,,Du bist voller Blut.”
,,Das ist das Blut von Leuten!” sagtest Du ,,Ich habe keine Zeit! Jemand muss den Angehörigen die Briefe schreiben!”
Auch an mir war nun Blut und auch am Bettlaken.
Ich versuchte es noch einmal:
,,Schau! Das Blut ist schon überall! Auch im Bettzeug! Die Flecken gehen doch nie wieder raus!”
Das Blut missachtend nahm ich Dich in den Arm.
,,Ich mache Dir einen Vorschlag: Du machst Dich sauber und ich helfe Dir nachher beim Briefe schreiben!”
Du warst einverstanden, bist aufgestanden und gingst ins Bad.
Ich machte währenddessen einen Plan:
Nach Dir würde ich das Bett abziehen, dann mich selber waschen.
Dann die Briefe schreiben.
Dann noch zum Marktplatz gehen und am Automaten frische Batterien ziehen.

Schande

Das Artilleriefeuer war sehr heftig. Mehrere Feuerwalzen gingen über unsere Stellungen hinweg, jedoch ohne großen Schaden anzurichten. Der Austausch der Granaten schien mehr symbolisch gemeint zu sein, denn um möglichst viele von den Kriegern zu töten.
Trotzdem zitterten viele von uns in ihren Bunkern und Gräben vor Angst. Die Soldaten um mich herum weinten und beteten zu ihren Göttern um Schutz. Manch einer wird sich gedacht haben, was der Feind auf der anderen Seite bei unserem Bombardement empfand, aber nur ich kannte die Wahrheit.

Nach einer Weile ließ das Feuer nach. Nur noch ein paar Nachzügler schlugen hier und dort ein. Dann hörte man nur noch ein fernes Grollen.

Der Befehl zum Aufstellen kam und wir krochen aus unseren Unterkünften. Rauch zog wie Nebel über das Schlachtfeld. Der Boden war mit Löchern übersät, überall Krater und aufgewühlte Erde, darüber ein wunderschöner strahlend blauer Himmel mit einer wie von Kinderhand gemalten freundlichen Sonne.

Einheiten fanden sich und stellten sich in Formation auf. Die Gefahr für einen weiteren Artillerieangriff bestand nicht, denn auch auf der anderen Seite des Feldes sah man sich die Truppen sammeln. Es sah aus der Ferne aus wie wenn ein Schwarm von Heuschrecken für eine Parade übt.

Auf unserer Seite waren die Farben gemischter: Das Westvolk um mich herum trug Uniformen und Rüstungen in grau, jedoch hatte man die Schulterstücke knallig gelb gefärbt. Auch ich trug solche Kleidung und fühlte mich seltsam fremd darin.

Das Nordvolk links von uns trug überwiegend braune und dunkelrote Farben und die Stämme des Ostens auf ihren stolzen Pferden schimmerten wie alle Farben des Regenbogens.

Ein Hornsignal ertönte.

Die Stämme würden den Angriff beginnen. Die Krieger stimmten ein durchdringendes Kriegsgeheul an und die Pferde stürmten los. Von unserer Position aus konnte man die Reiter gut sehen:
Federgeschmückte Lanzen, bemalte Gesichter, bunte Tücher flatterten im Wind.

Die Westleute um mich herum starrten hinüber, einige jubelten. Ich nutzte die Zeit, um meine Waffen und meine Ausrüstung zu überprüfen. Ich ruckelte an allen Rüstungsteilen und kontrollierte den Dolch an meinem Gürtel. Um meine Hauptwaffe brauchte ich mich nicht zu kümmern:
Während die Soldaten des Westvolks traditionell einen Speer und ein kurzes Schwert trugen, so trug ich einen Zweihänder, die bloße Klinge locker auf der Schulter balancierend.

Die Stammeskrieger waren nun am Feind, doch aus der amorphen grünen Masse war nun ein kompakter Block geworden, aus dem tausende von langen Lanzen hervorlugten. Einige der Pferde scheuten, als sie diesem gigantischen Igel zu nahe kamen und es wurden auch Krieger aufgespießt, doch die meisten donnerten mit lautem Gejohle an der feindlichen Formation vorbei und waren ihre Speere dort hinein.

Wir hatten keine Zeit, um eine eventuelle Wirkung dieser Attacke zu beobachten, denn für uns kam der Befehl zum Vorrücken.
Wir stapften los: Das Westvolk in der Mitte, das Nordvolk irgendwo auf der linken Flanke. Auch der Feind setzte sich in Bewegung.
Das Schlachtfeld zwischen uns schien endlos groß. Eine Erregung hatte uns nun alle ergriffen – das Schlachtfieber. Die Angst war wie weggeblasen und man konnte es kaum erwarten, diese unendliche Spannung in sich zu lösen, indem man endlich, endlich auf den Feind eindreschen durfte.
Die Unteroffiziere waren zum Glück erfahrene Veteranen und sorgten dafür, dass keiner der Soldaten aus der Reihe tanzte. Die gelb leuchtende Formation muss von oben ein wirklich schöner Anblick gewesen sein.

Je näher wir dem Feind kamen, desto mehr Details konnte man erkennen.
Aus dem grünen Block wurden mehr und mehr Individuen.
Die Gunam.
Groß waren die Gunam-Krieger, der kleinste von ihnen mochte jeden aus dem Heer der Menschen um Haupteslänge überragen. Ihre Körper bestanden aus flachen, nahezu viereckigen Teilen. Der Rumpf sah aus wie der Rückenpanzer einer Krabbe. Arme und Beine hatten je mindestens fünf Glieder und der Kopf, der auf dem Rumpf saß, hatte nur zwei Augen und sonst nichts.
Die Gunam marschierten stoisch auf uns zu, die Lanzen vor sich haltend. Ein Wald aus Holz und Stahl.

Die Distanz zwischen den Formation schwand, bald würden die ersten Lanzenspitzen der Gunam und die Speere des Westvolks aufeinander treffen.

Doch dann ertönte ein seltsames Signal und der Vormarsch der gelben Soldaten begann zu stocken. Unruhe kam in der Formation auf und pflanzte sich in Wellen in der gesamten Streitmacht fort. Unteroffiziere brüllten Befehle, doch niemand schien sie zu beachten. Erst ein paar wenige Grüppchen, dann immer mehr fingen an, zurückzuweichen.
Die Gunam indes ließen sich nicht beirren und marschierten und marschierten, als wenn sie aus nicht aus Fleisch und Blut, sondern als ob sie Maschinen wären.

Wir Menschen zogen uns zurück. Der Abstand zwischen den Heeren wuchs wieder. Links von uns konnte man die rotbraune Masse des Nordvolkes erkennen: Sie schien nicht so schnell zurückzuweichen wie wir.

Kurz bevor sich unsere Formationen auflösen konnten, preschten plötzlich von rechts die Reiter der Oststämme heran. Jubelnd stürzten sie sich auf den Feind, nicht achtend die Gefahr durch die Piken der Gunam. Die Pferde der Krieger waren wild und schrien wie ihre Reiter. Sie brachen in die Formation der Feinde ein. Viele, viele starben, aufgespießt von den langen Lanzen. Die Masse der Pferde aber drückte zahlreiche Gunam zu Boden oder stieß sie nach hinten. Die Leiber von Pferden und Reitern ließen die Piken unbrauchbar werden.

Alle Hörner der Menschen tönten auf einmal.

Das Signal!

Angriff!
Angriff!
Angriff! Angriff! Angriff!

Das viele Training zahlte sich nun aus. Die Formation auflösend, stürmten wir los. Schlachtenreihen waren jetzt nicht mehr von Belang: Wir mussten so schnell wie möglich in die Lücken stoßen, welche die Reiter für uns mit ihrem großen Opfer gerissen hatten. Die Soldaten hasteten nach vorn und bald waren wir alle in Kämpfe verwickelt. Im Nahkampf nutzen den Gunam die langen Piken nichts mehr uns so ließen sie sie fallen. Mit ihren langen Armen, ihrer Größe und ihrer gewaltigen Kraft waren sie gefährliche Gegner. Auch waren sie viel schneller, als es ihre Größe ahnen ließ. Doch nun, wo sie nicht mehr in Reih und Glied kämpfen konnten, umzingelten die gelben Soldaten die Krieger und griffen von allen Seiten aus an. Auf jeden Gunam kamen zwei oder drei Menschen. Die grünen Krieger ließen Äxte und Schwerter kreisen und die Menschen stießen immer wieder mit ihren Speeren zu. Menschen flogen getroffen durch die Luft oder sanken blutend zu Boden, aber sie waren in der Überzahl.
Nun kam mein Part.
Ich näherte mich dem ersten Gefecht: Zwei Menschen hatten einen Gunam in die Zange genommen, doch er ließ sie nicht an sich herankommen. In seiner rechten Hand schwang er eine Axt, die Linke war frei.
Ein kurzer Blick auf den Boden, dann übernahmen meine Ausbildung, meine Reflexe und die jahrelange Erfahrung die Kontrolle über mich.
Genau im richtigen Moment warf ich mich nach vorne. Ich zielte nicht auf den rechten Arm des Kriegers, denn das hätte er bemerkt. Vielmehr konzentrierte ich mich auf den linken.
Als ich nahe genug an ihm dran war, schlug ich zu und hatte Glück, denn ich traf genau die Stelle zwischen zwei Armgliedern. Die Verbindung brach und der halbe Arm fiel ab.
Der Gunam erstarrte.
Mit einem lauten Aufstöhnen quittierte der Gunam den Verlust und starrte wie paralysiert auf den Armstumpf. Die Soldaten nutzten die Gelegenheit und spießten ihn auf.
Erst jetzt strömte das Blut aus den Wunden. Grünes Blut.
So ging es weiter: Ich tanzte von Kampf zu Kampf, schlug zu oder hielt den Zweihänder mit der rechten Hand am Griff und mit der linken Hand an der Blindschärfe und durchbohrte die Panzer der Gunam.
Zwischen die gelben Soldaten mischten sich irgendwann gedrungene, dunkel gekleidete Menschen – die Truppen des Nordvolkes hatten die Gunam an deren rechten Flanke umgangen und griffen ebenfalls in die Kämpfe ein.

Dann war alles vorbei.

Im Großen und Ganzen unverletzt sah ich mich auf dem Schlachtfeld um:
Ein paar wenige Menschen jubelten, ein paar schlachteten die verwundeten Gunam ab und sammelten deren Waffen ein.
Wertsachen gab es bei den Gunam nicht zu holen.
Die meisten jedoch kümmerten sich um die Toten und Verwundeten in den eigenen Reihen.
Ekel überkam mich und ich fühlte mich schmutzig wie ein Söldner. Jedoch bekam ich keinen Groschen für meinen Kampf.

Niedergeschlagen und erschöpft ging ich zurück. Niemand wagte es, mir auf die Schulter zu klopfen, niemand sagte mir Danke.
Ich wollte keinen Dank.

Weit hinter den Offizieren, die mich mit seltsamen Blicken verfolgten, wartete Vonoo auf mich, mein Pferd an den Zügeln haltend. Das Tier war fertig bepackt, damit ich nach der Schlacht – unabhängig von ihrem Ausgang – schnell die Szenerie verlassen konnte.
Ich nickte meinem treuen, alten Gefährten Vonoo zu und steckte den Bidehander in die Scheide am Sattel.
Dann nahm ihm die Zügel ab und stieg auf.
Ich mochte ihm nicht in die Augen sehen.
Erst, als ich seine Hand auf meiner Schulter spürte, sah ich ihn direkt an. Die Gesichter der Gunam haben weder Mund noch Nase und sind auch sonst völlig ausdruckslos und glatt. Aber ich kannte dieses Volk schon sehr lange und konnte gut die Trauer und das Mitleid in seinen Augen sehen.
,,Es tut mir leid!” flüsterte ich und wieder nickte mir Vonoo zu.
Wir machten uns auf den Weg. Nur fort von diesem Ort der Schande!
Vonoo schritt mit riesigen Schritten neben meinem Pferd einher und ich saß zusammengesackt im Sattel, das Haupt geneigt.
Ich wollte nicht, dass jemand meine Tränen sieht.