Leichen

Mir träumte, die Allerliebste und ich wären in ihrer Wohnung (die aussah wie eine Mischung aus ihrer aktuellen und unserer alten gemeinsamen Wohnung sowie dem ausgebauten Dachboden meines Elternhauses) und wir hatten mehrere Leichen dort. Wir waren an dem Ableben der Menschen vollkommen unschuldig, nur sind wir irgendwie in die Situation geraten, uns um die Leichname verschiedener Leute zu kümmern.

Sie waren alle in unterschiedlichen Graden der Bestattungsfähigkeit: Einer war schon im Sarg – der hatte auf der Straße gestanden und unter ihm war die Straße eingebrochen. Damit der Sarg nicht in der Kanalisation verschwand, haben wir ihn nach oben in die Wohnung gewuchtet.

Ein anderer war ein Nachbar, der uns immer mit seinen Besuchen genervt und uns immer angschnorrt hatte. Bei einer dieser Aktionen hatte er plötzlich über Übelkeit geklagt, hatte sich hingelegt und war verstorben.

So sammelten sich die Leichen in den Ecken der Wohnung an. Ich empfand das als unglaublich gruselig und eklig, die Allerliebste jedoch war ziemlich abgebrüht und damit beschäftigt, die Bestattungen zu organisieren. Dies gestaltete sich als sehr kompliziert, da wir ja keine Angehörgen der Verstorbenen waren und uns auch nicht fünf oder sechs Beerdigungen auf einmal leisten konnten. Ich fragte mich, wie denn jemand unter die Erde kommt, der keine Angehörigen hat oder dessen Verwandtschaft kein Geld für die Beerdigung aufbringen kann.

Die Allerliebste wollte gerade Fotos von den Leichen machen, um sie an ein Bestattungsinstitut zu schicken, da begann sich der tote Nachbar zu regen. Ich dachte erst an Gase, welche sich im Körper des Mannes gebildet hätten, doch dann sagte er laut und vernehmlich: ,,Geisterbahn.” Er wiederholte das Wort mehrfach, bevor er sich aufrichtete. Die Situation hatte seltsamerweise überhaupt nichts Zombiehaftes an sich, denn er war einfach nur wieder quicklebendig, wenn auch ein wenig verwirrt.

Ich half ihm auf. Der Nachbar meinte, er wolle zum Arzt, müsse aber vorher ins Bad. Anstatt ihm zum Klo im Dachgeschoß zu geleiten (was nur wenige Meter gewesen wären), führte ich ihn bis in das Badzimmer draußen im Garten. Er verschwand darin und ich zog die Vorhänge zu (das Bad hatte weder Tür noch Wände).

Meine Mutter schaute etwas verständnislos.

Mirinda

Mir träumte, wir hätten eine Hündin namens Mirinda. Sie sah aus wie eine Mischung aus Bulldogge und Mops und trug immer ein gelbes Kleidchen.
Sie hatte die unangenehme Angewohnheit, allen Leuten nach den Unterarmen zu schnappen, wobei sie jedoch nie jemanden verletzte, denn sie hatte nur noch Fang- und Schneidezähne und achtete immer darauf, lediglich mit der Felge zuzubeißen.
Ekelig war die Angelegenheit trotzdem.
Mirindas Hauptaufgabe war das Verbellen der nackten Rattenplage und die war zugegebenermaßen noch nerviger, als wenn sich Mirinda mal wieder an einem festbiss und man sich hinterher den Sabber abwaschen musste.
An einem Sommertag ärgerte ich mich mal wieder besonders über eine von Mirindas Klammeraktionen, aber weil ich sie trotzdem mochte und die Tage so angenehm rattenfrei waren, nahm ich sie kurzerhand hoch und warf sie in die Luft.
,,Wer ist die Schönste? Mirinda!”
rief ich laut.
,,Wer ist die Tollste? Mirinda!”
Mirinda gluckste vor Vergnügen.
,,Wen haben alle lieb? Mirinda!”
Mirinda lachte und man sah ihre Zähne blitzen.
,,Wer ist unser aller Schatz? Mirinda!”
Mirinda jauchzte.
Nun hielt ich sie und dreht mich um die eigene Achse.
,,Mirindamirindamirindamirindamirindamirinda…”

Das mochte sie am meisten.

Weihnachtsmärkte

Es ist wieder Weihnachtsmarkt-Zeit und wie jedes Jahr bin ich hin- und hergerissen, wie ich die sich in die Innenstädte der Republik ergießenden Buden finden soll.
Einerseits ist das ein furchtbares Kommerzding: Fahrende Händler frittieren Abfälle und verkaufen sie zu überteuerten Preisen an die von ekligem Glühwein willenlos gemachten Leute.
Alles macht Lärm und ein Gemisch aus ,,Last Christmas” und ,,Rudolph, the Red Nosed Reindeer” schwappt in die Ohren.
Von diesen Märkten bleibt nichts Gutes, außer dem eigenen Namen auf einem Reiskorn.

Andererseits ist der Dezember eine so trübsinnige Jahreszeit. Das Tageslicht ist trüb und grau und schnell wird es dunkel. Es ist kalt und häufig regnet es.
Das drückt auf die Stimmung und ist es da nicht schön, wenn man einfach in die Stadt gehen und die vielen bunten Lichter sehen kann?
Wenn man einfach mal unter fröhliche Leute kommt?

Ich bin jedes Jahr unschlüssig: Mal nerven mich die Weihnachtsmärkte, mal bin ich froh, dass es sie gibt.

Eine Party geht irgendwie schief

Gestern Nacht wieder: Ich träumte, dass ich mit vielen Leuten abends unterwegs war. Vielleicht war es mein Geburtstag, denn ich fühlte mich für den Abend verantwortlich. J. war dabei und A. und P. und viele andere. In Düsseldorf war jedoch das Wetter schlecht und für eine Kneipe waren wir viel zu viele Leute.
Also gingen wir an meine alte Arbeitsstätte, weil ich ja noch meinen Schlüssel hatte.
In den leeren Bibliotheksräumen feierten wir dann weiter, obwohl ich große Angst hatte, dass man uns erwischen würde.
Einmal fuhr ein Auto über den Innenhof und als die Scheinwerfer durch die Fenster strichen, warfen wir uns alle auf den Boden.
Dann jedoch brachen aus einem Container direkt nebenan grausige Gestalten aus und wir mussten fliehen. Einer von uns dachte wohl, er müssen den wankenden, verzerrten Restmenschen helfen, wurde von ihnen jedoch gefressen.
Bis wir zum großen See fliehen konnten, breiteten sich die Wesen wie eine Seuche über das ganze Land aus und wir bekämpfte sie, wo es nur ging.
Wir fanden heraus, dass ein Waffenproduzent, genannt, ,,Der Müller” hinter der ganzen Sache steckte und auf dem See kam es zum Showdown:
Auf Booten verfolgte ,,Der Müller” uns und als ich eine Handgranate auf seine Yacht warf, detonierte sie nicht.
Ein Blindgänger!
,,Typsch!” dachte ich, während ich meine Maschinenpistole durchlud ,,Die Granate wurde ja auch in seiner Fabrik gebaut!”

Zeitung

In der morgendlichen Pendlerbahn lesen doch noch viele Leute eine Zeitung aus Papier. Tabletwischer sind eindeutig in der Unterzahl.
Nachdem sich Deutschland wegen des Zwistes in den konservativen Parteien öffentlich erregt, habe ich wieder einmal beschlossen, weniger Nachrichten zu konsumieren.
Vielleicht statt Newsfeeds einfach ab und an eine Zeitung kaufen und sie den Tag über gemütlich lesen.
Die Vorstellung ist auf jeden Fall ziemlich attraktiv.

Der kleine Park

Im Goerdeler Park ist ein kleiner Verkehrsübungsplatz für Kinder. Es gibt dort alle möglichen Fahrbahnmarkierungen und Ampeln und eine bunt bemalte Hütte, in der die Verkehrsschilder eingeschlossen sind, damit sie keiner klaut.
Oft kommen hier Eltern mit ihren Kindern zum Fahrradfahrenüben hin.
Auf der Hütte sind Kritzeleien.
Eine davon besteht aus den Wörtern ,,Heil Satanas!”, geschrieben mit einem schwarzen Stift und in sorgsamer Schreibschrift.
Im Gebüsch schläft für immer eine Taube. Sie ist mit Rinde zugedeckt.

Reiseweh

Die Rückfahrt zieht und das Herz ist weh. Gestern noch zogen der alte Freund und ich noch durch die Altstadt mit ihren schönen und krückeligen Häusern und wir wichen den aufgedrehten Junggesellinnen aus, die ausstaffiert wie Weihnachtsgänse noch nichts wussten von ihrem Schicksal.

Wir haben graue Haare in den Bärten und reden über das Leben und die alte Zeit.

Es sind so viele Tage zerronnen und Freunde sind gegangen und die Zukunft mit ihren Reihenhäusern hatte sich für viele plötzlich als Gegenwart entpuppt.

Wir reden über den Schmerz und die Schwäche, aber auch über die Hoffnung.

Wir trauen uns nicht in die dunkle Kneipe und gingen dann doch hinein und der Wirt trank mit uns und überhaupt alle tranken, besonders der Wirt der Kneipe gegenüber, der irgendwann lachend vor dem Tresen saß.

Wir gingen irgendwann los in den Tag und in die Nacht und verwirrt schauten wir den Menschen zu, wie sie Deutschland jubelten.

Nun bin ich alleine mit dem wehen Herz und die kleinen Städte zeihen vorbei und überall sind Menschen in ihren Schützenheimen und Gemeindehäusern und überall haben sie ihre Leben und ihr Schicksal und die Kinder haben aufgeschürfte Knie und die Omas Falten um den Mund und der Mann in der Pommesbude guckt mürrisch, während er die Fritten auf die weißen Teller türmt.

Der Zug indessen fährt und die Sitze sind blau und die Menschen sind müde.

Über die Gehässigkeit

Was tun gegen Gehässigkeit?

Ich nehme in der letzten Zeit eine wachsende Gehässigkeit in meiner Umgebung war. In Gesprächen mit Arbeitskollegen, Nachbarn und Bekannten fallen immer wieder hässliche Bemerkungen über Andere, besonders über Flüchtlinge und Migranten. Meist handelt es sich wohl um AfD-Meme, die - wie ich mitbekommen habe - gerne via WhatsApp geteilt werden.

Letztens war ich ziemlich schockiert, wie Ich sexistisch und brutal über Angela Merkel oder Claudia Roth geredet wurde. Ich stehe beiden Frauen politisch nicht nahe, ich kann sie tatsächlich nicht wirklich leiden - trotzdem ging diese Verachtung weit über politischen Dissens oder mangelnde Sympathie hinaus.

Ich fühle nun regelmäßig Gesprächsrunden zerstört von Gehässigkeit und vom Gift des Hasses.

Was dagegen tun?

Argumentieren funktioniert nicht, das habe ich schon herausgefunden: Es geht bei der Gehässigkeit um Emotionen und gegen Emotionen helfen keine Argumente.

Was also tun?

Sich zurückziehen?

Einsiedler werden?

Reizthemen meiden?

Befreiung

Mir träumte, ich saß in meiner alten Bibliothek. Die Bücher waren schon weg, die Regale abgebaut. Der Raum war leer, sah aus wie ein Tanzsaal ohne Tänzer.

Ich hockte auf einem Bürostuhl, noch eingepackt und bereitgestellt für die Nachnutzer.

Mir gegenüber saß die Zauberin.

Erinnerungen kamen in mir hoch. Erinnerungen an unsere erste Begegnung vor so vielen Jahren. An ihre Schönheit. Wie sich mich umgarnt hatte, wie sehr ich mich geschmeichelt gefühlt hatte, von einer solchen Göttin begehrt zu werden.

Erinnerungen an unsere gemeinsamen Abenteuer - und wie sie sich still und heimlich in mein Herz geschlichen und es mir dann gestohlen hatte.

Noch immer tat die Wunde in meiner Brust mir weh, die Ränder würden vielleicht niemals heilen. Am schlimmsten war aber das Gefühl der Leere, wo einst mein Herz geschlagen hatte.

Seitdem war ich kein richtiger Mensch mehr: Ein Zwischending, nicht lebendig und nicht tot.

Immerhin war ihr Zauber schon lange gebrochen. Der Fisch war vom Haken. Sein Maul war zerfetzt von den Widerhaken, aber der Fisch war frei.

Ja, sie war einst eine echte Schönheit gewesen: Schlank und geschmeidig, ein fein geschnittenes Gesicht, die Haut von einem Olivton, der einen Mann in den Wahnsinn treiben konnte.

Doch nun ihr Gesicht war zerfressen von der Seuche. Haut und Fleisch überzogen sich nach und nach mit einem feinen, weißen Gespinst. Danach würden sie abfallen. Dies würde so lange weitergehen, bis die Infektion das Hirn erreichte. Dann würden Wahnsinn und bald der Tod folgen.

Nichts würde die Krankheit aufhalten können: Es gab keine Medizin und selbst ihre mächtigen Zauber würden die Hexe nicht retten können.

Wegen der Entstellung trug sie einen Schleier, doch selbst dieser konnte nicht mehr verhüllen, dass die linke Hälfte des Gesichts nun schon fast ein Totenschädel war.

Sie wolle mit mir reden, sagte sie und ich schaute weg.

Es gab nichts mehr zu reden.

Was sollte ich auch sagen?

Ich wollte Ihr nichts mehr vorwerfen, auch wenn sie mir alles genommen hatte: Meinen Besitz, meine Ehre, meine Frau und die Kinder.

Nichts war mir gelieben bis auf die Leere in meiner Brust.

Was wollte sie mir also sagen?

Mich um Verzeihung bitten?

Mir noch mehr Schmerzen zufügen?

Mir etwa Vorwürfe machen, dass ich mich befreit hatte?

Dass ich ihr nicht mehr zu Füßen lag und ihre Demütungen dankbar ertrug?

Das Schweigen stieg zwischen uns auf und füllte den Raum.

Sie bewegte den Kopf hin und her und es wurde mir mit einem Mal klar, warum wir hier saßen:

Ein schlechtes Gewissen!

Die Hexe wollte selbst noch aus der Seuche Profit schlagen, wollte mir ein schlechtes Gewissen machen, mich mit ihrem Anblick quälen!

Mitleid sollte ich bekommen und dieses Mitleid wäre nur ein weiterer ihrer Dolche in meiner Seele.

Doch die Seuche und der Tod und die Verwesung waren nun schon so lange Teil meines Lebens, als dass mich der Anblick verfaulenden Fleisches noch schrecken konnte.

Die Hexe hatte sich ihr Leid ganz alleine zuzuschreiben. Es gab nur eine einzige Möglichkeit, sich mit der Seuche anzustecken und sie musste um das Risiko gewusst haben.

Außerdem hatte ich eh kein Herz mehr, mit dem ich etwas hätte empfinden können.

Wortlos stand ich auf und ging hinaus.

 

Hinaus in mein Leben.