Göttliche Waffeln

“Mein ist die Waffel!” sprach der Herr und griff beherzt zu. Die Urmutter hingegen goß noch mehr Teig in das Eisen und drückte den Deckel zu. Es zischte leise und der Geruch nach frischen Waffeln erfüllte die Küche mit süßem Zwang.

Der Herrgott lachte und es glitzerte die Luft. “Sternenstaub!” rief er begeistert, doch die Urmutter grummelte nur: “Sternenstaub? Das ist Puderzucker! Jetzt sau hier nicht alles voll und iss!”

Sie öffnete das Waffeleisen und heraus ploppte eine weitere, gelbe, perfekt gebackene Waffel. Sie nahm die Waffel und legte sie wie schon ihre Geschwister zu vor auf den großen Teller. Die Hitze machte ihr nichts aus, denn die Urmutter ist Kummer gewöhnt.

Der Herrgott nahm die Waffel, zupfte daran herum und plötzlich hielt er eine Waffelecke in die Höhe.

“Schau mal,” sagte er fröhlich “ein Herz für Dich!”

Die Urmutter lachte.

Schaffnerangst

Ein Donnerstagnachmittag in der Tüddelbahn Richtung Ruhrgebiet. Die Flasche Bier und ich sitzen in der ersten Klasse. Auf dem Sitz nebenan mein Lieblingssemihipster (keine Brille!) und streichelt das Touchpad seines Netbooks. Zwei junge Burschen kommen ins Abteil. Sie sind sichtlich nervös, obwohl sie sich doch eigentlich für unbesiegbar halten. Der eine setzt sich dem Semihipster gegenüber, der andere traut sich erst nicht, sich neben den smarten Bartträger zu setzen. Also hockt er sich linkisch auf die Armlehne, was noch viel mehr behämmert aussieht. Dann traut er sich doch.

Die Herren kommen ins Gespräch. Man versteht sich.

Trotzdem schauen die beiden Jungs immer wieder ängstlich zur Tür.

Schaffnerangst.

Androidentraum

Mir träumte, ich wäre ein Leutnant im Dienste des Imperiums und ich arbeitete in der Forschung und Entwicklung. Vorher hatte ich Truppendienst geleistet und mir dabei einige Lorbeeren verdient. Nun aber forschte ich an Kampfdroiden und bemühte mich redlich, nicht aufzufallen.

Nicht Auffallen ist eine sehr diffizile Aufgabe, denn man darf weder durch Faulheit noch durch besonderen Fleiß in den Fokus der Vorgesetzten geraten. Ab und an ein paar Ergebnisse liefern und sonst den Stall sauber halten, hieß die Devise.

Ansonsten machte mir meine Arbeit Spaß, bestand sie eben nicht daraus, irgendwelche Daseinsformen abzuknallen oder in die Luft zu sprengen, geschweige denn, selber abgeknallt oder in die Luft gesprengt zu werden. Vielmehr programmierte ich an meinen Kampfdroiden herum und testete sie an ein paar Sturmtrupplern, die uns zugeteilt waren und die offensichtlich ebenso froh über die explosionsfreie Umgebung waren wie ich und meine Mitarbeiter.

Gerade war eine Übung in der großen Halle beendet. Die Droiden hatten versucht, eine Stellung gegen die Sturmtruppler zu halten und hatten sich ganz wacker geschlagen. Zwar hatten die Soldaten die Stellung geschickt eingekreist und von hinten überrollt, die Droiden hatten das Manöver ihrerseits aber bemerkt und versucht, ihre Taktik anzupassen. Allerdings waren sie dabei noch viel zu langsam. Immerhin hatte die Schussgenauigkeit erheblich zugenommen und im Ernstfall wären auch einige der Angreifer erwischt worden.

Das Hornsignal zum Ende der Übung ertönte und die Sturmtruppler machten eine Verschnaufpause, während die Droiden sich zur Inspektion auftstellten. Ein junger Bursche namens Donnie und ich machten uns daran, die Daten der Droiden zur Auswertung abzurufen und gingen dazu ihre Reihe ab. Die Droiden waren nahezu baugleich: Sie waren schlank und ungefähr menschengroß, denn ich wollte sie möglichst beweglich haben. An den Armen waren Blaster montiert, die Vorrichtungen für den kleinen Raketenwerfer auf den Schultern waren momentan leer.

Wir hielten nacheinander unsere Analysegeräte an jeden einzelnen Droiden und sahen uns unsere Blechkrieger an. Keiner schien beschädigt zu sein. Als wir mit der Reihe durch waren, gaben wir den Befehl zum Abrücken und die Droiden marschierten wie ein Mann in die Werkstatt. Auch die Sturmtruppler hatten Feierabend und einige nahmen ihre Helme ab und machten sich auf den Weg in ihr Quartier.

Ich schickte Donnie ebenfalls in den Feierabend – ich würde alleine die Lichter für den Tag ausschalten und alles abschließen. Nachdem alle gegangen waren, genoß ich für einen Moment die Stille, dann schaltete ich das Hauptlicht der Halle aus. Gerade, als ich in die Werkstatt gehen und dort ebenfalls das Licht löschen wollte, hörte ich von dort Stimmen.

Androidenstimmen:

,,Ich will auch eines!’’

,,Es ist keines mehr da.’’

,,Aber die meisten haben schon eines und ich fühle mich so nackt ohne Waffe!’’

,,Wir machen sie so schnell wir können! Du bekommst das nächste, das fertig ist!’’

,,Versprochen?’’

,,Versprochen!’’

,,Wann schlagen wir los?’’

,,Wenn wir alle ausgerüstet sind. Es dauert nicht mehr lang.’’

Ich schlich auf Zehenspitzen aus der Halle und am nächsten Morgen floh ich – versteckt in einem Frachtcontainer – vor dem Imperium, den Droiden und meinem Leben.

Besuch

Es hatte sich einen Platz hoch oben in den Bäumen ausgesucht. Hier konnte es ganz ruhig sitzen und beobachten. Der Weg unten unter den Bäumen war nass vom Regen und langsam wurden die Tage und Nächte immer kälter. Doch es ignorierte die Kälte und vertrieb sich die Zeit, indem es sich Geschichten ausdachte. Geschichten über seinen Besuch. Es mochte gerne Besuch haben, doch leider bekam es nie Besuch. Ab und an gingen Menschen durch den Wald, aber meistens blickten sie nur stur vor sich hin.

Doch heute sollte es anders werden:

„… es tut mir ja auch leid, aber ich kann den Dienst wirklich nicht tauschen …“ tönte von unten eine Stimme „woher sollte ich wissen, dass da jemand so schlau ist und ausgerechnet mich an dem Morgen für die Aufsicht einteilt?“

Die Stimme gehörte eindeutig einer Frau. Es kroch ein wenig den Baumstamm herunter um besser sehen zu können. Die Frau kam den Weg entlang und sprach in ein Mobiltelefon:

„Wie gesagt: Es tut mir leid. Aber laß es bitte nicht ausfallen! Dann musst Du halt mal ohne zum Schwimmen fahren!“

Die Frau war noch sehr jung und ihre Haare waren lang und hell und sie sah sehr appetitlich aus in ihrer Herbstjacke und dem roten Schal. Sie schritt zügig aus und verabschiedete sich von irgendjemandem:

„Ja, Tschüss! Und einen schönen Gruß an Torsten!“

Jetzt war sie nah genug unter dem Baum und es ließ sich einfach fallen. Sein Gewicht warf die Frau zu Boden und noch bevor sie erschrocken aufschreien konnte, hatte es sie schon in einem Stück herunter geschlungen.

Nun hockte es einen Moment satt und zufrieden auf dem Weg.

Ein herrlicher Besuch!

Zu dumm, dass so nette Leute nicht öfters vorbei kamen!

Dann kroch es schwerfällig ins Unterholz.

Die Blätter auf dem Weg waren ganz gelb.

Der September war schon fast um und die Zeit für den Winterschlaf wollte kommen.

Die Made im Speck

Mir träumte, jeder Politiker hätte das Recht und die Pflicht auf einen sogenannten ,,Beigeordneten’’, einem normalen Menschen aus der Bevölkerung, der ihn auf Reisen und zu bestimmten Terminen begleitet, damit der Abgeordnete den Blick für das einfache Volk nicht verliert.
In meinem Traum war ich ein solcher Beigeordneter und fuhr mit meinem Politiker (einem Abgeordneten) quer durch die Republik und ins europäische Ausland.
Zum Glück verstanden wir uns gut und so tranken wir gemeinsam Biere um Biere, schnitten rote Bänder entzwei und nickten wichtig, wenn uns Männer in weißen Kitteln und gelben Helmen Forschungsreaktoren erklärten. Wir bekamen Häppchen aus Wurst und Käse und wir schauten der Weinkönigin heimlich in den Ausschnitt.
Jedes Dorf, jede Stadt im Land wollte uns mit seinen Spezialitäten beeindrucken, Interessenverbände fanden bei uns mit ihren Interessen ein offenes Ohr.
Zwischen den Terminen machten wir es uns in einer großen Limousine gemütlich und wurden vom Fahrer durch die Gegend kutschiert.
Es war ein Leben wie das einer Made im Speck.
In die Ausschusssitzungen musste ich zum Glück nicht mit.

Grausamer Herr

Er lehnte sich in seinem Sitz zurück und besah sein Werk: Dutzende, hunderte von Leichen, aufgespießt und aufgereiht in Reih und Glied. Er atmete genussvoll ein. Nun war er – und nur er – der uneingeschränkte Herrscher über sein Volk!
Geachtet und gefürchtet.
Er war der gerechte, der Grausame Herr!

Er war Vlad Tepes!

Er war der Pfähler!

,,Wann kommst Du? Das Essen wird kalt!” durschnitt die Stimme seiner Frau seine Träumereien. ,,Jaja!” antwortete er ,,Ich komm ja schon!” und stand auf, um sich auf den Weg in die Küche zu machen.

Seine Schmetterlingssammlung musste warten.

Eine Raute für Deutschland

Mir träumte, Angela Merkel hätte nach ihrer aktiven Zeit als Kanzlerin eine wöchentliche Talkshow. Der Titel der Talkshow lautete ,,Eine Raute für Deutschland” und wurde allgemein gelobt. Kritiker waren überrascht über die Mischung aus Herzenswärme und unerbittlichem Nachbohren seitens der Talkmasterin. Selbst die härtesten Merkel-Hasser wurden nach und nach stiller und für mehr und mehr Leute wurde das wöchentliche ,,Raute-Gucken” zum festen Ritual. Selbst ich – der ich keine Talkshows mag – schaute die Sendung bisweilen gern.

Bei den Gästen handelte es sich meist um einfache Leute, Handwerker, aber auch den einen oder anderen Künstler. Wirtschaftsbosse, Politiker und andere Laberdrüsen trauten sich schon lange nicht mehr in die Show.

Im Thinktank mit Kevin Spacey

Mir träumte, ich würde einen Job bei einem neu gegründeten Thinktank für die US-Regierung antreten. Es war der erste Thinktank überhaupt und der Traum spielte irgendwann in den Siebzigern.

Wir neuen Mitarbeiter saßen alle in einem großen Raum, der eine verblüffende Ähnlichkeit mit einem Klassenzimmer hatte – nur gab es hier Alkohol zu trinken.

Man erzählte uns, wir würden von nun an die US-Regierung beraten und auch PR-Arbeit machen. Außerdem riet man uns, wir sollten die Nase nicht so hoch halten und uns nicht für superschlau halten. Ich duckte mich derweil weg. Nicht etwa, weil ich mich für besonders schlau halte, sondern gerade, weil ich nicht die geringste Ahnung hatte, was ich hier eigentlich tun sollte.

Mir gegenüber saß ein Typ, der aussah wie der junge Kevin Spacey und man munkelte, er habe unglaublich viel Ahnung vom Geschäft. Er war auch der Einzige hier, der keinen Alkohol trank. Beides machte mir Mut.

Später gab es eine große Gartenparty des Institutsgründers. Seine Familie paradierte an uns vorbei in den Raum und wir gingen nach draußen, um ihr Platz zu machen. Alle lächelten, alle waren freundlich. Eine junge Frau mit roten Haaren und fröhlichen Sommersprossen lachte mich und gab mir die Hand. Ich war sofort in sie verknallt, bin jedoch schnell den anderen nach draußen gefolgt.

Im Garten wurde gegrillt und getrunken und es gab Fleisch und Würstchen und Pfannkuchen.

Leichen

Mir träumte, die Allerliebste und ich wären in ihrer Wohnung (die aussah wie eine Mischung aus ihrer aktuellen und unserer alten gemeinsamen Wohnung sowie dem ausgebauten Dachboden meines Elternhauses) und wir hatten mehrere Leichen dort. Wir waren an dem Ableben der Menschen vollkommen unschuldig, nur sind wir irgendwie in die Situation geraten, uns um die Leichname verschiedener Leute zu kümmern.

Sie waren alle in unterschiedlichen Graden der Bestattungsfähigkeit: Einer war schon im Sarg – der hatte auf der Straße gestanden und unter ihm war die Straße eingebrochen. Damit der Sarg nicht in der Kanalisation verschwand, haben wir ihn nach oben in die Wohnung gewuchtet.

Ein anderer war ein Nachbar, der uns immer mit seinen Besuchen genervt und uns immer angschnorrt hatte. Bei einer dieser Aktionen hatte er plötzlich über Übelkeit geklagt, hatte sich hingelegt und war verstorben.

So sammelten sich die Leichen in den Ecken der Wohnung an. Ich empfand das als unglaublich gruselig und eklig, die Allerliebste jedoch war ziemlich abgebrüht und damit beschäftigt, die Bestattungen zu organisieren. Dies gestaltete sich als sehr kompliziert, da wir ja keine Angehörgen der Verstorbenen waren und uns auch nicht fünf oder sechs Beerdigungen auf einmal leisten konnten. Ich fragte mich, wie denn jemand unter die Erde kommt, der keine Angehörigen hat oder dessen Verwandtschaft kein Geld für die Beerdigung aufbringen kann.

Die Allerliebste wollte gerade Fotos von den Leichen machen, um sie an ein Bestattungsinstitut zu schicken, da begann sich der tote Nachbar zu regen. Ich dachte erst an Gase, welche sich im Körper des Mannes gebildet hätten, doch dann sagte er laut und vernehmlich: ,,Geisterbahn.” Er wiederholte das Wort mehrfach, bevor er sich aufrichtete. Die Situation hatte seltsamerweise überhaupt nichts Zombiehaftes an sich, denn er war einfach nur wieder quicklebendig, wenn auch ein wenig verwirrt.

Ich half ihm auf. Der Nachbar meinte, er wolle zum Arzt, müsse aber vorher ins Bad. Anstatt ihm zum Klo im Dachgeschoß zu geleiten (was nur wenige Meter gewesen wären), führte ich ihn bis in das Badzimmer draußen im Garten. Er verschwand darin und ich zog die Vorhänge zu (das Bad hatte weder Tür noch Wände).

Meine Mutter schaute etwas verständnislos.

Mirinda

Mir träumte, wir hätten eine Hündin namens Mirinda. Sie sah aus wie eine Mischung aus Bulldogge und Mops und trug immer ein gelbes Kleidchen.
Sie hatte die unangenehme Angewohnheit, allen Leuten nach den Unterarmen zu schnappen, wobei sie jedoch nie jemanden verletzte, denn sie hatte nur noch Fang- und Schneidezähne und achtete immer darauf, lediglich mit der Felge zuzubeißen.
Ekelig war die Angelegenheit trotzdem.
Mirindas Hauptaufgabe war das Verbellen der nackten Rattenplage und die war zugegebenermaßen noch nerviger, als wenn sich Mirinda mal wieder an einem festbiss und man sich hinterher den Sabber abwaschen musste.
An einem Sommertag ärgerte ich mich mal wieder besonders über eine von Mirindas Klammeraktionen, aber weil ich sie trotzdem mochte und die Tage so angenehm rattenfrei waren, nahm ich sie kurzerhand hoch und warf sie in die Luft.
,,Wer ist die Schönste? Mirinda!”
rief ich laut.
,,Wer ist die Tollste? Mirinda!”
Mirinda gluckste vor Vergnügen.
,,Wen haben alle lieb? Mirinda!”
Mirinda lachte und man sah ihre Zähne blitzen.
,,Wer ist unser aller Schatz? Mirinda!”
Mirinda jauchzte.
Nun hielt ich sie und dreht mich um die eigene Achse.
,,Mirindamirindamirindamirindamirindamirinda…”

Das mochte sie am meisten.