Sommerzeit, träge Zeit

Sommerzeit, träge Zeit. Über den ausgetrockneten Rapsstängeln flimmert die die Luft. Schmetterlinge jagen sich.

Die Dahlien wiegen sich leicht – in jeder Blüte eine Hummel.

Eine Wespe müht sich ab: Sie hat ein Stücklein Brot entdeckt und will es heim ins Nest schleppen.

Ab und an ein zartes Lüftchen.Sonst nur Stille.

Stille und Hitze über dem Sommerland.

Klassentreffen

Die Limousinen hielten nacheinander direkt vor dem Eingang und aus ihrem Inneren schälten sich die Damen und Herren.
Hätte dieses Klassentreffen nur zehn Jahr früher stattgefunden, so hätte man Aufkleber mit Schnullern darauf am Heck jeden Wagens gesehen, doch diese Autos waren alle neu und niemand klebt etwas auf den Lack, denn dies mindert den Wiederverkaufswert.
Ich war mit dem Bus gekommen und nachdem ich mir das Treiben eine Weile angeschaut hatte, ging ich hinein.
Das Personal kontrollierte meine Karte, ich nahm den Hut ab und betrat den Festsaal.
Warme Brauntöne herrschten hier vor und es lag eine Spur zu viel Parfüm in der Luft. Die Damen waren hübsch, ihre Schultern frei, die Herren waren feist und ihre Anzüge ein wenig eng.
Jemand gab mir ein Glas.
Dem einen oder anderen zunickend suchte ich mir eine ruhige Ecke.
Wiedererkennen.
Wiedererkennen.
Stirnrunzeln.
Wiedererkennen.
Tuscheln.
Nicht nur ein gepudertes Näschen wurde wegen meines abgewetzten Filzanzuges gerümpft, aber das war mir egal:
Der Clown hatte mich erkannt und wir begrüßten uns freudig. Wie wir alle war er gealtert: Sein Haar begann schon grau zu werden und um seinen Mund waren mehr Falten als früher. Doch sein Lachen war klar wie eh und je.
Er nahm mich in den Arm und drückte mich.
Wir wechselten ein paar Worte, hauptsächlich über die harten Zeiten.
Nach und nach suchten sich die anderen Gäste eine Sitzplatz und die großen Flügeltüre des Saales schlossen sich langsam. Bald würde der Präsident eine witzige und kurze Ansprache halten – esine Ansprachen waren immer witzig und kurz, deswegen war er ja der Präsident.
Doch dann stieß jemand die großen Türen wieder auf und sie kam herein.
Sie kam zu spät wie sie immer zu spät kam: So konnte sie sicher sein, von allen gesehen zu werden.
Ob es nun wirklich so geschah oder ob ihr Anblick in mir eine Art Taubhei verursachte: Es wurde schlagartig still im Saal.
Sie betrat den Raum mit grazilen, eleganten Schritten. Ihr Kleid war silbrig und fast so weiß wie als wenn sie zum Traualtar schreiten würde.
Ihr langes, braunes Haar und ihre dunklen Augen bildeten einen faszinierenden Kontrast zum hellen Kleid.
Sie war schön wie eh und je.
Ihre Lippen waren voll und rot und zeigten ein scheues Lächeln. Ihre Schultern waren von einem dünnen Tuch bedeckt und jedes Fleckchen ihrer Haut, auf die man einen Blick erhaschen konnte, war die reine Verlockung.
Ich trank einen Schluck und schaute mich um.
Die Frauen starrten und die Männer hielten die Luft an. Dem Clown stand der Mund offen.
Kurz bevor der Einzug der Königin in ihren Thronsaal perfekt sein konnte, löste sich der Clown aus seiner Starre und polterte auf sie zu. Er machte Kratzfüße und Faxen und begrüßte die Schöne mit Überschwang. Der Zauber verflog und alle bewegten sich wieder. Viele tranken ihr Glas voller Verlegenheit aus, Ehefrauen stießen ihre Ehemänner in die Seite oder traten ihnen auf den Fuß. Manche taten beides.
Die Schöne lachte und freute sich über die Begrüßung des Clowns. In ihren Augen blitzte der Zorn.
Ich stellte mein Glas ab und begann, mir einen Weg durch einen Seitenausgang zu erschleichen.
Ich hatte genug gesehen.