Reingetan

Gestern in der feierabendvollen Straßenbahn:
Neben mir ein ungepflegter Mann mit Wollmütze. Er murmelt meckernd vor sich hin, greift sich immer wieder selber an den Hintern. Ich versuche, ihn zu ignorieren und vertiefe mich in mein Buch. Dann dreht er sich zu dem jungen Mann um, der genau hinter ihm sitzt.

,,Hey!” fragt er ,,Wo steigst Du aus?” – ,,Nachher …” antwortet der junge Mann perplex.

Die Bahn hält an der Benrather Straße. Der junge Mann steht auf, der Typ neben mir rappelt sich auf, will auch raus. Ich stehe auf, um Platz zu machen.

Plötzlich stürzt sich der Ungepflegte auf den jungen Mann. Er packt ihn am Kragen und schreit:
,,Was hast Du mir hinten rein getan? Was hast Du mir hinten rein getan?”

Der junge ist völlig überrascht und kann nur so etwas sagen wie: ,,Ich habe nichts getan!”

,,Aufhören!” rufe ich laut und ,,Loslassen!”

Ich packe die Hand des Verrückten, die den jungen Mann am Kragen hält und reiße daran. Es gibt ein Gerangel, doch dann kann ich den Verrückten von seinem Opfer trennen. Gemeinsam schieben wir ihn aus der Bahn. Ich stelle mich demonstrativ neben den jungen Mann – teils, um ihm zu zeigen, dass er nicht alleine ist und teils, damit der Verrückte nicht wieder zurück in die Bahn kann.

Der Verrückte hält kurz inne und hat plötzlich einen Tetra-Pack ,,Durstlöscher” in der Hand. Er brüllt ein Schimpfwort (welches, habe ich vergessen) und wirft den Durstlöscher voller Wucht auf den jungen Mann. Auch ich bekomme ein paar Spritzer ab. Dann rennt der Verrückte weg.

,,Was hatte der denn?” fragt der junge Mann fassungslos. ,,Bekloppt!” kann ich nur erwidern, zu mehr ist in meinem Kopf kein Platz.

Die anderen Menschen in der Bahn sagen kein Wort und ich wundere mich über meinen plötzlichen Mut.