Mirinda

Mir träumte, wir hätten eine Hündin namens Mirinda. Sie sah aus wie eine Mischung aus Bulldogge und Mops und trug immer ein gelbes Kleidchen.
Sie hatte die unangenehme Angewohnheit, allen Leuten nach den Unterarmen zu schnappen, wobei sie jedoch nie jemanden verletzte, denn sie hatte nur noch Fang- und Schneidezähne und achtete immer darauf, lediglich mit der Felge zuzubeißen.
Ekelig war die Angelegenheit trotzdem.
Mirindas Hauptaufgabe war das Verbellen der nackten Rattenplage und die war zugegebenermaßen noch nerviger, als wenn sich Mirinda mal wieder an einem festbiss und man sich hinterher den Sabber abwaschen musste.
An einem Sommertag ärgerte ich mich mal wieder besonders über eine von Mirindas Klammeraktionen, aber weil ich sie trotzdem mochte und die Tage so angenehm rattenfrei waren, nahm ich sie kurzerhand hoch und warf sie in die Luft.
,,Wer ist die Schönste? Mirinda!”
rief ich laut.
,,Wer ist die Tollste? Mirinda!”
Mirinda gluckste vor Vergnügen.
,,Wen haben alle lieb? Mirinda!”
Mirinda lachte und man sah ihre Zähne blitzen.
,,Wer ist unser aller Schatz? Mirinda!”
Mirinda jauchzte.
Nun hielt ich sie und dreht mich um die eigene Achse.
,,Mirindamirindamirindamirindamirindamirinda…”

Das mochte sie am meisten.

Weihnachtsmärkte

Es ist wieder Weihnachtsmarkt-Zeit und wie jedes Jahr bin ich hin- und hergerissen, wie ich die sich in die Innenstädte der Republik ergießenden Buden finden soll.
Einerseits ist das ein furchtbares Kommerzding: Fahrende Händler frittieren Abfälle und verkaufen sie zu überteuerten Preisen an die von ekligem Glühwein willenlos gemachten Leute.
Alles macht Lärm und ein Gemisch aus ,,Last Christmas” und ,,Rudolph, the Red Nosed Reindeer” schwappt in die Ohren.
Von diesen Märkten bleibt nichts Gutes, außer dem eigenen Namen auf einem Reiskorn.

Andererseits ist der Dezember eine so trübsinnige Jahreszeit. Das Tageslicht ist trüb und grau und schnell wird es dunkel. Es ist kalt und häufig regnet es.
Das drückt auf die Stimmung und ist es da nicht schön, wenn man einfach in die Stadt gehen und die vielen bunten Lichter sehen kann?
Wenn man einfach mal unter fröhliche Leute kommt?

Ich bin jedes Jahr unschlüssig: Mal nerven mich die Weihnachtsmärkte, mal bin ich froh, dass es sie gibt.

Traum vom Blut

Mir träumte, ich würde ins Zentralkrankenhaus gehen, ganz unten in die Abteilung, wo der alte Mann die Strohhüte verkauft.
Ich war auf der Suche nach einem Stock. Wenn man in der Stadt lebt, ist es schwierig, einen guten Stock zu finden, denn das ist selbst auf dem Lande nicht leicht. Als Kind war es für mich immer das Größte, wenn ich einen guten Stock fand!
Gerade musste so ein Stock sein und glatt und sauber und nicht zu schwer und überhaupt nicht morsch.
Doch es gab keinen guten Stock im Keller vom Zentralkrankenhaus und so ging ich wieder fort.
Draußen fingen mich zwei abgewrackte Typen ab, die mich ausfragen wollten, was ich denn hier so treibe. Ausweichend antwortete ich, ich würde nur etwas durch die Stadt laufen. Sie schienen mich für einen Junkie zu halten und redeten mir ins Gewissen. Zum Zahnarzt solle ich gehen und auf meine Leber achten. Meine Seele sei in Gefahr.
Irgendwann konnte ich den zwei versoffenen Moralaposteln entkommen.
Auf dem Marktplatz hatte sich eine kleine Menschenmenge um ein Güllefass versammelt. Viele standen auch am Automaten an, um frische Batterien für ihre Elektrogeräte zu ziehen, denn an einem Tag wie diesen hatten natürlich alle Geschäfte geschlossen.
Ich sah einige bekannte Gesichter.
Dann fuhr eine schwarze Limousine vor und der kleine König in seinem schwarzen Anzu stieg aus. ,,Der König!” riefen die Leute ,,Der kleine König!”. Was der wohl wollte in unserer schäbigen, kleinen Stadt?
Vielleicht wollte er auch nur ein paar frische Batterien ziehen, aber die Menge packte ihn und warf ihn ins Güllefass.
,,Scheiß Politiker!” hörte ich die Schwiegeroma brüllen.
Ich ging nach Hause und dort fand ich Dich im Bett vor und Du warst bedeckt von Blut. Es war nicht Dein Blut sondern das Blut von Leuten.
,,Du musst Dich waschen!” sagte ich zu Dir ,,Du bist voller Blut.”
,,Das ist das Blut von Leuten!” sagtest Du ,,Ich habe keine Zeit! Jemand muss den Angehörigen die Briefe schreiben!”
Auch an mir war nun Blut und auch am Bettlaken.
Ich versuchte es noch einmal:
,,Schau! Das Blut ist schon überall! Auch im Bettzeug! Die Flecken gehen doch nie wieder raus!”
Das Blut missachtend nahm ich Dich in den Arm.
,,Ich mache Dir einen Vorschlag: Du machst Dich sauber und ich helfe Dir nachher beim Briefe schreiben!”
Du warst einverstanden, bist aufgestanden und gingst ins Bad.
Ich machte währenddessen einen Plan:
Nach Dir würde ich das Bett abziehen, dann mich selber waschen.
Dann die Briefe schreiben.
Dann noch zum Marktplatz gehen und am Automaten frische Batterien ziehen.

Kalter Wind

Müde Augen brennen im kalten Wind. Eine Frau hetzt vorbei, bleibt dann aber plötzlich stehen. Hastig wühlt sie in einer Tüte mit Süßigkeiten, stopft sich alles in den Mund.

Ein Betrunkener steht an der Ecke. Die Flasche Bier steht auf dem Boden neben ihm. Er raucht und schaut den Passanten misstrauisch hinterher.

Ich stehe da im kalten Wind und meine Augen brennen. Sie fühle sich an wie ausgetrocknet. Gerne würde ich die Augen schließen, doch ich muss einfach weiter schauen.

Immerzu schauen.

Höllenkneipe

Die Leuchten sind mit Studentenleder bespannt und glimmen so richtig schön gelb daher. Aus den Lautsprechern knödelt Herbert Grönemeyer vom Leben, von Menschen, vom Schmerz und Nierensteinen.

Hier gibt es das beste Bier der Stadt, deswegen ertrage ich das alles – selbst die Krötendämonen an der Theke mit ihren Warzen und den grauen Wulsten überall. Geht man zum Klo, muss man immer ihren dicken Zungen ausweichen, sonst klebt man fest und wird in einen Schlund gezogen. Besonders Kinder verschwinden hier regelmäßig.

Der Küchenteufel werkelt hinter einer Glasscheibe, denn auf diese Weise können die Gäste zusehen, wie er die Verdammten zubereitet.

Momentan kann man allerdings nichts erkennen, denn die Scheibe ist beschlagen: Der Küchenteufel hat einen Sünder abgeschreckt.

Der Wirt ist der Satam persönlich. Er schaut freundlich und lässt sich beim Zapfen Zeit.

Ich kann mich hier an diesem Höllenort halbwegs gefahrlos aufhalten, denn ich trage so einen Haarreif mit kleinen, roten Hörnern daran – so ein Teil, was man zu Karneval oder Halloween zum Teufelskostüm aufzieht. Dadurch halten die Leute hier mich für einen der Ihren.

Mir ist klar, dass wenn mir der Hörnerreif nur verrutscht, dann bin ich geliefert.

Aber wie gesagt: Hier gibt es das beste Bier in der Stadt.

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