Höllenkneipe

Die Leuchten sind mit Studentenleder bespannt und glimmen so richtig schön gelb daher. Aus den Lautsprechern knödelt Herbert Grönemeyer vom Leben, von Menschen, vom Schmerz und Nierensteinen.

Hier gibt es das beste Bier der Stadt, deswegen ertrage ich das alles – selbst die Krötendämonen an der Theke mit ihren Warzen und den grauen Wulsten überall. Geht man zum Klo, muss man immer ihren dicken Zungen ausweichen, sonst klebt man fest und wird in einen Schlund gezogen. Besonders Kinder verschwinden hier regelmäßig.

Der Küchenteufel werkelt hinter einer Glasscheibe, denn auf diese Weise können die Gäste zusehen, wie er die Verdammten zubereitet.

Momentan kann man allerdings nichts erkennen, denn die Scheibe ist beschlagen: Der Küchenteufel hat einen Sünder abgeschreckt.

Der Wirt ist der Satam persönlich. Er schaut freundlich und lässt sich beim Zapfen Zeit.

Ich kann mich hier an diesem Höllenort halbwegs gefahrlos aufhalten, denn ich trage so einen Haarreif mit kleinen, roten Hörnern daran – so ein Teil, was man zu Karneval oder Halloween zum Teufelskostüm aufzieht. Dadurch halten die Leute hier mich für einen der Ihren.

Mir ist klar, dass wenn mir der Hörnerreif nur verrutscht, dann bin ich geliefert.

Aber wie gesagt: Hier gibt es das beste Bier in der Stadt.

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Schande

Das Artilleriefeuer war sehr heftig. Mehrere Feuerwalzen gingen über unsere Stellungen hinweg, jedoch ohne großen Schaden anzurichten. Der Austausch der Granaten schien mehr symbolisch gemeint zu sein, denn um möglichst viele von den Kriegern zu töten.
Trotzdem zitterten viele von uns in ihren Bunkern und Gräben vor Angst. Die Soldaten um mich herum weinten und beteten zu ihren Göttern um Schutz. Manch einer wird sich gedacht haben, was der Feind auf der anderen Seite bei unserem Bombardement empfand, aber nur ich kannte die Wahrheit.

Nach einer Weile ließ das Feuer nach. Nur noch ein paar Nachzügler schlugen hier und dort ein. Dann hörte man nur noch ein fernes Grollen.

Der Befehl zum Aufstellen kam und wir krochen aus unseren Unterkünften. Rauch zog wie Nebel über das Schlachtfeld. Der Boden war mit Löchern übersät, überall Krater und aufgewühlte Erde, darüber ein wunderschöner strahlend blauer Himmel mit einer wie von Kinderhand gemalten freundlichen Sonne.

Einheiten fanden sich und stellten sich in Formation auf. Die Gefahr für einen weiteren Artillerieangriff bestand nicht, denn auch auf der anderen Seite des Feldes sah man sich die Truppen sammeln. Es sah aus der Ferne aus wie wenn ein Schwarm von Heuschrecken für eine Parade übt.

Auf unserer Seite waren die Farben gemischter: Das Westvolk um mich herum trug Uniformen und Rüstungen in grau, jedoch hatte man die Schulterstücke knallig gelb gefärbt. Auch ich trug solche Kleidung und fühlte mich seltsam fremd darin.

Das Nordvolk links von uns trug überwiegend braune und dunkelrote Farben und die Stämme des Ostens auf ihren stolzen Pferden schimmerten wie alle Farben des Regenbogens.

Ein Hornsignal ertönte.

Die Stämme würden den Angriff beginnen. Die Krieger stimmten ein durchdringendes Kriegsgeheul an und die Pferde stürmten los. Von unserer Position aus konnte man die Reiter gut sehen:
Federgeschmückte Lanzen, bemalte Gesichter, bunte Tücher flatterten im Wind.

Die Westleute um mich herum starrten hinüber, einige jubelten. Ich nutzte die Zeit, um meine Waffen und meine Ausrüstung zu überprüfen. Ich ruckelte an allen Rüstungsteilen und kontrollierte den Dolch an meinem Gürtel. Um meine Hauptwaffe brauchte ich mich nicht zu kümmern:
Während die Soldaten des Westvolks traditionell einen Speer und ein kurzes Schwert trugen, so trug ich einen Zweihänder, die bloße Klinge locker auf der Schulter balancierend.

Die Stammeskrieger waren nun am Feind, doch aus der amorphen grünen Masse war nun ein kompakter Block geworden, aus dem tausende von langen Lanzen hervorlugten. Einige der Pferde scheuten, als sie diesem gigantischen Igel zu nahe kamen und es wurden auch Krieger aufgespießt, doch die meisten donnerten mit lautem Gejohle an der feindlichen Formation vorbei und waren ihre Speere dort hinein.

Wir hatten keine Zeit, um eine eventuelle Wirkung dieser Attacke zu beobachten, denn für uns kam der Befehl zum Vorrücken.
Wir stapften los: Das Westvolk in der Mitte, das Nordvolk irgendwo auf der linken Flanke. Auch der Feind setzte sich in Bewegung.
Das Schlachtfeld zwischen uns schien endlos groß. Eine Erregung hatte uns nun alle ergriffen – das Schlachtfieber. Die Angst war wie weggeblasen und man konnte es kaum erwarten, diese unendliche Spannung in sich zu lösen, indem man endlich, endlich auf den Feind eindreschen durfte.
Die Unteroffiziere waren zum Glück erfahrene Veteranen und sorgten dafür, dass keiner der Soldaten aus der Reihe tanzte. Die gelb leuchtende Formation muss von oben ein wirklich schöner Anblick gewesen sein.

Je näher wir dem Feind kamen, desto mehr Details konnte man erkennen.
Aus dem grünen Block wurden mehr und mehr Individuen.
Die Gunam.
Groß waren die Gunam-Krieger, der kleinste von ihnen mochte jeden aus dem Heer der Menschen um Haupteslänge überragen. Ihre Körper bestanden aus flachen, nahezu viereckigen Teilen. Der Rumpf sah aus wie der Rückenpanzer einer Krabbe. Arme und Beine hatten je mindestens fünf Glieder und der Kopf, der auf dem Rumpf saß, hatte nur zwei Augen und sonst nichts.
Die Gunam marschierten stoisch auf uns zu, die Lanzen vor sich haltend. Ein Wald aus Holz und Stahl.

Die Distanz zwischen den Formation schwand, bald würden die ersten Lanzenspitzen der Gunam und die Speere des Westvolks aufeinander treffen.

Doch dann ertönte ein seltsames Signal und der Vormarsch der gelben Soldaten begann zu stocken. Unruhe kam in der Formation auf und pflanzte sich in Wellen in der gesamten Streitmacht fort. Unteroffiziere brüllten Befehle, doch niemand schien sie zu beachten. Erst ein paar wenige Grüppchen, dann immer mehr fingen an, zurückzuweichen.
Die Gunam indes ließen sich nicht beirren und marschierten und marschierten, als wenn sie aus nicht aus Fleisch und Blut, sondern als ob sie Maschinen wären.

Wir Menschen zogen uns zurück. Der Abstand zwischen den Heeren wuchs wieder. Links von uns konnte man die rotbraune Masse des Nordvolkes erkennen: Sie schien nicht so schnell zurückzuweichen wie wir.

Kurz bevor sich unsere Formationen auflösen konnten, preschten plötzlich von rechts die Reiter der Oststämme heran. Jubelnd stürzten sie sich auf den Feind, nicht achtend die Gefahr durch die Piken der Gunam. Die Pferde der Krieger waren wild und schrien wie ihre Reiter. Sie brachen in die Formation der Feinde ein. Viele, viele starben, aufgespießt von den langen Lanzen. Die Masse der Pferde aber drückte zahlreiche Gunam zu Boden oder stieß sie nach hinten. Die Leiber von Pferden und Reitern ließen die Piken unbrauchbar werden.

Alle Hörner der Menschen tönten auf einmal.

Das Signal!

Angriff!
Angriff!
Angriff! Angriff! Angriff!

Das viele Training zahlte sich nun aus. Die Formation auflösend, stürmten wir los. Schlachtenreihen waren jetzt nicht mehr von Belang: Wir mussten so schnell wie möglich in die Lücken stoßen, welche die Reiter für uns mit ihrem großen Opfer gerissen hatten. Die Soldaten hasteten nach vorn und bald waren wir alle in Kämpfe verwickelt. Im Nahkampf nutzen den Gunam die langen Piken nichts mehr uns so ließen sie sie fallen. Mit ihren langen Armen, ihrer Größe und ihrer gewaltigen Kraft waren sie gefährliche Gegner. Auch waren sie viel schneller, als es ihre Größe ahnen ließ. Doch nun, wo sie nicht mehr in Reih und Glied kämpfen konnten, umzingelten die gelben Soldaten die Krieger und griffen von allen Seiten aus an. Auf jeden Gunam kamen zwei oder drei Menschen. Die grünen Krieger ließen Äxte und Schwerter kreisen und die Menschen stießen immer wieder mit ihren Speeren zu. Menschen flogen getroffen durch die Luft oder sanken blutend zu Boden, aber sie waren in der Überzahl.
Nun kam mein Part.
Ich näherte mich dem ersten Gefecht: Zwei Menschen hatten einen Gunam in die Zange genommen, doch er ließ sie nicht an sich herankommen. In seiner rechten Hand schwang er eine Axt, die Linke war frei.
Ein kurzer Blick auf den Boden, dann übernahmen meine Ausbildung, meine Reflexe und die jahrelange Erfahrung die Kontrolle über mich.
Genau im richtigen Moment warf ich mich nach vorne. Ich zielte nicht auf den rechten Arm des Kriegers, denn das hätte er bemerkt. Vielmehr konzentrierte ich mich auf den linken.
Als ich nahe genug an ihm dran war, schlug ich zu und hatte Glück, denn ich traf genau die Stelle zwischen zwei Armgliedern. Die Verbindung brach und der halbe Arm fiel ab.
Der Gunam erstarrte.
Mit einem lauten Aufstöhnen quittierte der Gunam den Verlust und starrte wie paralysiert auf den Armstumpf. Die Soldaten nutzten die Gelegenheit und spießten ihn auf.
Erst jetzt strömte das Blut aus den Wunden. Grünes Blut.
So ging es weiter: Ich tanzte von Kampf zu Kampf, schlug zu oder hielt den Zweihänder mit der rechten Hand am Griff und mit der linken Hand an der Blindschärfe und durchbohrte die Panzer der Gunam.
Zwischen die gelben Soldaten mischten sich irgendwann gedrungene, dunkel gekleidete Menschen – die Truppen des Nordvolkes hatten die Gunam an deren rechten Flanke umgangen und griffen ebenfalls in die Kämpfe ein.

Dann war alles vorbei.

Im Großen und Ganzen unverletzt sah ich mich auf dem Schlachtfeld um:
Ein paar wenige Menschen jubelten, ein paar schlachteten die verwundeten Gunam ab und sammelten deren Waffen ein.
Wertsachen gab es bei den Gunam nicht zu holen.
Die meisten jedoch kümmerten sich um die Toten und Verwundeten in den eigenen Reihen.
Ekel überkam mich und ich fühlte mich schmutzig wie ein Söldner. Jedoch bekam ich keinen Groschen für meinen Kampf.

Niedergeschlagen und erschöpft ging ich zurück. Niemand wagte es, mir auf die Schulter zu klopfen, niemand sagte mir Danke.
Ich wollte keinen Dank.

Weit hinter den Offizieren, die mich mit seltsamen Blicken verfolgten, wartete Vonoo auf mich, mein Pferd an den Zügeln haltend. Das Tier war fertig bepackt, damit ich nach der Schlacht – unabhängig von ihrem Ausgang – schnell die Szenerie verlassen konnte.
Ich nickte meinem treuen, alten Gefährten Vonoo zu und steckte den Bidehander in die Scheide am Sattel.
Dann nahm ihm die Zügel ab und stieg auf.
Ich mochte ihm nicht in die Augen sehen.
Erst, als ich seine Hand auf meiner Schulter spürte, sah ich ihn direkt an. Die Gesichter der Gunam haben weder Mund noch Nase und sind auch sonst völlig ausdruckslos und glatt. Aber ich kannte dieses Volk schon sehr lange und konnte gut die Trauer und das Mitleid in seinen Augen sehen.
,,Es tut mir leid!” flüsterte ich und wieder nickte mir Vonoo zu.
Wir machten uns auf den Weg. Nur fort von diesem Ort der Schande!
Vonoo schritt mit riesigen Schritten neben meinem Pferd einher und ich saß zusammengesackt im Sattel, das Haupt geneigt.
Ich wollte nicht, dass jemand meine Tränen sieht.

Völkerverständigung

Hohenlimburg Bahnhof, so gegen 20:00 Uhr. Zwei extrem betrunkene Männer telefonieren freisprechend mit einer Frau und versuchen, ihr ,,Hohenlimburg” zu diktieren. Sie sprechen kein deutsch. Ich meine, es sind Russen, Mama hingegen sagt: ,,Das sind Polen!”

Der eine von beiden sitzt apathisch da, während der andere Passanten anspricht und etwas fragt. Niemand versteht ihn. Dann bin ich an der Reihe.

Ich kann ihn soweit verstehen, dass die beiden irgendwo hin wollen und nicht wissen, wie. Er sagt den Namen des Ortes immer wieder, aber ich kenne nichts in der Gegend, was sich ähnlich anhört. Da er wahrscheinlich nicht weiß, wie man den Namen der Stadt ausspricht, führe ich ihn zu einem Streckenplan.

,,Hier!” zeige ich ,,Hohenlimburg!”. Er nickt und sagt ,,Si! Si!”
Dann zeige ich auf andere Städte. Wo wollt Ihr hin?

Er zeigt nach außerhalb der Karte, sagt so etwas wie ,,Polland” und legt die rechte Hand auf das Herz.

,,Polen?” frage ich ,,Polski?” Er nickt heftig.

Mama hatte doch Recht!

,,Si! Si!”
Ich zeige erst auf ihn, dann fahre ich mit dem Finger über die Strecken bis zum östlichen Ende der Karte.
,,Ihr wollt nach Polen?”

Wieder heftiges Nicken. Ich versuche, ihm zu erklären, dass die beiden erst nach Hagen und dann nach Dortmund müssen (,,Biiiiiig Station!”) und dort weiter fragen (,,Informatie!”).

Er bedankt sich (,,Merci! Merci!”) und torkelt zu seinem Kameraden zurück.

Heimat. Heimweh

Ich muss fort aus der Heimat und zurück nach Hause.
Das Land liegt still und neblig. Wie verzaubert sieht es aus.
Der Wald rauscht leise. Ab und an pustet der Wind eine Walnuss auf das Dach.
Ich bin noch da und habe schon jetzt Heimweh.
Am liebsten würde ich mich Teilen und der eine Teil würde nach Hause fahren und der andere Teil bliebe hier.
Würde Aufpassen.
Nach dem Rechten sehen.
Aber ich muss im Ganzen gehen.

Faultier

Das Faultier stand auf und alle Tiere wunderten sich.
,,Das muss jetzt aufhören!” rief das Faultier und die Tier hörten auf zu Grasen und schauten auf ,,Ich will kein Opfer mehr sein!”.
Einige Tiere schüttelten den Kopf, andere nickten.
Das Faultier fuhr fort:
,,Von nun an hänge ich nicht mehr rum und lasse mich von Schicksal beuteln! Ich nehme meine Zukunft in die Hand! Nie wieder Opfer! Nie wieder ein Objekt!”
Es ballte die Faust und die Tiere applaudierten.
Dann sackte das Faultier weinend in sich zusammen und die Tiere nahmen ihre Futtersuche wieder auf.