Begegnung im Krankenhaus

Ich wusste, ich lag im Sterben. Man hatte mich auf ein Bett aus tausenden von Schnüren gelegt und mit diesen Schnüren hatte man meinen Körper umwickelt. Es war hell dort, wo ich lag oder vielmehr hing und die Menschen näherten sich mir langsam und leise. Wenn überhaupt jemand mit mir sprach, so sagte man sanfte und warme Worte. Niemand sprach vom Sterben und doch wusste ich es genau, fühlte, wie das Leben aus meinen müden Knochen entwich.

Ich fügte mich in mein Schicksal. Was hätte ich auch sonst tun sollen? Ich war viel zu schwach, um irgend etwas zu tun.
Ich hatte mich längst mit meinem Ende abgefunden und dämmerte ihm entgegen, da stand plötzlich ein kleines Mädchen vor mir. Sie trug das gleiche hellblaue Kleidchen an wie die anderen Leute hier, ihr Haar jedoch versteckte sich nicht die das der Anderen unter einer sterilen Haube sondern stand wild und rot in alle Richtungen ab. Das Kind war auch nicht sanft und devot, sondern hatte offensichtlich gewütet, kurz bevor sie zu mir kam. Ihr Gesichtchen war nass von Zornestränen und ihre kleinen Fäuste waren geballt. Sie mag vielleicht drei Jahre alt gewesen sein. Warum sie zu mir gekommen war, weiß ich nicht – auch nicht, wer oder was der Grund für ihre Wut gewesen war.
Aber das ist auch nicht so wichtig. Wichtig ist, dass ihre bebende Lebendigkeit ansteckend war, mich aus dem trägen Strom der Lethargie riss und ich auch wütend und zornig sein wollte und ich wollte auch runde Wangen haben, über die kleine Tränchen rollen. Ich wollte mit dem Fuß aufstampfen und ganz gewiss nicht einverstanden sein mit dem Ganzen hier!
Selbst als man das Mädchen von meinen Schnürchen fortgeholt hatte, blieb noch etwas von ihrem Leben bei mir und erfüllte mich mit Freude.
Gestorben bin ich natürlich trotzdem.
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