Reiseweh

Die Rückfahrt zieht und das Herz ist weh. Gestern noch zogen der alte Freund und ich noch durch die Altstadt mit ihren schönen und krückeligen Häusern und wir wichen den aufgedrehten Junggesellinnen aus, die ausstaffiert wie Weihnachtsgänse noch nichts wussten von ihrem Schicksal.

Wir haben graue Haare in den Bärten und reden über das Leben und die alte Zeit.

Es sind so viele Tage zerronnen und Freunde sind gegangen und die Zukunft mit ihren Reihenhäusern hatte sich für viele plötzlich als Gegenwart entpuppt.

Wir reden über den Schmerz und die Schwäche, aber auch über die Hoffnung.

Wir trauen uns nicht in die dunkle Kneipe und gingen dann doch hinein und der Wirt trank mit uns und überhaupt alle tranken, besonders der Wirt der Kneipe gegenüber, der irgendwann lachend vor dem Tresen saß.

Wir gingen irgendwann los in den Tag und in die Nacht und verwirrt schauten wir den Menschen zu, wie sie Deutschland jubelten.

Nun bin ich alleine mit dem wehen Herz und die kleinen Städte zeihen vorbei und überall sind Menschen in ihren Schützenheimen und Gemeindehäusern und überall haben sie ihre Leben und ihr Schicksal und die Kinder haben aufgeschürfte Knie und die Omas Falten um den Mund und der Mann in der Pommesbude guckt mürrisch, während er die Fritten auf die weißen Teller türmt.

Der Zug indessen fährt und die Sitze sind blau und die Menschen sind müde.

Über die Gehässigkeit

Was tun gegen Gehässigkeit?

Ich nehme in der letzten Zeit eine wachsende Gehässigkeit in meiner Umgebung war. In Gesprächen mit Arbeitskollegen, Nachbarn und Bekannten fallen immer wieder hässliche Bemerkungen über Andere, besonders über Flüchtlinge und Migranten. Meist handelt es sich wohl um AfD-Meme, die - wie ich mitbekommen habe - gerne via WhatsApp geteilt werden.

Letztens war ich ziemlich schockiert, wie Ich sexistisch und brutal über Angela Merkel oder Claudia Roth geredet wurde. Ich stehe beiden Frauen politisch nicht nahe, ich kann sie tatsächlich nicht wirklich leiden - trotzdem ging diese Verachtung weit über politischen Dissens oder mangelnde Sympathie hinaus.

Ich fühle nun regelmäßig Gesprächsrunden zerstört von Gehässigkeit und vom Gift des Hasses.

Was dagegen tun?

Argumentieren funktioniert nicht, das habe ich schon herausgefunden: Es geht bei der Gehässigkeit um Emotionen und gegen Emotionen helfen keine Argumente.

Was also tun?

Sich zurückziehen?

Einsiedler werden?

Reizthemen meiden?

Befreiung

Mir träumte, ich saß in meiner alten Bibliothek. Die Bücher waren schon weg, die Regale abgebaut. Der Raum war leer, sah aus wie ein Tanzsaal ohne Tänzer.

Ich hockte auf einem Bürostuhl, noch eingepackt und bereitgestellt für die Nachnutzer.

Mir gegenüber saß die Zauberin.

Erinnerungen kamen in mir hoch. Erinnerungen an unsere erste Begegnung vor so vielen Jahren. An ihre Schönheit. Wie sich mich umgarnt hatte, wie sehr ich mich geschmeichelt gefühlt hatte, von einer solchen Göttin begehrt zu werden.

Erinnerungen an unsere gemeinsamen Abenteuer - und wie sie sich still und heimlich in mein Herz geschlichen und es mir dann gestohlen hatte.

Noch immer tat die Wunde in meiner Brust mir weh, die Ränder würden vielleicht niemals heilen. Am schlimmsten war aber das Gefühl der Leere, wo einst mein Herz geschlagen hatte.

Seitdem war ich kein richtiger Mensch mehr: Ein Zwischending, nicht lebendig und nicht tot.

Immerhin war ihr Zauber schon lange gebrochen. Der Fisch war vom Haken. Sein Maul war zerfetzt von den Widerhaken, aber der Fisch war frei.

Ja, sie war einst eine echte Schönheit gewesen: Schlank und geschmeidig, ein fein geschnittenes Gesicht, die Haut von einem Olivton, der einen Mann in den Wahnsinn treiben konnte.

Doch nun ihr Gesicht war zerfressen von der Seuche. Haut und Fleisch überzogen sich nach und nach mit einem feinen, weißen Gespinst. Danach würden sie abfallen. Dies würde so lange weitergehen, bis die Infektion das Hirn erreichte. Dann würden Wahnsinn und bald der Tod folgen.

Nichts würde die Krankheit aufhalten können: Es gab keine Medizin und selbst ihre mächtigen Zauber würden die Hexe nicht retten können.

Wegen der Entstellung trug sie einen Schleier, doch selbst dieser konnte nicht mehr verhüllen, dass die linke Hälfte des Gesichts nun schon fast ein Totenschädel war.

Sie wolle mit mir reden, sagte sie und ich schaute weg.

Es gab nichts mehr zu reden.

Was sollte ich auch sagen?

Ich wollte Ihr nichts mehr vorwerfen, auch wenn sie mir alles genommen hatte: Meinen Besitz, meine Ehre, meine Frau und die Kinder.

Nichts war mir gelieben bis auf die Leere in meiner Brust.

Was wollte sie mir also sagen?

Mich um Verzeihung bitten?

Mir noch mehr Schmerzen zufügen?

Mir etwa Vorwürfe machen, dass ich mich befreit hatte?

Dass ich ihr nicht mehr zu Füßen lag und ihre Demütungen dankbar ertrug?

Das Schweigen stieg zwischen uns auf und füllte den Raum.

Sie bewegte den Kopf hin und her und es wurde mir mit einem Mal klar, warum wir hier saßen:

Ein schlechtes Gewissen!

Die Hexe wollte selbst noch aus der Seuche Profit schlagen, wollte mir ein schlechtes Gewissen machen, mich mit ihrem Anblick quälen!

Mitleid sollte ich bekommen und dieses Mitleid wäre nur ein weiterer ihrer Dolche in meiner Seele.

Doch die Seuche und der Tod und die Verwesung waren nun schon so lange Teil meines Lebens, als dass mich der Anblick verfaulenden Fleisches noch schrecken konnte.

Die Hexe hatte sich ihr Leid ganz alleine zuzuschreiben. Es gab nur eine einzige Möglichkeit, sich mit der Seuche anzustecken und sie musste um das Risiko gewusst haben.

Außerdem hatte ich eh kein Herz mehr, mit dem ich etwas hätte empfinden können.

Wortlos stand ich auf und ging hinaus.

 

Hinaus in mein Leben.