Wie ich einmal fast Kleinkinder in Erkrath betreut hätte

Im Jahr 1998 habe ich meinen Abschluss als Diplom-Bibliothekar gemacht und da nun das auskömmliche Salär eines Bibliotheksinspektoranwärters wegfiel, begann sofort eine hektische Jobsuche.
Meine damalige Freundin (die inzwischen meine Ehefrau geworden ist) hatte das selbe Problem und so machten wir folgendes aus:
Wer als erstes einen vernünftigen Job bekommt, nimmt ihn an – egal, wo die Stelle ist. Der andere kommt mit und sucht vor Ort weiter nach einer eigenen Stelle.
Eine Stelle bei der Stadtbücherei Erkrath sprach mich ziemlich an. Man sollte die (noch recht frischen) Internetarbeitsplätze der Bibliothek betreuen und die Bibliothekskunden im Umgang mit dem Netz schulen.

Das passte:
Technikkram und gleichzeitig Leuten zeigen, wo es lang geht!
Das ist was für Mutters Jüngsten – zumal Erkrath nicht allzu weit von unserem damaligen Wohnort Köln entfernt lag. Erkrath ist ein kleines, behäbiges Beamtenstädtchen im niederbergischen Land direkt hinter Düsseldorf (wir haben da später übrigens mal gewohnt – aber das ist eine andere Geschichte) und war für mich mit öffentlichen Verkehrsmitteln noch einigermaßen erreichbar.
Die Einladung zum Vorstellungsgespräch war ein Fest für uns und bald saßen wir in der S-Bahn Richtung Erkrath. Ich erinnere mich noch, dass damals der Zugbegleiter (oder war es der Lokführer? Ich weiß es nicht mehr…) zu jedem Halt ein kleines Gedicht oder einen lustigen Spruch auf Lager hatte. Wir fanden das sehr lustig und sympathisch, während das freudige Lächeln auf den Gesichtern der Berufspendler ein bisschen eingefroren wirkte.
Die Stadtbücherei und das Rathaus von Erkrath liegen nahe des Bahnhofes und freudig begrüßten wir dort unsere ehemalige Kommilitonin S*, die sich ebenfalls beworben hatte.

S* war vor uns dran und natürlich wünschten wir ihr von Herzen viel Erfolg (das ist jetzt nicht ironisch gemeint: Wir haben uns immer gut verstanden und natürlich war man zwar auch Konkurrent, aber doch eben auch Kommilitone!) und sie verschwand als erstes im Besprechungsraum für die Vorstellungsgespräche.
Nach einigen Minuten kam sie wieder raus.
Leichenblass.
Wir bestürmten sie mit Fragen.
Sie jedoch bekam nichts über die Lippen und ging einfach raus.

Was war da los?
Dann wurde ich rein gerufen.
Im Besprechungsraum saßen an einer Tischreihe gefühlt so an die zehn Menschen (vielleicht waren auch es auch nur fünf – ich weiß es nicht mehr. Ist ja auch – oh Schreck! – fast 20 Jahre her!). Auf jeden Fall war da der Personalchef, der Bibliotheksleiter, die Gleichstellungsbeauftragte, der oder die Behindertenbeauftragte, der Hausmeister und eine unbekannte Lebensform, die man vor ein paar Monaten hinter dem Kaffeeautomaten gefunden und als Maskottchen der Stadtverwaltung adoptiert hatte.
Ihnen gegenüber stand ein einzelner Stuhl, auf dem ich Platz nahm.

Kleiner Einschub:
Wenn Euch Leute erzählen, in einer solchen Situation komme man sich wie ein Angeklagter vor, über dessen Leben und Taten Gericht gehalten wird, so stimmt das nicht ganz:
Es kommt einem eher so vor, als wäre man ein Angeklagter, über dessen Leben und Taten Gericht gehalten wird und gleichzeitig fühlt man vollkommen bescheuert.
Ich atmete ein.
Ich atmete aus.

Der Anzugträger in der Mitte fing an:
Man sei sich im Klaren darüber, dass das, was jetzt komme, sicher etwas ungewöhnlich sei, …

Ich hielt den Atem an.

Was kam jetzt?
Eine rektale Bewährungsprobe?
Musste ich einen Vertrag mit einem eigenen Blut unterschreiben?
Singen?

… aber es habe sich in der Stellenbeschreibung noch kurzfristig etwas geändert und nun würde ich mich nicht mehr auf eine Stelle für die Betreuung der Internetarbeitsplätze und deren Benutzer bewerben, sondern für die Betreuung von Kindern im Vorlesealter.

Ich sollte Kleinkindern etwas vorlesen.
Ich atmete wieder ein, was mein Glück war – sonst wäre ich wohl erstickt.

Nun – wie soll ich es erklären?
Ich bin nicht gerade der geborene Kleinkindbetreuer.
Lesen und Vorlesen kann ich und das habe ich (später) für meinen Sohn gerne getan und geschadet hat es ihm sicher nicht.
Ich habe auch nichts gegen Kleinkinder (wer mag, darf jetzt laut „zumindest nichts Wirksames – Harrharr!!“ rufen!) – aber fremde Kinder betreuen?
Kinder von Fremden?
Fremde Kleinkinder?
Kinder, die nicht einmal Lesen können?
Und vor allem: *Ich* sollte das tun?

Wollten die mich Verarschen?

Zumindest war mir jetzt klar, warum S* beim Verlassen des Raumes so blass und wortkarg gewesen war …

Meine Atmung kam langsam wieder ins Gleichgewicht und ich nutzte die kurze Pause nach dieser Eröffnung, um schnell nachzudenken.
Was sollte ich tun?

Eigentlich müsste ich jetzt aufstehen und den Typen da laut und deutlich sagen, dass das wohl eine Zumutung sei und ob sie wirklich glauben würden,  auf diese Weise jemand passenden für diese Stelle zu finden.

Oder ich nahm es sportlich und betrachtete die ganze Sache als Übung.
Das Schlimmste, was mir passieren konnte, war, dass ich die Stelle kriegen würde – und da könnte ich nach der Probezeit noch immer verschwinden.
Also lehnte ich mich zurück und fing an.

Ich halte mich ja eigentlich nicht für jemand mit besonderer Geistesgegenwart – ich bin vielmehr eher träge und langsam. Aber eines muss ich zugeben:
An diesem einem Tag war ich richtig gut!

Getreu dem Vorstellungsgesprächsmotto „Du darfst nicht Lügen, aber übertreiben!“ erzählte ich von meinen Tagen als Hilfsbetreuer im Handballverein, von meinen Erfahrungen bei Laientheater – und wasweißich noch alles.

Nichts gelogen! Nur vielleicht ein bisschen … geschönt.
Als ich den Raum wieder verließ, musste ich mir das Lachen verkneifen.

Tja, was soll ich sagen?

Ich habe eine Zusage bekommen!

Vermutlich war ich der Einzige Bewerber gewesen, der durch sein „Scheißegal!“ die nötige Souveränität besessen und nicht die Nerven verloren hatte – oder außer S* und mir waren sämtliche anderen Bewerber buckelige alte Herren mit Triefmund und Warzen an den Händen gewesen!

Ich frage mich bis heute, was die Leute von der Personalabteilung geritten hat!

Was glaubten die eigentlich?
Das sie *wirklich* jemand Fähigen kriegen würden?
War ihnen das nicht selber peinlich?

Auf jeden Fall habe ich kurz danach noch ein  anderes Vorstellungsgepräch gehabt und eine wundervolle Stelle gekriegt.

An meinem ersten Arbeitstag dort habe ich in Erkrath angerufen und dort abgesagt.

Unwetter

Mir träumte, ich würde bei meinen Eltern wohnen, in meinem alten Jugendzimmer unter dem Dach. Ich hatte mir abends ein paar Helle aus dem Keller mit raufgenommen und schlummerte friedlich, bis mich in den späten Nachtstunden plötzlich ein gewaltiges Poltern aus dem Schlaf riss. Was war das? Ich stand auf und öffnete das Dachfenster und staunte nicht schlecht: Jetzt, mitten im Mai, bedeckte Schnee die ganze Landschaft! Es schneite heftig und auf dem Dach meines Elternhauses lag eine Schneedecke von mindestens 10 Zentimetern – und es fiel noch mehr Schnee aus dem schwarzen Nachthimmel! Dann war da aber noch dieses Grollen. Ein Blitz erhellte die Nacht. Dann noch einer. Ein Wintergewitter! Sturm kam auf und dann brach es los: Ein Blitz nach dem anderen schlug in der Erde ein, Wetterleuchten tauchte den Horizont in bunte Farben. Schnee und Eis peitschte in mein Gesicht, doch ich konnte das Fenster nicht schließen, ich musste einfach weiter zusehen. Die Blitze, die Farben – das war alles wunderschön. Wie ein Feuerwerk! Am Horizont flammten Feuer auf. Häuser brannten und die Sirenen der Feuerwehr ertönten. „Wie können die denn alle gleichzeitig zu den ganzen Bränden fahren? Und wie soll ich morgen zur Arbeit kommen?“ Diese Gedanken befreiten mich aus meiner Starre und ich schloss das Fenster. Ich zog mir einen trockenen Schlafanzug an und verkroch mich wieder ins Bett, während draußen die Welt untergehen wollte.
Am Morgen stand ich zeitig auf öffnete wieder das Fenster. Die Schneedecke über den Feldern war wunderbar weiß. Ein paar Rauchwölkchen stiegen am Horizont auf. In der Nachbarstadt waren ein Kirchturm und mehrere Häuser einfach umgefallen wie Spielzeuge. Ein Feuerwehrauto stand unten an der Straße und von der Drehleiter löschte ein Feuerwehrmann einen kleinen Brand in unserem alten Apfelbaum. Bevor ich in den Strahl des Löschwassers geriet, machte ich das Fenster zu.
Ich musste los zur Arbeit.