In der Straßenbahn.

Eine sehr große, übergewichtige Frau in Jogginganzug und mit Maori-Tätowierung im Gesich steigt ein.

Ich schreibe das ganz wertneutral hin.

Total Recall

Stell Dir vor, Du machst eine schwere Zeit durch. Du reibst Dich auf zwischen Deinem Job und Deinem Studium. Du kannst nicht mehr richtig schlafen aus Angst, Du schaffst Deine Projektaufgabe nicht und Du frisst Dir aus Kummer eine neue Wampe an.

Herz und Geist sind schwer, doch dann geht die Allerliebste hin und holt Karten für das internationale Filmnacherzählfestival „Total Recall“ im Rahmen der Akzente Duisburg. 

„Das wird Dich etwas Aufheitern!“ sagt die Allerliebste und Du gehst widerwillig mit.

Gegen Ende der Veranstaltung wird noch ein Nacherzähler gesucht. Du stehst spontan auf, gehst auf die Bühne und erzählst vom Film „Der 13. Krieger“ und warum Du ihn für gut und schlecht zur gleichen Zeit hältst. 

Du bringst das Publikum zum Lachen, gerätst ins Schwafeln, klötterst mehrmals gegen die Mikrophone und überhörst am Ende noch das Geräusch, welches das Verstreichen Deiner Redezeit verkündigt …

… und dann machst Du den ersten Platz und gewinnst die „Duisburger  Silberlinde“.

Du alte Rampensau!

Die Wüter

Sie hatten im Verborgenen gebrütet und waren über die kleine Zivilisation hereingebrochen wie eine Naturgewalt. Sie hatten die Städte gestürmt und die Bevölkerung niedergemetzelt. Es hatte nur wenig Widerstand gegeben und nur Wenige hatten fliehen können.

Nun lagen die Städte in Ruinen und die Wüter hatten eine hohe Mauer um ihr neues Reich gezogen. Eine Mauer aus Beton und Stahl.

Doch die Menschen der kleinen Zivilisation gaben nicht auf: Die Männer und viele Frauen hatten sich bewaffnet und während man die Familien in der Diaspora in Sicherheit gebracht hatte, bekämpfte man die Wüter so gut es ging.

Kleine Kampfgruppen überwanden die Mauer und drangen in die Ruinenstädte ein, legten Hinterhalte und töteten viele Wüter, diese Geschöpfe der Unnatur und auch manchen Riesen.

Die Wüter interessierten sich nicht für Gold oder andere Schätze, für sie war nur das Blut und das Fleisch der Menschen wichtig. Aus diesem Grunde gab es in den Städten noch eine Menge Beute zu machen und so schlossen sich viele Menschen von den freien Inseln den Widerstandsgruppen an. Mehr und mehr Soldaten, Krieger und Glücksritter überwanden die Mauer und ihr Durst nach Rache, aber auch ihre Gier nach Reichtum drängten die Wüter mehr und mehr zurück.

Wellen von Wütern fielen unter den Salven der Musketenschützen, Riesen wurden von mutigen Männern mit Streitäxten zerhackt.

Die Feinde der Menschheit wurden weniger und weniger. Es sah ganz danach aus, als würden die Menschen diesen Krieg doch noch gewinnen.

Helfin hockte ganz alleine in der Krone einer hohen Fichte im Wald oberhalb der Stadt und hatte überhaupt keinen Blick übrig für die schöne Aussicht auf das Tal hinter sich. Er hatte sein Gewehr quer vor der Brust hängen, damit es ihn beim Klettern nicht allzu sehr störte.

Er hatte schon die ganze Nacht hier gehockt und beobachtet, was am Waldboden unweit seines Ausgucks vor sich ging – und er konnte es noch immer nicht fassen, was er dort sah:

Dort waren Nester.

Viele Nester.

Nester mit Wüter-Brutlingen.

Vielen Wüter-Brutlingen.

Die kleinen, hässlichen Wesen lagen aneinandergekuschelt in einem Gewirr aus Blättern, Federn und Heu und saugten an den Ampullen mit Lebensgift, dass sie schnell wachsen und zu zornigen Wüter-Kriegern machen würde. Ihre Krallenhände zuckten, die kleinen Augen waren geschlossen. Sie sahen ein bisschen so aus wie Küken in einem Vogelnest.

Die Nester hatten immer einen Abstand von ungefähr zwei Metern zueinander und gruppierten sich um einen Platz in der Mitte und dort hockte etwas, was Helfin einen Schauer nach dem anderen über den Rücken sandte:

Ein Brutriese. Dieses Geschöpf war mindestens sieben Metter groß und sah aus wie ein nackter, unglaublich fetter Mann. Schwarzes, sich kräuselndes Haar bedeckte seinen Kopf und seinen Körper. Sein Gesicht sah unglaublich roh und gemein aus.

Doch das war nicht das Schlimmste: Sein Bauch war über und über mit Blasen bedeckt. Diese Blasen wuchsen und Helfin konnte eine beobachten, die sich in eine dicke Kugel verwandelt hatte und sich von der Haut des Riesen zu lösen begann. Sie plumpste auf den Waldboden, nur noch durch einen dünnen Hautschlauch mit dem Brüter verbunden.

Dieser Schlauch, diese widerliche Nabelschnur riss und während das eine Ende sich blutend und zuckend in den Körper des Riesen zurückzog, fiel das andere Ende einfach hin.

Die Kugel platzte auf.

Inmitten von Blut und Schleim wand sich ein weiterer Brutling.

Helfin unterdrückte seinen Würgereiz. Er musste endlich was tun! Hier wuchs gerade eine kleine Armee von Wütern heran und die Kameraden in der Stadt unten waren vollkommen ahnungslos, was die Gefahr anging, in der sie schwebten, denn wo es einen Brutriesen gab, dort gab es auch Wüter.

Helfin griff in den Beutel, der an seiner Seite hing und holte dort ein Rohr heraus, dass ungefähr die Dicke und die Länge seines Unterarms hatte. Er schaute mehrmals nach, ob es sich auch um das Rohr mit der roten Markierung handelte und nicht etwas um die mit der weissen oder oder der grünen, die noch im Beutel warteten. Es war die Richtige.

An der Oberseite der Röhre war eine Öffnung, die mit Wachspapier verschlossen war. Dieses Papier entfernte Helfin gründlich. Dann spannte er den Hahn an der Unterseite und steckte sorgfältig ein Zündhütchen auf die Nadel. Er nahm den Faden mit der kleinen Holzkugel daran in die rechte Hand.

Helfin richtete die Öffnung auf einen Fleck Himmel über sich und atmete tief ein und wieder aus. Wenn alles funktionierte, würde er nicht viel Zeit haben, um den Baum zu verlassen und sich aus dem Staub zu machen. Hier auf dem Baum zu bleiben wäre zu gefährlich, denn Wüter konnten sehr gut Klettern.

Der Späher fasste sich ein Herz und zog an der Schnur.

Die Rakete zündete, fuhr funkensprühend aus dem Rohr und stieg auf. Sie stieg auf und auf und auf. Im blauen Morgenhimmel explodierte die Rakete dann in leuchtend rote Kugeln, die langsam wieder in Richtung Wald hinabsanken.

Rot bedeutete: Gefahr!

Helfin verlor keine Zeit und kletterte den Baum hinab. Das Stöhnen und Kreischen, das in Wald erscholl, verhieß nichts Gutes.

Den letzten Meter ließ sich Helfin einfach fallen und unten angekommen, rannte er sofort los. Gleichzeitig nahm er sein Gewehr in die Hände und spannte den Hahn. Sollte sich ihm etwas in den Weg stellen, durfte er keine Zeit verlieren.

Er lief und lief durch den Wald, wich Bäumen und Baumstümpfen aus, achtete auf Löcher im Boden. Ein falscher Tritt und der junge Späher wäre so gut wie tot, denn mit einem gebrochenem Fuß wäre er eine leichte Beute für die Wüter.

Fast wäre er unbehelligt im Tal angekommen, fast den Wald hinter sich gelassen und hätte sich in den Ruinen der Stadt verstecken können. Doch im letzten Streifen aus Bäumen und Büschen erwarteten ihn zwei Wüter. Sie hatten ihm den Weg abgeschnitten und warteten auf ihn, ihm die Klauenhände erwartungsfroh entgegen streckend.

Sie griffen nicht an. Sicher, weil sie wussten, dass weiter Wüter hinter im waren. Helfin war ein gut ausgebildeter Soldat und trotz seiner Jugend schon erfahren genug, um alleine auf Spähmission zu gehen.

Er stoppte, kniete sich hin und legte an.

Einatmen.

Ausatmen.

Einatmen.

Halb ausatmen.

Zielen.

Feuern.

Der Kopf eines der Wüter zersprang und Helfin sprang auf und rannte auf den verbliebenen Wüter zu. Er wechselte das Gewehr in die linke Hand und zog mit der rechten seinen Säbel. Das Gewehr ließ er fallen, kurz bevor er das noch immer verdutzt dreinblickende Monster erreicht hatte. Helfins Streich war vielleicht nicht besonders elegant und durch die Vorwärtsbewegung war er auch viel zu kraftvoll, aber er reichte aus, um dem Wüter einen sehr tiefen Schnitt quer vom Hals über die Brust zuzufügen.

Blut spritzte und der Wüter klappte zusammen.

Helfin bückte sich nach seinen Gewehr, hielt jedoch in der Bewegung inne, als ein unglaublicher Lärm aus dem Wald erklang. Er dreht sich um und starrte auf den Brüterriesen, der sich wie eine Lawine auf ihn zubewegte. Sein fetter Bauch schob Büsche und junge Bäume einfach zur Seite.

Der Späher überwand seinen Schock und in seinem Kopf rasten die Gedanken. Was tun?

Sein Gewehr war leergeschossen und sein Säbel würde gegen diese Fleischmassen nicht viel ausrichten. Wenn er den Riesen nur kurz ablenken könnte, hätte er noch die Möglichkeit, sich zwischen dickeren Bäumen in Sicherheit zu bringen.

Nur kurz … nur kurz …

Helfin griff kurzhand in seinen Beutel und holte die zwei verbliebenen Raketenröhren heraus. Es musste jetzt schnell gehen:

Wachspapier abreißen. Zündhütchen aufstecken.

Dann auf den heranwalzenden Riesen zielen, so gut es ging.

Schnur ziehen.

Die erste Rakete – die weiße – traf den Riesen mitten im Gesicht. Zwar explodierte die Rakete erst nachdem sie vom fetten Gesicht des Riesen abgeprallt war, aber die Funken und der Knall erschreckten das Vieh immerhin so sehr, dass sein Vormarsch ins Stocken geriet.

Der Brutriese schaute sich verwirrt um und wedelte mit den viel zu kurzen Armen in der Luft herum.

Die Zeit nutzte Helfin, um sich etwas weiter nach unten Richtung Tal zu bewegen und die zweite Rakete aus größerem Abstand abzufeuern.

Diesmal zerplatzte das Geschoß direkt vor dem Riesen. Die grünen Leuchtkugeln ergossen sich über den Riesen, brannten sich in seine nackte Haut.

Der Riese schrie vor Schmerz und Zorn auf und warf sich hin und her. Äste und Steine prasselte talabwärts und Helfin hob seinen Säbel und sein Gewehr auf und begann zu rennen. Weitere Schreie ertönten in seinem Nacken, aber es waren nicht die tiefen Grunzlaute aus dem Rachen des Brutriesen, sondern die höheren, fast menschlischen Schreie der Wüter-Wächter.

Helfin rannte schneller, keuchte und stampfte und kümmerte sich nicht mehr um Hindernisse. Er sprang über Holz und Stein. Es ging im alles. Schreie, Schreie hinter ihm und neben ihm. Sie holten auf! Sie würden ihn umzingeln.

Dann ein einziger Schrei direkt vor ihm:

„Auf den Boden, Junge!“

Seinen Soldatenreflexen folgend, warf sich Helfin flach auf den Waldboden. Worauf der dabei landete, kümmerte ihn nicht. Das war sein Glück, denn der nächste Ruf lautete:

„Erste Reihe: Feuer!“

Eine Musketensalve knallte los.

„Erste Reihe: Laden! Zweite Reihe: Feuer!“

Die nächste Salve flog über Hefin hinweg und aus den Schreien im Wald wurde ein schmerzvolles Kreischen.

„Zweite Reihe: Laden! Dritte Reihe: Feuer!“

Helfin blieb einfach flach liegen, drückte sich so tief in das muffige Erdreich wie er konnte, während die Kameraden die Wüter und die Riesen unter Feuer nahmen.

Salve um Salve wurde abgefeuert und später rückten die Soldaten vor und erledigten den Rest mit ihren Bajonetten.