Category Wirre Träume einer Wanze
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Dienstag, Januar 16, 2007

» Maria im Berge

By Flusskiesel at 21:13

Schnell hastete ich auf den Eingang zu. Wie immer war ich spät dran, hatte viel zuviel Zeit damit verbracht, durch den Wald zu schlendern und zu Träumen. Der Unterricht bei Pater Barth würde bald beginnen - dort durfte ich nicht zu spät kommen. Also nahm ich die Abkürzung. Die Abkürzung war ein langer, enger Treppengang direkt durch den Berg, er führte vom obigen Tal ins untere. Dort musste ich hin. Eigentlich war uns die Abkürzung verboten, denn es handelte sich nicht wirklich um einen Durchgang, sondern um den Weg zu einer winzigen Marienkapelle mitten im Berg. Die Pater wollten nicht, dass wir Jungen diesen heiligen Ort entweihen, indem wir da mit unseren Sandalen einfach durchhasteten. Wir wussten aber, dass die Pater selbst diese Abkürzung zu schätzen wussten und benutzen sie also auch - wenn auch selten und sehr, sehr vorsichtig.

Meine Beine waren stark damals und meine Füße flink. Ich flog förmlich die Treppe hinunter. Dann kam ich zur Kapelle. Reflexhaft griff ich in das Weihwasserbecken an meiner rechten Seite und kniete mich nach links, zur Mutter Gottes hin und bekreuzigte mich. Ich konnte nicht einfach weiter, ohne wenigstens ein kurzes Gebet zu sprechen. Also faltete ich meine Hände und betete. Dabei sah ich vorsichtig zur Mariengestalt hinauf. Sie war auf einem Stein sitzend dargestellt, mit der zum Segen erhobenen rechten Hand, den Blick auf den vor ihr Knienden gerichtet. Die Darstellung war vielleicht nicht besonders naturalistisch, doch der Bildhauer hatte sie direkt aus dem Fels des Berges geschlagen und sie wirkte - lebendig.

Mein Gebet war vollendet und ich begann, meine Kutte zu ordnen, wollte aufspringen, da zwinkerte mir die Mutter Gottes zu. Sie zwinkerte mir zu? Ein Schauer aus Eis lief mir über den Rücken. Sicher hatte ich mich nur geirrt, war ja ausser Atem, dazu diese enge, eigentümliche Stimmung hier - da zwinkerte sie erneut. Meine Hände schossen wieder nach oben. Ein anderes Gebet schoss über meine Lippen. "Heilige Maria, voll der Gnaden ..." Sie sah mich an. Senkte die rechte Hand. Dann stand sie auf. Das konnte nicht ... das konnte nicht. Sie stieg von ihrem Sockel als sei sie ein echter Mensch. Die Statue stand auf. Wie ein Mensch. Sie sah mich an. Sie sah mir direkt in die Augen. Sie tat einen Schritt, dann einen zweiten. Sie kam auf mich zu, streckte den rechten Arm aus. "Heilige Maria ... Heilige Maria ... Heilige Maria ..." Sie griff über meine Schulter hinweg. Als sie ihre Hand wieder zurückzog, war es nass von Weihwasser. Ein paar Tropfen fielen auf mein Haupt. "... voll der Gnaden ... Gnaden ...". Sie strich sich das heilige Wasser ins Gesicht, fast als ob sie sich damit waschen wollte. Dann legte sie den Kopf kurz auf die Seite, drehte sich um und ging wieder auf ihren Platz zurück.

Ich weiss nicht, wie lange ich vor ihr kniend verharrt bin, bewegungsunfähig, als ob mein kalter Schweiß mich am Boden festgefroren hätte. Pater Ansgar fand mich dort, zitternd und Gebetsfetzen lallend.

Erzählt habe ich niemandem von der Erscheinung.

Den Unterricht von Pater Barth habe ich auch verpasst.

Freitag, Dezember 15, 2006

» Re: Ihre Bewerbung

By Flusskiesel at 21:48

Sehr geehrte Frau Paselacki,

anbei sende ich Ihnen Ihre Bewerbungsunterlagen zurück.

Bei unserem Auswahlverfahren konnten wir Sie leider nicht berücksichtigen.

Es tut mir sehr leid, Ihnen einen derart abschlägigen Bescheid erteilen zu müssen!

Für Ihren weiteren beruflichen Werdegang wünsche ich Ihnen alles Gute!

Mit freundlichen Grüßen,

...

PS: Möglicherweise haben Sie ja Interesse, sich mal mit mir privat zu treffen. Ich bin 1,83 groß, vollschlank und interessiere mich für Modelleisenbahnen und Ringen im griechisch-römischen Stil.

Montag, November 27, 2006

» Mondgöttin

By Flusskiesel at 13:13

Vollmond. Die Luft weht lau und warm. Die Welt ist eingetaucht in fahles Licht. Es glänzt auf der Klinge meines treuen Schwertes. Ich stehe eine Weile still da. Dann sehe ich ein Glitzern in der Nacht! Ein Lichtstrahl erscheint, farbig bunt. Er bewegt sich.

Ich falle auf die Knie. Mein Schwert stelle ich mit der Spitze zur Erde vor mich hin. Die Göttin des Mondes kommt.

Das Licht ist jetzt über mir, über meinem Kopf. Göttin des Mondes! Mein Herz fließt über. Bald werde ich die Mondsteine erobert haben, bald werde ich sie meiner Göttin übergeben!

Doch ein leises Geräusch stört meine Andacht. Ein Knarren, ein Knarzen. Ich blicke nach oben. Im Schein des Mondlichtes kann etwas erkennen. Ein Glas? Ein Glas, in dem sich das Mondlicht bricht? Sieht aus wie ein Bierglas! Eine riesige, bunt schimmernde Pilstulpe! An ihrem Stiel ist ein Seil befestigt, an dem es hin und her schwingt.

Von wegen Mondgöttin! Scheiße! Die Schweine haben mich reingelegt!

Wütend stapfe ich davon, mein Schwert zieht hinter mir eine Furche in den Boden.

Arschlöcher!

Mittwoch, November 22, 2006

» Der Keller

By Flusskiesel at 8:51

"Hier entlang!" sagte die Frau und führte ihn eine steile Treppe hinunter. Eine schwere Brandschutztür wurde geöffnet und sie betraten den Keller. "Das ist er!" Die Frau unterstrich ihre Worte mit einer weiten Handbewegung. Muffige Kellerluft stieg ihm in die Nase. Eine einsame Glühlampe funzelte matt. "Sollen wir mit der Führung beginnen?" fragte die Frau, das Hutzelmännchen nickte, ersparte sich eine Antwort auf diese überflüssige Frage. Sie gingen los. "An den Wänden hängen alte Puzzlebilder von Schiffen." Dozierte die Frau. "Hier zum Beispiel die Statsraad Lemkuhl. An diesem Bild hat eine kleine Familie viele Abende gepuzzelt. Man saß um einen großen Tisch im Wohnzimmer. Die Kinder haben die Puzzleteile sortiert, die Eltern eingefügt. Es gab Tee und Plätzchen, über ihnen hing eine Leuchte mit Zierbommeln." Das Hutzelmännchen nickte wieder. "Jaja, sehr schön!" sagte er leise. Weiter gingen sie durch das Labyrinth des Kellers. Sie kamen in einen Raum, der wohl mal als Waschküche gedient hatte. "Dies war die Waschküche der Familie." Erklärte die Frau. "Hier wusch die alte Frau die Wäsche, auf dem Boden war ein dicker Teppich, darauf saß das Baby. Es spielte mit seinen bunten Rasseln und sah seiner Großmutter zu, es war warm hier und roch nach Waschmittel." - "Jaja, sehr schön! Weiter!". Sie gingen weiter. Ein dunkler Verschlag, Regalbretter an den Wänden. "An dieser Stelle sehen sie die Werkzeugecke des alten Mannes. Er lagerte hier alte Schrauben und schloßlose Schlüssel in alten, verrosteten Fischdosen. Der alte Mann war gerne hier und sortierte sein Werkzeug." - "Ja, Werkzeuge! Sehr schön! Bitte weiter!" murmelte das Hutzelmännchen. Man lief weiter durch den Keller, bis man wieder an der Brandschutztür angekommen war. "Das wars!" rief die Frau und breitete die Arme aus. "Wir hoffen, Sie kaufen den Keller. Wollen Sie wirklich ein Museum daraus machen? Es wäre ja wundervoll, wenn alles in diesem Zustand bleiben könnte - es gibt so viele schöne Erinnerungen hier." Das Hutzelmännchen zog seinen Mantel zu. "Natürlich belassen wir alles so, wie es ist! Menschlichkeit ist uns wichtig. Erinnerungen! Sehr wichtig!"

Als das Hutzelmännchen wieder auf der Straße war, rieb es sich die Hände. Den Kaufvertrag würden die Anwälte morgen unterschreiben. Ketten kämen an die Wände, Gummimatten auf den Boden. Gleitzernde Disko-Kugeln würde er selber aufhängen und diese komische, sentimentale Frau würde einfach entlassen!

Sein Boss, der Affenkönig, wäre zufrieden mit ihm.

Montag, November 20, 2006

» Kondome in der Bahn

By Flusskiesel at 13:42

Im U-Bahnhof Mittelmeiderich gibt es einen Automaten, wo man Erfrischungen und kleine Snacks ziehen kann. Alles schön gekühlt. Doch nicht nur Verzehrbares findet sich dort: Ein wenig verschämt verkriecht sich in der unteren rechten Ecke ein Fach mit Kondomen.

Nun ist es ja durchaus vernünftig, an solchem Ort Präservative der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, auch kommt eine Kühlung sicher der Qualität der Gummischwämme zugute.

Doch vor meinem geistigen Auge formt sich folgendes Geschehen:

Samstag Nacht. Ein Mann und eine Frau haben sich gerade in einer der zahlreichen In-Kneipen Mittelmeiderichs kennen gelernt (wir stellen uns mal einfach vor, Mittelmeiderich hätte In-Kneipen. Wenigstens ein paar). Man trank, man lachte, es wurde getanzt. In der kalten Nachtluft folgte Händchenhalten, zaghafte, immer leidenschaftlicher Küsse. Die Hemmungen fallen. Doch: Man kennt sich kaum! AIDS! Syphilis! Schwangerschaft! Der Automat unter der Erde bietet - gegen ein kleines Entgelt - den nötigen Schutz. Hastig wird nach Kleingeld gewühlt, mit zitternden Finger der Automat gefüttert. Endlich! Jetzt ein stilles Eckchen gesucht. Wo ein Wille ist, usw.! Hier ist's gemütlich! Wie kriegt man diese Packung auf? Hose auf! Hose runter! Nur noch wenige Handgriffe ... doch: KAHAHAHAHALT!!

Und der kleine Prinz war müde und legte sich Schlafen.

Tja, so kann man auch verhüten.

Montag, November 13, 2006

» Der Krieg der Bären

By Flusskiesel at 14:31

In der Savanne wurde ich von einem ihrer Söldner aufgegriffen. Ich kann mich noch sehr gut an ihn erinnern. Er hatte langes, leuchtend rotes Haar, sein Oberkörper war frei und sein Gewehr trug er am liebsten quer über die Schulter. Aus irgend einem Grunde hatte er eine Art "Söldnerausweis" dabei, den er mir stolz zeigte. Auf dem abgegriffenen Stück Pappe standen Dinge wie "Rothaar", "Holzeier" und anderer Unsinn.

Widerstand war trotzdem zwecklos und ich ließ mich abführen - direkt in den Bau der Braunbären.

Dort führte mich Rothaar Holzei durch kahle und graue Gänge aus Beton, bis wir in eine Art Wachstube kamen. Dort übergab er mich einem Braunbären mit grotesk dicker Nase. Angst durchschlich mich, da Bären, egal mit was für einer Nase, gerne Menschen fressen.

Doch der Bär lachte nur, packte mich am Kragen und warf mich in einen dunklen Raum. Menschen waren hier, leise und verzweifelt.

An den Wänden saßen Schatten und es stank nach Urin. Von diesem Raum aus führte ein schwarzer Gang ins Schwarze. Ausserdem gab es noch eine kleine Kammer nebenan.

Der Anführer der Menschen - ein Maori, tätowiert wie ein Bilderbuch - erklärte mir alles, was zu wissen gab: Die Braunbären waren im Krieg mit den Schwarzbären, und es sah für die Braunen nicht gut aus. Eine Armee der Schwarzbären war auf dem Weg zum Braunbärenbau und die Braunbären waren wegen ihrer militärischen Lage inzwischen so verzweifelt, dass sie auch ihre menschlichen Sklaven in den Kampf schickten. Unsere Aufgabe sollte nun sein, den schwarzen Gang gegen Eindringlinge zu verteidigen. Ich ging in den Nebenraum, um mir dort eine Waffe holen. Die "Waffen" waren fast ausnahmslos scharf geschliffene Haushaltsgeräte: Pfannen, Serviergabeln, Schöpflöffel und so weiter. Der einzige, der mit etwas annähernd waffenähnlichem ausgestattet war, war der Maorikrieger: Er trug ein langes Fleischmesser am Gürtel. Ich entscheid mich für etwas, das wohl mal ein Kartoffelstampfer gewesen sein mochte. Die scharfen Zicken blinkten silbern.

Viel Zeit hatte ich nicht, um über mein Schicksal nachzudenken. Ich war gerade wieder bei meinen Kameaden, da begann auch schon der Angriff. Ein Stampfen ließ den Bau erzittern, man hörte Kämpfen, Schreien, Schnaufen. Ein Schwarzbär stürmte plötzchlich durch unseren Gang. Er durchschnitt unsere Reihen wie ein heisses Messer die Butter, hieb mit seinen Pranken um sich. Blut färbte den Beton. Als er sich umdrehte, um unseren Anführer zu zerfleischen, drehte das Vieh mir seinen Rücken zu. Ich sprang auf ihn auf und hieb, so fest ich konnte auf seinen Nacken ein mit meinem Stampfer. Ich schlug, ich schlug, ich schlug, ich schlug, während der Maori kreischte, seine Knochen brachen, sein Fleisch zerriss. Ich schlug, ich schlug, ich schlug weiter, schlug durch Fell, durch Muskeln, Wirbel. Irgendwann fiel der Kopf des Schwarzbären vornüber, der Rest des Bären folgte. Ich fiel weich. Die wenigen, die von uns noch lebten, hieben wie wild auf die Bären ein. Auf alle Bären.

Ich weiss nicht mehr, wie ich lebend aus dem Braunbärenbau gekommen bin, aber als die kühle Nachtluft das Blut auf meiner Haut trocknete und ich den Rauch der brennenden Bärenkolonie roch, wusste ich: Der Krieg der Bären war vorbei.

Mittwoch, November 08, 2006

» Wo habe ich mich hingeträumt?

By Flusskiesel at 14:58

Im Traum stieg ich aus dem Zug, mit schnellen Schritten durchquerte ich den Bahnhof. Auf dem Vorplatz blieb ich stehen. Grauverhangen der Himmel, wenig Verkehr auf den Straßen. Heisses Blut durchpulste meinen Körper. Wie ein Raubtier wollte ich die Stadt durchstreifen, sie riechen, schmecken und fühlen.

Dann machte jemand draussen auf der Straße sehr laut eine Autotür zu und ich wachte auf. Welche Stadt war das wohl? Karlsruhe? Gelsenkirchen?

Freitag, November 03, 2006

» Träumereien

By Flusskiesel at 7:17

Puuh! Gestern Nacht träumte es mal wieder heftig. Ich muss das nur noch richtig auf Datei bringen ...

Mittwoch, November 01, 2006

» Vetternwirtschaft

By Flusskiesel at 20:38

"Vetternwirtschaft funktioniert!" rief der Herr Künstler in unsere Runde. Er hatte recht und wir sahen uns zufrieden an. Für eine gute Vetternwirtschaft brauchte man nicht viel: Genug Vettern, Portwein und billigen Sekt.

Wir stießen auf den Erfolg an und tranken. Dann strömten wir hinaus ins Foyer der Schule. Ich erzählte dem alten Mann mit dem weissen Haar, dass ich in Zukunft nur noch teuren Sekt kaufen wolle.

Dann stach mir der Aushang am schwarzen Brett ins Auge: Reli fiel aus!

Was nun?

Donnerstag, Oktober 26, 2006

» Madiger Abend

By Flusskiesel at 20:43

Langsam schleppte ich mich die Treppe hoch. Mein Zustand war besorgniserregend: Den Unterkiefer hatte ich auf der Straße unten verloren, meine Zehen bogen sich stark nach oben. Der Schlüssel knirschte in der Wohnungstür und ich schob sie mit dem Stumpf meines rechten Armes auf.

Ich war gerade beim dicken Wabbelmann zu Besuch gewesen. Er hatte nun den dritten Tag ohne jeglichen Pornokonsum hinter sich und war natürlich sehr stolz auf den erbrachten Verzicht. Sein Problem mit den kurzen Stummelfingern bekam er demzufolge auch nach und nach in den Griff.

Ich wankte ins Schlafzimmer, wo die Liebste bereits schlief. Sie war schon komplett eingesponnen. Aufstöhnend ließ ich mich ins Bett fallen. Dort löste sich mein Fleisch von den Knochen und sackte tief in die weißen Laken.

Selige Nachtruhe.

Mittwoch, September 27, 2006

» Der Spruch des Tages

By Flusskiesel at 9:58

Guter Rausch ist teuer!

Dienstag, September 26, 2006

» Die Frage des Tages

By Flusskiesel at 6:53

Wenn der Mensch das Ebendbild Gottes ist - ist Schminken dann Gottesdienst?

Donnerstag, August 17, 2006

» Mozarella-Kleid

By Flusskiesel at 11:42

Mozarella-Kleid? Wieso Mozarella-Kleid? Ist es so rund? Ist es so weich? Ist es so weiß? Zerfließt es in der Hitze?

Mittwoch, August 09, 2006

» Teufelsritt

By Flusskiesel at 6:50

Komm, mein kleines Kind! Setz Dich auf meine Schultern! Halte Dich an meinen Hörnern fest und wir laufen los über Land. Die Hügeln rasen unter uns dahin, Du kuschelst Dich ein in mein dichtes Fell. Dann stehen wir im Feld und atmen den Duft der Welt. Die Dörfer brennen, die Sterne strahlen. Blut fließt im kleinen Bach. Die Welt gehört uns, mein Kind!

Donnerstag, Juli 06, 2006

» Der dicke Mann

By Flusskiesel at 6:56

Der dicke Mann lachte und das Bier in den Gläsern schwappte. Der dicke Mann lachte laut und scheckig. Sein T-Shirt war hochgezogen und sein fetter Bauch hing nackt auf den Oberschenkeln. Der dicke Mann bestritt die gesamte Unterhaltung am Tisch und lachte pausenlos über seine eigenen Witze. Bei jeder Attacke schalen Gelächters glitten Wellen über die weiche, schwabbelige Oberfläche seines Bauches. Es war wieder soweit: "Aber Frau Wirtin," brüllte der dicke Mann in die Runde "ihr Tochter war doch schon längst da!", schlug mit der flachen Hand auf die Tischplatte und gackerte los. Wieder kräuselte sich sein Bauch, Fett bildete Wellenkämme und Wellentäler. Doch dann sah ich etwas. Einen kleinen Punkt, der über den Bauch des dicken Mannes wanderte, hin und hergeworfen von der wilden Specksee. Zuerst hielt den Punkt ja für ein Muttermal oder ähnliches, aber Muttermale wandern doch nicht, oder?

Vielleicht ein kleines Insekt?

Ich stützte mich auf meine Ellenbogen und tat so, als würde ich den Inhalt meines Glases betrachten. So hatte ich bessere Sicht. Der Punkt war kein Muttermal, er war auch kein Insekt. Er war ein Schiff. Ein winzigkleines Schiffchen, das durch Sturm auf des dicken Mannes Bauch fuhr. Ich beugte mich noch mehr vor und erkannte mehr Details: Es war ein kleines Segelschiff, doch seine Segel hingen in Fetzen. Ein Mast schien gebrochen, kleine Gestalten hielten sich krampfhaft an Seilen und Reling fest. Sie hatten keine Chance. Nicht gegen diese stürmische See. "Kommt eine alte Jungfer zum Arzt ..." hub der dicke Mann zu einem weiteren Witz an. Die Männchen begannen, irgendwelche Dinge über Bord zu werfen. Ballast. Die Fettpumpen arbeiteten mit höchster Leistung.

Ich spannte meinen Geist durch den Bierdunst an.

Konnte ich vielleicht der Besatzung des Schiffchens helfen? War eine Rettung möglich? Da endete wieder einmal ein schlechter Witz des dicken Mannes ("Aber bitte nicht wieder so von hinten!") und er dröhnte eine besonders laute und fiese Lachsalve in den Saal. Als sich sein Bauch beruhigt hatte, war das Schiff verschwunden. Keine Wrackteile, keine Überlebenden. Es war vorbei. Ich bin dann auch bald gegangen.

Dienstag, Juli 04, 2006

» Die Welt zu Gast

By Flusskiesel at 13:37

Ich ging über die Straße, trotz des Wetters trug ich einen langen, schwarzen Mantel. Eine Gruppe von drei jungen Mannern, die sich als WM-Gäste ausgaben, umschwirrte mich und ein besonders vorwitziger junger Mann zuppelte an meinem Mantel.

Auf der anderen Straßenseite angekommen, fuhr ich die jungen Männer, welche sich als WM-Gäste ausgaben, an. Ich verlangte von ihnen zu wissen, was ihr Betragen denn solle und wie sie dazu kämen, meinen Mantel anzufassen. Eine schreckliche Fanbetreuerin stellte sich vor die ungezogenen Gören und fuhr mich ihrerseits an. Was das denn solle, verlangte sie von mir zu wissen, die Welt sei zu Gast hier bei Freunden und ich würde junge Männer, die sich als WM-Gäste ausgaben, beschimpfen!

"Es tut mir leid Herr Wachtmeister, bei mir zuhause springt man mit jungen Welpen anders um, wenn sie an Größeren herumzuppeln. Das kann auch schon mal weh tun!" (Gepräch ist fiktiv und wurde später hinzugefügt).

Freitag, Juni 23, 2006

» Das Ei

By Flusskiesel at 12:45

Da lag es nun. Das Ei. Barney schaute mich erwartungsvoll an. Auf der Stirn unter seinen kurzen, blonden Haaren hatten sich ein paar Schweißperlen gebildet. Ich schaute von Barney zum Ei und vom Ei zu Barney. Was sollte ich jetzt tun? "Nun, da ist es!" sagte Barney. Nein, ich konnte nicht. "Nein Barney, ich kann nicht!" sagte ich. Barney runzelte die Stirn. Ich mochte es eigentlich, wenn er das tat. "Warum nicht? Du hattest doch einen solchen Hunger! Nimm das Ei - Du kannst es Dir Kochen. Oder mach' einfach ein Spiegelei. Es ist völlig in Ordnung - und frischer geht es nicht mehr!" Er lachte freundlich und nahm einen Zug von der Zigarette. Er rutschte ein bisschen hin und her, so als ob ihm sein Hintern wehtat.

Ja, natürlich hatte ich ziemlichen Hunger gehabt - aber ich hatte doch nie daran gedacht, eines von Barneys Eiern zu essen! Ich hatte nur einmal über meinen leeren, knurrenden Magen gejammert und schon hatte Barney sich hingehockt und ein Ei gelegt. Ein richtiges, rundes Ei!

Seit dieser schlimmen Nervenkrankheit und der Therapie mit diesen Hühnergenen konnte Barney nämlich tatsächlich Eier legen und war auch sonst ein bisschen seltsam geworden. Natürlich waren wir alle froh, dass er wieder gesund war, aber er war - so anders.

Ich konnte das Ei nicht einfach aufessen - nicht ein Ei von Barney. Nicht so ein Ding, dass in ihm gewachsen war und das er dann aus seinem After gedrückt hatte! Es ging einfach nicht! "Ich kann das Ei nicht essen. Das geht einfach nicht!" sagte ich zu Barney. "Warum?" fragte er und seine Stirn zerfurchte sich in tiefe Schluchten. Seine Augen waren auf einmal ganz groß. Auch das sah ich normalerweise gern. "Das Ei ist ganz frisch - und meine Eier sind lebensmittelchemisch mit Hühnereiern völlig identisch. Sie sind nur ein bißchen größer als normal. Greif' zu!"

"Ich kann nicht. Ich kann nicht. Ich kann nicht ..." brabbelte es aus meinem Mund. Barney ließ nicht locker - er schien mich wirklich von der Qualität seines "Produktes" überzeugen zu wollen: "Du wirst keinen Unterschied schmecken! Oder liegt es etwa an mir?"

Was sollte ich darauf anderes antworten als ein "Nein, Barney! An Dir liegt es natürlich nicht! Es ist nur ... es ist nur ..." Barney hakte nach: "Oder ekelst Du Dich vor dem Ei, weil es bei mir ganz unten rauskam? Das ist doch genau wie bei einem anderen Huhn! Und da ist ja noch die Schale drum - hygienisch einwandfrei!"

Mein Blick wanderte von Barneys Gesicht hinunter zum Ei. Es hatte eine hellbraune Färbung, wirklich wie ein ganz normales Hühnerei. Es lag da und schien zu warten. Ich schaute wieder auf. Barney sah mir in die Augen. Seine Augen waren blau und klar. Nicht wie die eines Huhns. Er erwartete eine Antwort.

Ich traf eine Entscheidung. "Ist gut!" seufzte ich. "Könntest Du es bitte für mich in die Pfanne hauen? Ein Spiegelei wäre jetzt super". Mein Lachen sollte fröhlich und entspannt wirken - tat es aber nicht. Aus Barneys Mund kam ein kleiner Triumphschrei. Er griff sich das Ei und lief schnell in die Küche. Ich saß wohl noch ein paar Minuten einfach da und schaute vor mich hin. Ich hörte Barney am Herd hantieren und er pfiff ein Liedchen, als das Ei in der heißen Butter zischte.

Da musste ich jetzt wohl durch.

» Kälte

By Flusskiesel at 7:46

Kälte.EisigeKälte.Eswarsoentsetzlichkalt,dasssogardieLeertasteeinfror.

Dienstag, Juni 13, 2006

» Trauerzug

By Flusskiesel at 20:45

Enge Brust, Angst im Hals. Wir fahren mit der Beinbahn. Ganz aus Knochen ist sie gebaut, der Fahrer trägt schwarz. Sie hält am Friedhof, am Neuen Friedhof und an der einsamen Haltestelle an der Kreuzung weit draussen. Die Beinbahn fährt jedoch nicht des nachts bei Vollmond, sondern zu jeder halben Stunde werktags zwischen acht und achtzehn, an Sonn- und Feiertagen zwischen zehn und sechzehn Uhr. Mit den Fahrkarten kann man sich auch die Tränen aus dem Gesicht wischen.

Sonntag, Juni 11, 2006

» Parlament

By Flusskiesel at 17:12

Wieder einmal tagte die Neukatholische Männerinitiative "Frieden im Horst" auf dem Dachboden der Gastwirtschaft "Posthörnchen" und wieder saß ich dort und wieder langweilte ich mich fast zu Tode. Meine Frau schickt mich immer zu diesen Treffen. Sie meint, ich würde dort andere Männer kennen lernen, Freunde finden. Dabei ist das Ganze nur eine Ansammlung frömmelnder Wichtigtuer!

Gerade stritten sich die Horstmitglieder um die Ausgestaltung des Sommerfestes, das heißt, sie keiften sich an wie ein vervierfachtes altes Ehepaar. Man konnte sich nicht einig werden, ob es nun ein bayerisches Grillfest oder eine italienische Nacht werden sollte. Mir war beides gleich. Wie jedes Jahr würde ich auch diesmal sicherlich schon vor Mitternacht schändlich betrunken von meiner Frau in ein Taxi gehoben werden. Der Taxifahrer würde ängstlich mit einer Plastiktüte wedeln, aus Angst, ich würde in seinen schönen Mercedes kotzen. Wie immer würde ich nicht kotzen, wie immer würde ich kein Wort sagen, so wie ich nie ein Wort sage auf diesen Veranstaltungen.

Während diese Idioten um mich herum gegeinander Dinge ins Feld führten, die von Argumenten nicht weiter entfernt sein konnten, schweifte mein Blick umher und durch das Fenster. Man konnte gut in das Haus gegenüber sehen - die Fenster dort waren sehr groß und netterweise hatte sich der Bewohner einen von diesen neuen Riesenfernsehern gekauft. Ich konnte also gut erkennen, was dort drüben lief.

Ein Film, der in dem kleinen Land in der ehemaligen Sowjetunion spielt. Dieses Land, dessen Name ich immer vergesse. Wohl eine Art Spionagethriller oder so. Eine Szene spielte auf dem Platz des Parlamentes.

An diesen Platz kann ich mich noch gut erinnern. Das Gebäude, welches jetzt das Parlament beherbergt, war in den Zeiten des Faschismus der Sitz des Rassenführers gewesen, einem unheimlichen Mann in schwarzer Lederuniform, mit einer Nickelbrille auf der Nase. Er hatte den Auftrag gehabt, aus dem Material des Volkes den perfekten Menschen zu züchten, den Menschen der Zukunft. In den Kellern des riesigen Baus sollen sich furchtbare Szenen abgespielt haben.

Als wir dort waren, war die Zeit des Faschismus schon lange vorbei. Trotzdem war es dunkel und regnerisch. Wir standen am Fuße der gewaltigen Skulptur, die so groß ist, dass man als Besucher des Platz kaum erkennen kann, was sie darstellt. Irgendein Riese, dessen hammerartige Fäuste ein Gewusel kleiner Menschen zerdrückt. Oder so.

Im Parlamentsgebäude selbst gab es nicht viel zu sehen. Überall standen junge wehrpflichtige Soldaten Wache, überwacht von den "Brotniks" genannten Geheimpolizisten. Wenn man sich die ständige Ausstellung des Parlamentsmuseums ansehen wollte, wurde man von den Soldaten aus den Räumlichkeiten gescheucht. Keine schöne Reise!

In der Sitzung war man inzwischen beim Thema "Bratwurst" angelangt und in dem Film ging es langsam zur Sache: Ein Mann und zwei Frauen wurden von einer vermummten Menge durch die Kellergewölbe des Parlamentes getrieben. Die Verfolger waren von oben bis unten in schwarzes Leder gekleidet. Die Flüchtlinge hasteten eine Treppe hinauf, doch eine verschlossene Tür versperrte den Weg! Der Mann, er trug ein Leinenhemd und seine langen, braunen Haare offen, stellte sich den Verfolgern entgegen und wurde von einem Speerstoß niedergestreckt. Die Frauen, eine groß, schlank und dunkelhaarig, die andere mollig und blond, schrien verzweifelt auf. Dann öffnete sich die Tür und sie fielen hinab in die Tiefe, direkt in die unterirdische, vollautomatische Fischfabrik!

Moment mal: Gab es unter dem Parlament des Landes, dessen Name ich immer vergesse, eine Fischfabrik?

Keine Ahnung - auf jeden Fall wurden die beiden armen Opfer schockgefroren und zu Fischkonserven verarbeitet. Ein merkwürdiger Film. Wohl doch kein Thriller.

Dann war der Film aus und die Sitzung aus. Man hatte sich auf den nächsten Termin vertagt. Alle standen auf, ich nickte den anderen zu. Dann zog ich meinen schwarzen Ledermantel über und ging nach Hause.