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Freitag, Januar 26, 2007
» Mit der DVG ins Mittelalter
By Flusskiesel at 9:05
Eingangsfrage: Wieviele MP3-Player gibt es wohl auf der Welt? Hundetausende? Millionen?
Nach einem herrlichen Abend (wir hatten "kinderfrei") mit Freunden in Düsseldorf fahren wir abends heimwärts nach Duisburg. Natürlich mit der Bahn. Die 903 Richtung Dinslaken ist - wie fast immer - gut gefüllt, auch um kurz vor elf. Wir stehen irgendwo vorne im ersten Wagen.
Kurz nachdem die Bahn den Duisburger Hauptbahnhof verlassen hat, kommt plötzlich eine Durchsage. Eine weibliche, schlecht gelaunte Stimme quakt*:
Sehr geehrte Fahrgäste! Der Betrieb von Tonwiedergabegeräten ist hier verboten. Bitte schalten Sie die Geräte aus!"Die Fahrgäste gucken sich verwirrt an. Tonwiedergabegeräte? Steht hier irgendwo ein Grammophon oder eine Stereoanlage herum? Vielleicht der GEZ-Mann mit einem Ghettoblaster? Fehlanzeige. Allerdings hat ungefähr ein Drittel der Fahrgäste Kopfhörer auf, bzw. in den Ohren. Einigen beginnt es zu dämmern, dass sie gemeint sein könnten und nesteln nervös an den MP3-Playern herum. Auch eine ältere Sitzgruppe kommt auf diese Idee. "Wieso das denn? Heutzutage hat doch jeder so ein Dingen auf!" fragt sie laut. Nach Duissern, auf dem langen Marsch unter der Ruhr durch, dann wieder die laute Quakstimme, diesmal deutlich übellauniger:
Ich wiederhole: Schalten Sie die Tonwiedergabegeräte aus, oder Sie müssen an der nächsten Haltestelle aussteigen!Die verwirrten Blicke wandern leicht ins Ungläubige. Ein Mann, der in einem Buch liest, schüttelt den Kopf.
Der Weg unter der Ruhr durch ist lang. Also noch reichlich Gelegenheit, schlechte Laune zu verbreiten und uns glauben zu machen, wir wären beim BDM:
Schalten Sie sofort die Tonwiedergabegeräte aus! Oder Sie müssen aussteigen!Die Leute wissen nicht, was sie tun sollen. Ist das wirklich ernst gemeint?
An der Haltestelle "Auf dem Damm" kommt dann eine schlecht uniformierte Frau aus dem Fahrerkästchen, stapft zu einem jungen Mann und pampt ihn zusammen:
Ich habe Sie dreimal gewarnt! Steigen Sie aus! Steigen Sie sofort aus!Dann folgt von ihr noch ein schlechter Spruch in der Art "Dreimal gesehen, auf Wiedersehen!" oder so (ich kann mich daran nicht mehr so genau erinnern). Der Junge Mann ist völlig perplex, steigt dann tatsächlich wortlos aus. Dann stapft die Vorkämpferin für Recht und Disziplin wieder in ihr Kästchen und die Bahn ruckelt weiter.
Was sollte das? Warum ist das MP3-Hören in Duisburger Bussen und Bahnen eigentlich verboten? Warum musste der Mann aussteigen? Warum nur er?
Bei der Klärung dieser Fragen hilft vielleicht ein Blick auf den Aufkleber, der in vielen Duisburger Bahnen klebt: Ein roter Verbotskreis, darin durchgestrichen ein Walkman. Ein Walkman. Die Dinger mit den Kassetten. Aus den 80ern. So alt sind dem Anschein nach auch die Aufkleber. Irgendwann vor 20 Jahren hat die DVG also beschlossen, Walkmans (Walkmen?) zu verbieten. Wahrscheinlich, weil die Teile damals neu waren und man sowas früher ja auch nicht gehabt hat ("Sowas hatten wir auch nicht gehabt! Verbieten!"). Das Verbot blieb dann bestehen und die mit allem unzufriedene Fahrerin konnte sich mit einer Disziplinierungsmaßnahme den kleinen Kick verschaffen, den sie für ihre jammervolle Existenz braucht ("Dem habe ich es aber gezeigt!").
Wenn man mal die Internetseite der DVG besucht, wundert man sich nicht, dass dieser Verkehrsbetrieb irgendwo in den 80er Jahren stecken geblieben ist:
Berufspendler, die sich nach dem Orkan "Kyrill" darüber informieren wollten, ob und wie sie mit der U- und Straßenbahn zur Arbeit kommen würden (ja liebe DVG, sowas macht man im 21. Jahrhundert! Wirklich!), sahen nur eine Pressemitteilung über den tollen Silvesterfahrplan 2006/2007 (war wohl ein bisschen zu spät beim Jahreswechsel, was?). Es gab nicht einmal die Info "Wir fahren weitgehend normal!"
Man schafft es also nicht einmal, bei einem "Jahrhundertorkan" wie Kyrill ein oder zwei kleine Meldungen auf die Startseite zu bringen?
Noch schlimmer aber finde ich, dass man im 21. Jahrhundert, in den Zeiten von MP3-Handys, iPods und von mir aus auch Zunes bei der DVG nicht still und leise für sich Musik oder Podcasts (oder Walgesänge - was weiss ich) hören darf, ohne gleich von einer Pampelmuse in Menschengestalt der Bahn verwiesen zu werden!
Kleine Umfrage: In welchen Städten gibt es noch solche MP3-Verbote in
der Bahn? Ich meine, ausser in Bayern?
Antworten bitte in die
Kommentare! Danke!
* Die Zitate sind aus dem Gedächtnis und stimmen nicht hunderprozentig mit den gesprochenen Worten überein. Der Duktus stimmt aber.