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Dienstag, Januar 16, 2007

» Maria im Berge

By Flusskiesel at 21:13

Schnell hastete ich auf den Eingang zu. Wie immer war ich spät dran, hatte viel zuviel Zeit damit verbracht, durch den Wald zu schlendern und zu Träumen. Der Unterricht bei Pater Barth würde bald beginnen - dort durfte ich nicht zu spät kommen. Also nahm ich die Abkürzung. Die Abkürzung war ein langer, enger Treppengang direkt durch den Berg, er führte vom obigen Tal ins untere. Dort musste ich hin. Eigentlich war uns die Abkürzung verboten, denn es handelte sich nicht wirklich um einen Durchgang, sondern um den Weg zu einer winzigen Marienkapelle mitten im Berg. Die Pater wollten nicht, dass wir Jungen diesen heiligen Ort entweihen, indem wir da mit unseren Sandalen einfach durchhasteten. Wir wussten aber, dass die Pater selbst diese Abkürzung zu schätzen wussten und benutzen sie also auch - wenn auch selten und sehr, sehr vorsichtig.

Meine Beine waren stark damals und meine Füße flink. Ich flog förmlich die Treppe hinunter. Dann kam ich zur Kapelle. Reflexhaft griff ich in das Weihwasserbecken an meiner rechten Seite und kniete mich nach links, zur Mutter Gottes hin und bekreuzigte mich. Ich konnte nicht einfach weiter, ohne wenigstens ein kurzes Gebet zu sprechen. Also faltete ich meine Hände und betete. Dabei sah ich vorsichtig zur Mariengestalt hinauf. Sie war auf einem Stein sitzend dargestellt, mit der zum Segen erhobenen rechten Hand, den Blick auf den vor ihr Knienden gerichtet. Die Darstellung war vielleicht nicht besonders naturalistisch, doch der Bildhauer hatte sie direkt aus dem Fels des Berges geschlagen und sie wirkte - lebendig.

Mein Gebet war vollendet und ich begann, meine Kutte zu ordnen, wollte aufspringen, da zwinkerte mir die Mutter Gottes zu. Sie zwinkerte mir zu? Ein Schauer aus Eis lief mir über den Rücken. Sicher hatte ich mich nur geirrt, war ja ausser Atem, dazu diese enge, eigentümliche Stimmung hier - da zwinkerte sie erneut. Meine Hände schossen wieder nach oben. Ein anderes Gebet schoss über meine Lippen. "Heilige Maria, voll der Gnaden ..." Sie sah mich an. Senkte die rechte Hand. Dann stand sie auf. Das konnte nicht ... das konnte nicht. Sie stieg von ihrem Sockel als sei sie ein echter Mensch. Die Statue stand auf. Wie ein Mensch. Sie sah mich an. Sie sah mir direkt in die Augen. Sie tat einen Schritt, dann einen zweiten. Sie kam auf mich zu, streckte den rechten Arm aus. "Heilige Maria ... Heilige Maria ... Heilige Maria ..." Sie griff über meine Schulter hinweg. Als sie ihre Hand wieder zurückzog, war es nass von Weihwasser. Ein paar Tropfen fielen auf mein Haupt. "... voll der Gnaden ... Gnaden ...". Sie strich sich das heilige Wasser ins Gesicht, fast als ob sie sich damit waschen wollte. Dann legte sie den Kopf kurz auf die Seite, drehte sich um und ging wieder auf ihren Platz zurück.

Ich weiss nicht, wie lange ich vor ihr kniend verharrt bin, bewegungsunfähig, als ob mein kalter Schweiß mich am Boden festgefroren hätte. Pater Ansgar fand mich dort, zitternd und Gebetsfetzen lallend.

Erzählt habe ich niemandem von der Erscheinung.

Den Unterricht von Pater Barth habe ich auch verpasst.