« Sinnlichkeit | Home | Maria im Berge »
Samstag, Januar 13, 2007
» Zugfahrt nach Köln
By Flusskiesel at 15:06
Im Zug auf dem Weg nach Köln-Ehrenfeld ohne Umsteigen. Köln. Altes Köln. Schöne Köln. Köln, mein Köln. Das Licht des Wintermorgens kriecht über die Welt. Der Zug ist voll. Weihnachtsmarkttourimus.
Wann war ich das letzte Mal in Ehrenfeld? Ist schon viele Jahre her. Wann bin ich da weggezogen? 1998 muss es gewesen sein, als das Studium zuende war.
Aber erst durchqueren wir Düsseldorf. An einem Haus in Flingern hängt eine riesenlange Lichterkette. Mir ihr steht geschrieben: "Fürchtet Euch nicht". Guter Hinweis! Gerade jetzt!
Der ICE neben mir steht weiss und schlank. Fernweh. Der Weisse fährt nach Dresden. Da waren wir während unserer Hochzeitreise. Wien, Budapest, Bratislava, Prag, Dresden. Berlin haben wir dann geknickt, weil ich so Heimweh hatte. Man hat immer das Andere.
Ich rausche durch Oberbilk. Da hat mal ein guter Freund von mir gewohnt. Wir hatten weiter runter in Holthausen unsere Bude. War schön da, wenn auch unter dem Dach. Altes Haus. Der Vermieter war ein alteingessener Fliesenmeister. Eine Wand im Wohnzimmer war gefliest. Mit Prachtfliesen. Wir mochten es. Das Wohnzimmer war es super. Alles hatte seinen Platz. Es gab eine schöne Computerecke eine gemütliche Fernsehecke und man konnte an einem großen, runden Tisch vor den Büchern sitzen. Es gab viele freundliche Menschen in Holthausen. Gestern habe ich im Radio gehört, dass dort eine Bank ausgeraubt worden ist. Da muss ich an die Junkies und Alkies denken, die dort immer auf dem großen Platz rumgelungert haben. Die waren nicht so nett gewesen. Wenn Eltern mit ihren Kindern auf den Spielplatz wollten, mussten sie erst mal alles nach Spritzen absuchen - und wenn die Alkies zu voll waren, sind ihre Riesenhunde herumgelaufen und haben auch ab und an jemanden gebissen.
Nächste Station Benrath. Mein Schwiegervater hätte gerne gehabt, dass wir dort wohnten. Gute Gegend! Wir brauchen mehr gute Gegenden in Deutschland! Einmal bin ich betrunken aus Köln gekommen und in Benrath ausgestiegen. Eine Straßenbahn nach Holthausen fuhr nicht mehr, da wollte ich mir ein Taxi rufen. Doch ich kannte keine Nummer. Da sah ich auf einer Säule ein Schild "Taxiruf" und eine Telefonnummer. Ich das Mobilofon raus und gewählt. Geklingelt hat die Säule. Bin dann zu Fuß gegangen.
Keine Ahnung, wo wir gerade sind. Aber an den Kneipen am Schienenrand sieht man schon Kölsch-Schilder. Durst.
Eine der Weiden ist eingezäunt und mit Wohnwagen und -Mobilen zugestellt. Vielleicht ein Verkauf oder Verleih. Sieht ein bisschen aus wie ein Campingplatz für Leute mit Platzangst.
Gleich kommt Köln-Mülheim. Da bin ich immer eingestiegen, wenn es zur Arbeit nach Bonn ging. Von Kalk aus mit dem Bus nach Mülheim und dann mit dem Zug weiter. An Altweiber bin ich mal ziemlich betrunken zu Fuß nach Kalk gelaufen, um drei Uhr morgens. Das Veedel war wie ausgestorben. Ich gerade über eine kleine Seitenstraße getorkelt, da hielt ein grün-weisses Auto vor mir. Polizei. Die beiden Polizisten blieben im Wagen sitzen und schauten zu mir hinauf. Ich sei bei rot über die Straße gegangen und so weiter. Ich tat verlegen. Ich war verlegen. Die Polizisten verwarnten mich und fuhren weiter. Muss Spaß machen, eine Sonnenblume zu verwarnen, die fast 1,90 groß ist. Sie ist groß, dick, grün und völlig betrunken. Und verlegen.
In Kalk haben wir in einer ziemlich bruchigen Bude gewohnt. Das Haus hatte im Weltkrieg einen Bombentreffer abgekriegt und war komplett ausgebrannt. Es stand nur noch zu Hälfte und im Treppenhaus konnte man noch die Brandflecken sehen. Nette Leute wohnten da. Auf unserer Etage wohnte eine alte Frau in ihrem eigenen Museum. Gigantische Riegel schützten ihr Reich. Oben gab es ein altes Ehepaar das schon seit dem Wiederaufbau des Hauses da war. Die konnte man immer fragen, wo die Sicherungen waren und so. Unten im Haus hatte die PDS ein Büro, daneben ein Büdchen. Das konnten wir auch über den Hof erreichen. Kölschmässig sehr praktisch. Wenn ich morgens zum Bus ging, standen auf der Straße die Italiener und liessen sich zur Arbeit abholen. Dann gab es noch viele Türken, Russen und einen Haufen Siks. Die Männer trugen Trubane wie im Film und aus ihrer Weste guckte unten ein prächtiger Dolch heraus. Einmal im Jahr haben die so eine Prozession gemacht mit Wagen, Blumen auf der Straße, die Frauen in bunten Gewändern und die Männer mit blankem Säbel. Wir haben gerne in Kalk gewohnt.
Deutz. Auch so ein Umsteigebahnhof. Platt gedrückt unter dem "Henkelmännsche" (oder so ähnlich). Die Köln-Arena mit ihrem Parkhaus drückt die Gegend um den Bahnhof herunter.
Gleich Köln. Danach, glaube ich, Ehrenfeld. Dann ich höre ich mal bald auf. Diese Reise macht die Erinnerungen lebendig. Ich halte die Erinnerungen gerne lebendig. Sie sitzen in meinem Kopf und setzen Staub an. Besser, sie wachen ab und an auf. Denn richtig tot gehen sie eh nicht.