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Sonntag, Juni 11, 2006

» Parlament

By Flusskiesel at 17:12

Wieder einmal tagte die Neukatholische Männerinitiative "Frieden im Horst" auf dem Dachboden der Gastwirtschaft "Posthörnchen" und wieder saß ich dort und wieder langweilte ich mich fast zu Tode. Meine Frau schickt mich immer zu diesen Treffen. Sie meint, ich würde dort andere Männer kennen lernen, Freunde finden. Dabei ist das Ganze nur eine Ansammlung frömmelnder Wichtigtuer!

Gerade stritten sich die Horstmitglieder um die Ausgestaltung des Sommerfestes, das heißt, sie keiften sich an wie ein vervierfachtes altes Ehepaar. Man konnte sich nicht einig werden, ob es nun ein bayerisches Grillfest oder eine italienische Nacht werden sollte. Mir war beides gleich. Wie jedes Jahr würde ich auch diesmal sicherlich schon vor Mitternacht schändlich betrunken von meiner Frau in ein Taxi gehoben werden. Der Taxifahrer würde ängstlich mit einer Plastiktüte wedeln, aus Angst, ich würde in seinen schönen Mercedes kotzen. Wie immer würde ich nicht kotzen, wie immer würde ich kein Wort sagen, so wie ich nie ein Wort sage auf diesen Veranstaltungen.

Während diese Idioten um mich herum gegeinander Dinge ins Feld führten, die von Argumenten nicht weiter entfernt sein konnten, schweifte mein Blick umher und durch das Fenster. Man konnte gut in das Haus gegenüber sehen - die Fenster dort waren sehr groß und netterweise hatte sich der Bewohner einen von diesen neuen Riesenfernsehern gekauft. Ich konnte also gut erkennen, was dort drüben lief.

Ein Film, der in dem kleinen Land in der ehemaligen Sowjetunion spielt. Dieses Land, dessen Name ich immer vergesse. Wohl eine Art Spionagethriller oder so. Eine Szene spielte auf dem Platz des Parlamentes.

An diesen Platz kann ich mich noch gut erinnern. Das Gebäude, welches jetzt das Parlament beherbergt, war in den Zeiten des Faschismus der Sitz des Rassenführers gewesen, einem unheimlichen Mann in schwarzer Lederuniform, mit einer Nickelbrille auf der Nase. Er hatte den Auftrag gehabt, aus dem Material des Volkes den perfekten Menschen zu züchten, den Menschen der Zukunft. In den Kellern des riesigen Baus sollen sich furchtbare Szenen abgespielt haben.

Als wir dort waren, war die Zeit des Faschismus schon lange vorbei. Trotzdem war es dunkel und regnerisch. Wir standen am Fuße der gewaltigen Skulptur, die so groß ist, dass man als Besucher des Platz kaum erkennen kann, was sie darstellt. Irgendein Riese, dessen hammerartige Fäuste ein Gewusel kleiner Menschen zerdrückt. Oder so.

Im Parlamentsgebäude selbst gab es nicht viel zu sehen. Überall standen junge wehrpflichtige Soldaten Wache, überwacht von den "Brotniks" genannten Geheimpolizisten. Wenn man sich die ständige Ausstellung des Parlamentsmuseums ansehen wollte, wurde man von den Soldaten aus den Räumlichkeiten gescheucht. Keine schöne Reise!

In der Sitzung war man inzwischen beim Thema "Bratwurst" angelangt und in dem Film ging es langsam zur Sache: Ein Mann und zwei Frauen wurden von einer vermummten Menge durch die Kellergewölbe des Parlamentes getrieben. Die Verfolger waren von oben bis unten in schwarzes Leder gekleidet. Die Flüchtlinge hasteten eine Treppe hinauf, doch eine verschlossene Tür versperrte den Weg! Der Mann, er trug ein Leinenhemd und seine langen, braunen Haare offen, stellte sich den Verfolgern entgegen und wurde von einem Speerstoß niedergestreckt. Die Frauen, eine groß, schlank und dunkelhaarig, die andere mollig und blond, schrien verzweifelt auf. Dann öffnete sich die Tür und sie fielen hinab in die Tiefe, direkt in die unterirdische, vollautomatische Fischfabrik!

Moment mal: Gab es unter dem Parlament des Landes, dessen Name ich immer vergesse, eine Fischfabrik?

Keine Ahnung - auf jeden Fall wurden die beiden armen Opfer schockgefroren und zu Fischkonserven verarbeitet. Ein merkwürdiger Film. Wohl doch kein Thriller.

Dann war der Film aus und die Sitzung aus. Man hatte sich auf den nächsten Termin vertagt. Alle standen auf, ich nickte den anderen zu. Dann zog ich meinen schwarzen Ledermantel über und ging nach Hause.