Angst

Angst. Davon hatte ich schon immer ziemlich viel. Eigentlich wäre es treffender zu sagen, dass ich schon immer viele Ängste hatte. Ja, schon immer hatte ich viele Ängste. Als kleines Kind waren diese Ängste unglaublich groß und mächtig und sie rückten immer ganz nah an mich heran. Als ich noch ganz klein war, hatte ich mal einen schlimmen Alptraum. In diesem Traum musste ich in den Keller gehen. Ich weiß nicht mehr warum, aber ich musste unbedingt. Ich wollte nicht, denn ich hatte Angst vor der unheimlichen Familie, die unten im Keller wohnte. Natürlich nur im Traum. Ich musste da runter, meine Füßchen tapsten auf die Stufen der Kellertreppe. Kalter Stein. Vor der Kellertür stand sie dann, die Familie: Vater, Mutter und Kind. Sie hatten keine Augen, keine Ohren, keine Nase, nur die große, schwarze, runde Öffnung. Sie hatten Mischmaschinen als Gesichter. Damit sahen sie mich gierig an. Sie wollten mich verschlingen, mich in der Trommel drehen für immer.
Angst. Davon hatte ich schon immer ziemlich viel. Eigentlich wäre es treffender zu sagen, dass ich schon immer viele Ängste hatte. Ja, schon immer hatte ich viele Ängste. Als kleines Kind waren diese Ängste unglaublich groß und mächtig und sie rückten immer ganz nah an mich heran. Als ich noch ganz klein war, hatte ich mal einen schlimmen Alptraum. In diesem Traum musste ich in den Keller gehen. Ich weiß nicht mehr warum, aber ich musste unbedingt. Ich wollte nicht, denn ich hatte Angst vor der unheimlichen Familie, die unten im Keller wohnte. Natürlich nur im Traum. Ich musste da runter, meine Füßchen tapsten auf die Stufen der Kellertreppe. Kalter Stein. Vor der Kellertür stand sie dann, die Familie: Vater, Mutter und Kind. Sie hatten keine Augen, keine Ohren, keine Nase, nur die große, schwarze, runde Öffnung. Sie hatten Mischmaschinen als Gesichter. Damit sahen sie mich gierig an. Sie wollten mich verschlingen, mich in der Trommel drehen für immer.
Später dann - ich muss ungefähr fünf Jahre alt gewesen sein - nahm mich mein älterer Bruder mit ins Kino. Ich glaube, wir gingen in einen Film mit Bud Spencer und Terence Hill. Keine Ahnung, ab wann der Film war. Vielleicht gab es damals noch nicht die Altersbeschränkungen von heute, vielleicht sah ich schon älter aus oder vielleicht war das in unserem Kleinstadtkino seinerzeit auch einfach egal. Wir liebten Bud Spencer und Terence Hill. Auch wenn ich der Kleinste war, so wusste auch ich schon, dass diese ganze Klopperei in den Bud-Spencer-und-Terence-Hill-Filmen nur ein Fake war, das wusste ich. Richtige Schlägereien sind schlimm und wenn jemand einem anderen einen Tisch auf den Kopf haut, dann kann der sich ganz schön verletzen, das wusste ich. Die Prügeleien waren einfach herrlich albern. Wie bei Asterix und Obelix. Wie im Comic. Soviel zum Thema Jugendschutz.
Wir saßen aufgekratzt im Kino und dann kam eine Vorschau für einen Horrorfilm. Ja, für einen richtigen Horrorfilm. Es ging um ein riesiges Krokodil oder so, das in der Kanalisation lebte und Menschen fraß. Ein Mann mit Bauarbeiterhelm und Grubenlampe lief in Panik rückwärts. Mit einem Gewehr schoss er auf ein großes Wesen, das näher kam. Der Mann hatte Angst, große Angst. Das wusste ich. Dann war da so eine Art Grillparty. Aus dem Gebüsch dann das riesenhafte Maul des Krokodils. Geschrei, Panik. Eine Frau fiel auf ihren Hintern, das Maul klappte über ihr zu. Dann zwei Männer in einem Boot. Sie versuchten, einen dritten aus dem Wasser zu ziehen. Der Dritte schrie, die Männer schrien, der Dritte schrie noch lauter. Dann hievten sie ihn ins Boot. Statt Beinen hatte er nur noch zwei Stümpfe. Mein Bruder hat wohl versucht, mir die Augen zu zuhalten. Mein großer Bruder hat versucht, mir die Augen zu zuhalten, damit ich nicht sehen musste, wie einem Mann die Beine abgebissen wurden. Mein Bruder wird so um die zehn Jahre alt gewesen sein. Monatelang hatte ich panische Angst vor Erdlöchern, Gewässern und sogar Gullideckeln. Natürlich wusste ich, dass es dort keine Riesenkrokodile gab. Das hatte mir auch mein Bruder bestätigt. Trotzdem hatte ich Angst. Noch heute schwimme ich mehr als ungern in Gewässern, wo ich den Boden nicht sehen kann. Soviel zum Thema Jugendschutz.
Stell Dir nur vor: Irgend so ein hirnloser Vollarsch von Filmvorführer hat einen Trailer für einen Horrorfilm vor eine seichte Klopperspaßkomödie gepackt und damit einem Kleinkind unwiderruflich das Bild von abgebissenen Beinstümpfen ins Hirn gebrannt. Hoffentlich hat der dafür irgendwie bezahlt. Hoffentlich hat ihn ein Krokodil aufgefressen.
Dann erinnere ich mich noch an Kampfstern Galacitca. Die Filme sind nämlich ungefähr zu der selben Zeit zum ersten Mal im Fernsehen (heute würde man sagen: Im Free-TV) gelaufen. Mein Bruder und ich waren damals die größten Science-Fiction-Fans auf der Welt, aber den Film durfte ich nicht sehen. Der kam ja abends und da musste der kleine Markus ins Bett. Unter irgend einem Vorwand konnte ich aber doch die ersten Minuten des Filmes erspähen. Ich erinnere mich nur noch an den Angriff der Zylonen. Wie die Viper hilflos versuchten, die schrecklich vielen Zylonenjäger abzuwehren. Ein Pilot, ein junger Mann drehte wild seinen Kopf, dann zerstob sein Jäger in Funken. In der Kommandozentrale brach eine Frau in Tränen aus. Als dann Commander Adama in den Ruinen seines Hauses saß, wurde es der elterlichen Staatsgewalt zuviel und verwies mich des Raumes. An die arme Frau dachte ich noch lange. Vielleicht war der Pilot ja ihr Sohn gewesen. In mir keimte leise der Verdacht, dass auch der Krieg der Sterne schmutzig sein könnte. Aber für mehr war ich noch zu klein.
Später musste mir dann mein Bruder den ganzen Film haarklein nacherzählen, was er, glaube ich, auch ganz gerne tat. Dabei hat er dann aber auch wohl einen kleinen Fehler gemacht. Er hat mir nämlich auch folgende Szene wiedergegeben:
Die Galactica und die Flotte mit den Flüchtlingen müssen dringend Proviant und Treibstoff aufnehmen. Das tun sie auf irgend einem Planeten. Dort leben Insektenwesen, die neben ihrer Tankstelle auch ein großes Spielcasino betreiben. Die Oberschicht der Flüchtlinge freut sich natürlich über die Abwechslung und wirft sich an die Roulettetische. Doch irgend etwas stimmt nicht. Leute verschwinden spurlos. Die Auflösung: Wenn die Reichen leicht beschwipst zurück auf ihre Schiffe wollen, fährt der Aufzug nicht nach oben, sondern nach unten. Im Keller werden sie dann von den Facettenaugen in Waben gesperrt. Dort fressen die die Maden der Insektenwesen die Menschen bei lebendigem Leibe.
Damals war mein Opa schon sehr krank und wir haben ihn natürlich oft im Krankenhaus besucht. Das Höchste war immer für mich, wenn ich mit dem Aufzug in den Keller des Krankenhauses fahren und mir am dortigen Getränkeautomaten eine Fanta ziehen durfte. Muss ich noch mehr erzählen?
Wenn mein Bruder dabei war, war alles kein Problem. Nur wenn meine Mutter und ich den Opa alleine besuchten, musste ich auch alleine in den Keller fahren. Zu den Maden.
Ich habe niemandem davon erzählt. Was hätte ich auch erzählen sollen? Ich wusste, dass unter dem Krankenhaus keine Insektenmenschen auf kleine Jungenbeute warteten. Aber ich hatte trotzdem Angst vor ihnen. Also musste ich alleine in den Keller fahren. Mit einer Klammer um den Hals, einer Klammer aus Eisen. Und diese Klammer war eng.
Der schlimmste Schrecken ist der, den man sich selber macht. Soviel zum Thema Jugendschutz.
Später dann, als ich schon zur Schule ging, kam die nächste große Angst. Wenn ich von der Grundschule nach Hause ging, musste ich an der Hauptschule vorbei. Dort, wo die großen Kinder hingingen. Einmal kamen mir drei Jungs entgegen, einer hatte ein Messer. Es war wohl neu und er prahlte damit vor seinen Kumpels. "Sehen wir mal, ob man damit einen Arm abschneiden kann!" rief er und packte mich. Natürlich wollte er mir nicht den Arm abschneiden. Aber das wusste ich nicht. Ich habe ihm geglaubt. Ich habe geglaubt, dass man mir jetzt einen Arm abschneiden würde. Ich habe geweint, geschrien, mich gewehrt. Irgendwann hat sich dann eine Erwachsene eingeschaltet und man ließ mich laufen. Später hat mein großer Bruder dann den Messertypen erwischt und fürchterlich verprügelt. Dafür bin ich meinem Bruder bis heute dankbar. Die Angst ist aber leider nicht weggegangen. Die Angst vor den großen Jungen mit den Messern. Vielleicht hat der böse Junge inzwischen einen Arm verloren. Ich stelle mir vor, dass ein Krokodil ihm den Arm abgebissen hat. Vielleicht auch beide Arme. Zur Sicherheit.
Aber man wird älter, die Ängste gehen ein bisschen an den Rand. Die Kinderängste hast Du hinter Dich gelassen. Du hältst die Ängste auf Abstand. Mit Arbeit. Mit Deiner Lebenserfahrung. Mit dem Alltag. Mit der Liebe. Mit dem Computer. Mit Musik. Mit Literatur. Mit Alkohol. Jetzt habe ich es geschrieben. Das böse Wort. Alkohol. Natürlich trinken Menschen Alkohol, um die Angst zu Betäuben. Nicht nur zum Betäuben, aber eben auch. Was glaubst Du, was die Leute meinen, dass Alkohol "lockerer" macht? Doch nur, dass sie mit Alkohol weniger Angst haben. Wer etwas anderes behauptet ist ein Lügner. Oder ein Trinker.
Dummerweise nützt das alles nicht wirklich viel, denn die Ängste sind ja nicht weg. Sie warten nur. Sind vorsichtig. Sie kommen nur ab und zu nachts zu Dir, wenn Du schläfst. Sie flüstern Dir etwas ins Ohr und streichen Dir mit kalter Hand über die Stirn. Aber die Ängste sind auch schlau. Wenn sie Dich nicht kriegen können, dann kriegen sie eben jemand anderen. Vielleicht Deine Frau, vielleicht Dein kleines Kind. Was, wenn Dein Kind einen Unfall hat? Was, wenn es eine schwere Krankheit bekommt? Stell Dir vor: Ihr sitzt an seinem Krankenbett, das Kind sieht darin so entsetzlich klein aus. Es schwitzt. Überall diese Schläuche. Ihr singt ihm ein Lied vor. Ein Schlaflied. Ihr versucht es. Es bleibt Euch im Halse stecken. Es ist das letzte Lied.
Ich kann die Leute nicht verstehen, die gerne Zombiefilme sehen. Wenn die Toten aus ihren Gräbern kommen, die Lebenden zu jagen - denkt da niemand an die Kinder? Stell Dir vor, wie es für die Familien sein muss: Ihr habt Eure Wohnung verbarrikadiert, draussen sammeln sich die stinkenden Leichen zum Sturm. Sie nagen an der Tür. Der Strom ist ausgefallen. Kerzenschein. Vielleicht haltet Ihr Euer kleines Kind im Arm und versucht es zu trösten. Vielleicht könnt Ihr es auch ablenken. Ihr spielt mit ihm, singt. Es ist fröhlich. Kleinkinder kann man ja so schön ablenken. Viel Zeit habt Ihr nicht mehr. Mehr könnt Ihr nicht tun.
Warum möchten die Leute so etwas nur sehen?
Ich weiß, dass Zombies nur der Phantasie entspringen, dass es Produkte des Kinos sind. Aber ich habe trotzdem Angst. Ich kann die Angst nicht besiegen, sie nicht abstellen. Nur verscheuchen.
Ob die anderen Leute da draußen keine solche Angst haben? Kennen die das nicht? Haben die keine Grube in sich? Keine tiefe, dunkle Grube? Ich meine diese Grube, an dessen Boden der Teufel sitzt und zu Dir hinaufschaut. Seine Augen glitzern silbern. Wir gehen über die Straße und die Kruste der Welt ist so dünn. Jederzeit kann sie aufbrechen und die Teufel der Hölle kommen herauf. Die Teufel gucken so wie die komischen Leute im Fernsehen. Ob Dieter Bohlen wohl wirklich ein Mensch ist?
Die anderen Menschen da draussen haben auch diese Angst, diese schwarze Grube. Da bin ich mir sicher. Deswegen sind viele Menschen ja auch so laut. Sie haben Angst, in die Grube zu schauen und deswegen schreien sie herum. Sie kippen Bier in sich hinein und drehen die Musik lauter. Die quasseln und schieben und drängeln. Dann klatschen sie und dann lachen. Über den dummen Idioten, der dachte, er würde berühmt werden, wenn er ins Fernsehen kommt. Sie lachen. Sie schütten sich aus, krümmen sich vor Lachen.
Wenn ich es recht überdenke, habe ich dann doch lieber meine Angst.
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