Ein letztes Mal

Hans, der Bär, stolperte über den Saum eines dicken Teppiches und wäre beinahe in eine Gruppe von aufrecht gehenden Windhunden gestürzt, doch er fing sich noch gerade rechtzeitig. Die Windhunde nahmen keine Notiz von ihm und plauderten weiter leise und nippten an ihren Kelchen mit Sekt.
Hans tapste weiter durch die Säle und hatte so gar keinen Blick für die schönen, hohen Decken und die herrlichen Gemälde, die ganze Wände bedeckten. Hans suchte jemanden. Livrierte Wölfe trugen Tabletts mit Spezereien und teuren Getränken durch die Menge der Affen, Katzen und Hunde.
Die Ausgzeichneten unter ihnen waren umringt von Bewunderern, stolz hielten sie ihre Urkunden in Händen oder Pfoten.
Hans lief. Viel Zeit würde ihm nicht mehr bleiben. Irgendwo hier musste sie doch sein! Sicher würde er sich noch im dicksten Gedränge erkennen. Ein letztes Mal. Ein allerletztes Mal. An der Ecke stand eine Gruppe Braunbären. Einer von Ihnen entdeckte Hans und winkte ihm zu. Hans winkte abwesend zurück und erstarrte. Dort stand sie, in ein Gespräch vertieft mit einem elegant gekleideten Fuchs. Ihre Urkunde hielt sie lässig in der rechten Hand, ihr weisses, langes Haar glänzte wie Silber. Ihre weisse Haut war wie Elfenbein.
Hans schien wie festgewachsen. Er konnte nicht anders, als sie anzustarren. Wie immer konnte er nicht anders. Nur, dass es heute das letzte Mal sein würde. Sie lachte und es klang wie das Geplätscher einer klaren Quelle im Gebirge. Sie strich sich mit der rechten Hand das Haar hinter das Ohr und Hans war, als müsste er Sterben bei diesem schönen Anblick. Dann geschah ein Wunder: Sie blickte sich um und sah Hans. Ihren Kopf ein wenig zur Seite neigend bewegten sich ihre Lippen. Sie sagten "Hans". Plötzlich stand Hans direkt vor ihr und sie beugte sich ein bisschen zu ihm hinunter. Zu ihm! Sie lächelte und er war ganz aus Eis. Aus brennendem Eis. Ein Lächeln. Nichts war mehr da auf der Welt. Nicht mehr wichtig. Hans verwandelte sich in eine Fackel. Eine Fackel, die verbrennt, deren Wachs zerfliesst und die dabei lacht vor heller Freude.
Du musst etwas sagen, Hans! Sagte eine Stimme in seinem Kopf. Sag was, Du Dummkopf. "Hans" sagte sie noch einmal. Sie schien sich zu freuen, ihn zu sehen. "Gratuliere zu Deiner Auszeihnung." stammelte er und hielt ihr seine Pfote hin. Mit einem Mal streckte sie sich gerade, lachte und ergriff seine Pfote mit ihrer schmalen, feinen Hand. Ihre Hand! Sofort schämte sich Hans: Eine so schöne Hand in einer so schäbigen, knubbeligen Teddybärenpfote! Aber sie hatte ihn berührt - wenigstens dies eine Mal.
Dann redete sie weiter mit dem Fuchs. Hans stand noch eine Weile da, voller Sehnen und Schmerz. Irgendwann nahm in sein alter Freund Hans-Heinerich mit. Sie gingen in die "Philosophen-Klause" hintern Marktplatz. Dort trafen sie die anderen ihrer Abschlussklasse, zumindest diejenigen, die keine Auszeichnung erhalten hatten. Sie tranken noch ganz viel und Hans musste wohl mit der letzten Tram nach Hause gefahren sein. Er konnte ich sich allerdings nicht mehr daran erinnern.
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