Neonkind

Vier Uhr Morgens, Bahnhof. Eine alte Frau steht in Lumpen. Es ist kalt. Eine einzige wache Taube stolziert über die Gleise. Ein Handlauf blitzt. Edelstahl und Neonlicht.

Weder die Taube, noch die alte Frau bemerken den Engel, er steigt vom Himmel herab. Er senkt sich auf den Bahnsteig nieder wie Schnee. “Neonkind!” ruft der Engel leise “Neonkind, wo bist Du?”
Darauf hin klettert ein Lichtschein vom Geländer und wandert langsam und auf Umwegen zum Engel hin.

Der Engel steht da in aller Pracht der Himmel. “Neonkind.” spricht er sanft zum Lichtschein hin “Ich bin gekommen, Dich zu holen. Die Zeit der Strafe ist vorbei. Komm mit in den Himmel mit mir!”
Doch Neonkind erwidert: “Will nicht. Neonkind bleiben. Viel Licht, viel Schatten.” Der Engel stutzt. Das hätte er nicht erwartet. “Aber Neonkind! Hast Du Deine Zeit im Himmel denn vergessen? Wie wundervoll alles dort ist und wie nah Du dem HERRN warst? Komm doch mit mir mit!”

Neonkind bleibt trotzig: “Will aber nicht! Menschenwelt bleiben!” Damit dreht sich Neonkind um und gleitet die Treppe in den Bahnhofstunnel hinab. Der Engel steht einen Moment unbeweglich. Dann seufzt er und schwebt wieder nach oben, in den Himmel hinauf. Wieder eine Seele verloren!

Er verschwand. Die alte Frau zog ihre Lumpen fester um den dünnen Körper. Ihr war sehr kalt.

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