KieselBlog

Flusskiesels Notizen

Serena

Serena

Er war wie fast jeden Tag den steilen Berg hinaufgestiegen um in der kleinen Kapelle zu beten. Es war sehr kalt an diesem Tag und sein Atem hatte Wölkchen in den Raum geschickt. Wie immer hatte er sich niedergekniet und bekreuzigt, bevor er sich in die viel enge Bankreihe vorne rechts zwängen würde. Dabei war sein sein Blick kurz auf das Kruzifix auf dem schlichten Altar gefallen, dann aber weiter zu der wesentlich präsenteren steinernen _Pieta _gewandert, welche in die Wand dahinter eingelassen war. Ihn hatte wie jedes Mal der Gesichtsausdruck der Madonna angerührt, wie sie da saß und den toten Heiland in den Armen hielt.

Er hatte die absolute Stille hier genossen: Das Licht, dass das gesprungene Bleiglas hatte glitzern lassen wie Eis und selbst die klirrende Kälte im Raum hatte ihn die Nähe von Gott spüren lassen. Erst danach war er eingerückt, hatte sich auf die schmale Fußbank gekniet und still gebetet:

Vater unser,

der Du bist im Himmel,

geheiligt werde Dein Name.

Dein Reich komme,

Dein Wille geschehe,

wie im Himmel,

also auch auf Erden.

Unser tägliches Brot gib uns heute

und vergib uns unsere Schuld,

wie auch wir vergeben unsern Schuldigern

und führe uns nicht in Versuchung …

Er hatte sie nicht reinkommen hören und doch war sie plötzlich da. Sie saß einfach so neben ihm.

… sondern erlöse uns von dem Bösen!

Ihre Präsenz war nun deutlich spüren. Ihm war sofort klar, um welche Präsenz es sich hier handelte.

erlöse uns von dem Bösen!

Das Seufzen, dass er nun ausstieß, war lauter als beabsichtigt. Doch er wollte sich nicht davon abbringen lassen, sein Gebet zu beenden.

… erlöse uns von dem Bösen!

Denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit

in Ewigkeit,

Amen.

Betont langsam schlug er erneut das Kreuzeszeichen und schob sich auf die Sitzfläche der Kirchenbank, nicht ohne kurz wegen seines protestierenden Rückens aufzustöhnen. Dann erst wandte er sich dem Neuankömmling zu.

Der Neuankömmling war eine junge, sehr hübsche Frau. Dunkelbraunes Haar fiel ihr bis auf die Schultern. Sommersprossen auf den Wangenknochen verliehen ihr ein etwas keckes Aussehen. Ihre vollen Lippen öffneten sich zu einem Lächeln blendend weißer, ebenmäßiger Zähne. Trotz der Kälte in der Kapelle war ihr schwerer, grauschwarzer Wollmantel geöffnet und er bemerkte, dass sein Blick nahezu von selbst auf die schmale Taille und den wohlgeformten Oberkörper der Frau wanderte. Unter dem Mantel trug sie ein schwarzes, eng anliegendes Top und eine ebenso schwarze Hose. Einen Schal oder ein Halstuch trug sie — im Gegensatz zu ihm — nicht. Ihr Dekolleté war natürlich vollkommen makellos.

Sie schaute ihn aus großen, grünen Augen an. Dann richtete sie das Wort an ihn:

,,Hi! Mein Name ist Serena! Mich hat der Teufel zu Dir geschickt!''

Der Mann seufzte auf.

Herr, warum prüfst Du mich schon wieder? Ist es Dir denn nie genug? Oder ist dies eine Botschaft von Dir? Was willst Du mir damit nur sagen?

Er nickte und sagte leise:

,,Ich weiß. Ich habe Dich erwartet.''

Sie schien verwundert zu sein, denn ihre schönen Augen weiteten sich ein wenig. Erst nach einem Moment der Verwirrung fragte sie:

,,Woher …?''

Seine Antwort bestand darin, den Kopf leicht in Richtung Altar zu neigen. Sie verstand und nickte.

,,Dann weißt Du, warum ich hier bin?''

,,Ich kann es mir denken.'' antwortete er tonlos.

Herr, was habe ich Dir nur angetan? Ich habe mir immer Mühe gegeben, Dir ein guter Diener zu sein. Natürlich weiß ich um meine Schwächen — aber Du selbst hast mich doch so erschaffen!

Sie war nun deutlich verunsichert, was sie aber nur noch anziehender machte.

,,Es … ist ein gutes Angebot.'' sagte sie zaghaft, worauf er mit dem Kopf schüttelte.

,,Ich glaube nicht.''

Dieses Mal richteten sich seine Gedanken nicht an Gott: Ich weiß nicht, was DU von mir willst, aber Deine Angebote sind niemals ,,gut''!

,,Ich will es Dir wenigstens unterbreiten. Gib mir eine Chance!''

Lange Zeit sagte niemand etwas.

,,In Ordnung,'' sagte er leise ,,sag mir, was Du zu sagen hast!''. Er stand auf.

Der Mann riss seinen Blick von der jungen Frau los und ließ ihn wieder durch die Kapelle wandern. Das Licht der Morgensonne malte Abbilder der bunten Fenster auf die Wand. Die Erscheinungen sahen fast so aus wie Fenster zum Paradies. Wieder war es die Pieta, welche seinen Blick fesselte. Jetzt, in diesem Moment, sah sie nicht aus wie die heilige Jungfrau, sondern nur wie eine verzweifelte Mutter, die um ihren toten Jungen weint.

,,Reden wir draußen!''