KieselBlog

Flusskiesels Notizen

Neo Colonia Teil 1 (Repost)

Neo Colonia öffnete seine Tore und die Menschen davor, meist Bauern aus dem Umland, strömten in die Stadt. In einer mehr oder weniger ordentlichen Schlange reihten sich ihre Karren hintereinander auf, so weit das Auge reichte. Nun aber setzte ein lautes Schreien und Fluchen ein und die Landmänner begannen, mit Gerten auf die Rücken von Ochse, Esel oder sogar Pferd zu schlagen. Die Reihe setzte sich in Bewegung und ich war in ihrer Mitte. Meine Habseligkeiten trug ich in einem Sack auf dem Rücken bei mir und ich war guten Mutes: In meinem Beutel klimperten Münzen und mit meinen guten Stiefeln ließ es sich trefflich durch den Kot der Straße stapfen.

Dazu schien die Sonne.

Während der Bauer vor mit seinem Karren voller Mohrrüben, Salatköpfe und Rettich mit der Torwache sprach und seinen Heiermann zahlte, schaute ich mir die stattliche Mauer an, welche die Stadt umschloss.

Sie bestand zu einem großen Teil aus Steinen von Gebäuden aus der alten Zeit - den Tagen vor dem Zusammenbruch. Das alte Colonia war in der großen Wirrnis mehrmals geplündert und niedergebrannt worden und selbst das neue Colonia hatte sich nicht immer gegen die Horden aus jener Weite hinter den Duisburger Schädelfeldern verteidigen können, welche immer wieder harte und wilde Stämme ausspuckte.

Doch der Rhein hatte den Bürgern - wie schon immer - reichlich Geld an die Türschwelle gespült und man hatte nach und nach begonnen, sich erfolgreich gegen die Räuber zur Wehr zu setzen.

Mehr und mehr der wilden Krieger waren nicht mehr in ihre toten Landen im Ruhrtal zurückgekehrt und irgendwann hatten die Stämme ihre Überfälle dann fast ganz aufgegeben.

Die letzte Gefahr für die Rheinlande war noch der König von Hessen gewesen, doch ihn hatte das vereinte Heer von Köln und Düsseldorf bei Koblenz vernichtend geschlagen. Die Vasallen vom Niederrhein hatten Fußtruppen geschickt und man hatte bis in das Bergische Land hinein Soldritter geworben.

Zu dieser Zeit war ich in den Diensten eines Freiherren von Mettmann gestanden und war mit ihm in den Krieg gezogen. Während sich die Sache am Tor hinzog, kam mir die Erinnerung hoch wie schlechter Wein der letzten Nacht:
Wir waren auf der Ostseite des Rheins nach Süden marschiert und standen nun vor Koblenz. Die kleine Stadt hing am Festungsberg wie ein Kind am Rockzipfel seiner Mutter. Rauch stand im blauen Junihimmel.

Zwischen der Stadt und uns wartete das Heer der Hessen. Die Frankfurter und Marburger Ritter bildeten die rechte Flanke und auf der linken hatte der König seine Geschütze positioniert. Er besaß noch eine Hand voll Haubitzen aus der Zeit vor der großen Wirrnis und sie waren seine gefürchtetste Waffe.

Solange jemand noch ein paar Schuss Munition für diese Kanonen hat, kann er eigentlich jede Formation aufbrechen, jedes Heer zerstreuen.

Zumindest dachten das die Hessen.

Stolz standen sie uns gegenüber aufgereiht. Ihre Banner wehten im Wind und die Ritter hatten ihre Rüstungen poliert. Die Fußtruppen im Zentrum standen ordentlich aufgereiht, Schützen hatten ihre Gewehre geschultert.

Ich stand gemeinsam mit den Bergischen Rittern auf unserer rechten Flanke - also direkt gegenüber der hessischen Artillerie. Hinter uns waren die Freibauern vom Niederrhein aufgestellt, links von uns die Kölner und Düsseldorfer Ritter und rechts von uns war nur der Rhein.

Dann ertönte ein Trompetensignal und wir griffen an.

Wenn der Feind mit Kanonen auf Dich schießt, dann hast Du drei Möglichkeiten: Entweder Du weichst zurück, Du gräbst Dich ein oder Du versuchst, ihn so schnell Du kannst zu erreichen, um ihm seinen verdammten Schädel einzuschlagen - und genau Letzteres taten wir.

Gemeinsam mit den Bergischen Rittern gab ich meinem Pferd die Sporen und wir stürmten los. Hinter uns marschierten die Niederrheiner in guter Formation.

Die Geschützmannschaften der Hessen begannen, hektisch um ihre Kanonen zu laufen. Dann geschah alles gleichzeitig:
Vor uns blitzten die Mündungen der Haubitzen auf und plötzlich stiegen um mich herum Säulen aus Dreck und Rauch auf. Mein Mettmanner Soldherr neben mir wurde von Splittern zerrissen. Aus irgend einem Grund sah ich nach links und sah - nichts.
Die Rheinischen Ritter waren nicht mit gestürmt.

Als dann noch die hessischen Musketen Rauch und Tod in unsere Reihen spuckten, wurde es mir klar:
Man hatte uns nur vorgeschickt, um das Feuer auf uns zu lenken.

Die Soldritter und Bauern sollten sterben, um kostbares rheinisches Blut zu schonen!

Ich hatte nicht viel Gelegenheit, mir über diesen Verrat Gedanken zu machen, denn mein Pferd wurde mit einem Mal unter mir in die Luft gehoben. Alles färbte sich grau um mich herum und ich wollte noch an den Zügeln reißen, da sah ich, dass mein Pferd gar keinen Kopf mehr hatte.

Dann kippte die Welt zur Seite und wurde schwarz.