KieselBlog

Flusskiesels Notizen

Minne

Er schlich durch den nächtlichen Garten, die Laute wie eine Waffe im Anschlag. Die Stellen trockenen Grases auf dem weitläufigen Rasen mied er und nutzte lieber die Schatten der wundervoll symmetrisch geschnittenen Büsche.

Für seinen kolossalen Bauch konnte ich Sir Samuel Mirgrat erstaunlich elegant bewegen, dennoch stand ihm der Schweiß auf der Stirn. Dies lag aber nur zum Teil an der anstrengenden Kletterpartie über den hohen Zaun aus gusseisernen, bewehrten Stangen, sondern hauptsächlich an seiner Nervosität. Sein Herz klopfte ihm bis zum Hals und ein Gedanke stand in Flammenschrift von innen an seine Stirne geschrieben: ,,Bald! Bald! Bald würde er Gewissheit haben!''

Dieser Gedanke verblasste lediglich vor ihrem Bild, das alles überstrahlte. Sie! Die Wunderschöne! Die Perfekte! Die Herrliche! Eine Göttin, wie sie selbst Michelangelo nicht schöner hätte formen können!

Ein Steinchen im Rasen riss Sir Mirgrat aus seinen Träumereien, indem er den dicken Mann über sich stolpern ließ. Samuel unterdrückte ein Fluchen. Er musste sich jetzt anstrengen! Sich zusammenreißen! Nur dann hätte er einen Chance, das Herz von Lady Eusebia Gottwacht für sich zu gewinnen.

Endlich war er an der Wand des Herrenhauses angekommen, in dem der Vater der Angebeteten seine Tochter gefangen hielt. Samuel war fast am Ziel. Er holte die vorher sorgsam gesammelten Steinchen aus der Tasche seines Wamses und warf sie vorsichtig an das Fenster, das ungefähr zwei Meter über ihm dunkel gähnte.

,,Klick! Klick!'' machten die Steinchen, als sie gegen die geschlossenen Fensterläden prallten und wieder zu Boden fielen. Klug wie er war, hatte Samuel extra helle Steine gesammelt, damit er sie auch im Dunkeln gut wieder auflesen würde können. Dies musste er auch mehrmals tun, doch irgendwann wurde seine Geduld belohnt: Die Läden öffneten sich und eine weiß gekleidete, große und schlanke Gestalt erschien im Fensterrahmen.

Sie war es! Sie trug ihr langes, braunes Haar offen und der Mond beschien ihr edles Antlitz mit dieser wundervollen, leicht nach oben gebogenen Nase. Selbst von hier unten konnte Samuel ihre Augen blitzen sehen. Ihre vollen Lippen öffneten sich zu einem Lächeln und ein leichter, köstlicher Überbiss war zu sehen.

Sir Mirgrat griff nach der Laute. Seine Hände zitterten, als er zu spielen begann. Die ersten Akkorde waren vielleicht ein wenig unelegant, doch dann begann die Musik durch ihn hindurchzufließen und sein Spiel wurde sicherer.

Samuel spitzte die Lippen und holte tief Luft.

Leider kam kein Ton aus seinem Mund, denn in diesem Moment krachte etwas auf seinen Kopf. Flüssigkeit spritzte über ihn. Scherben klirrten. Der Nachttopf brach und auch sein Herz.

Verdattert stand Samuel da im Garten vor dem Fenster der Angebeteten, der Makellosen. Von oben perlte glockenhelles Gelächter auf ihn nieder, ganz wie der übelriechende Urin, der über seine Gesicht und seine Schulter lief.

Samuel ließ die Laute fallen. Dann drehte er sich um und verschwand in die Nacht.

Es war ein Traum gewesen. Nur ein Traum und nun war Sir Mirgrat erwacht.