KieselBlog

Flusskiesels Notizen

Familienfeier (Reblog)

Das einzige verbliebene Restaurant im Ort war die "Lotusblüte". Dort gingen wir alle gerne hin, doch seitdem der Besitzer und einzige Koch sich in seiner Küche aufgehängt hatte, verschlechterte sich die Qualität des Hauses erheblich.

Da sich niemand zuständig fühlte, ließ man den Chinesen in seiner Küche hängen und nach ein paar Monaten fiel er dann einfach runter. Der süßliche Geruch und das Summen der Fliegen gaben den Geburtstagsfeiern von Großtante Fenti nun eine besonders morbide Note.

Wir saßen mal wieder zusammen und warteten auf das Ende des Tages. Großtante Fenti war am Kopfende platziert, ich hatte mir den strategisch günstigen Platz an ihrer linken Seite gesichert. Mir gegenüber thronte der dicke Onkel Paul und links von mir der schreckliche Onkel Gonzo.

Weiter hinten saßen noch ein paar andere Leute, aber die waren völlig undeutlich. Dort zappelte auch das dicke Kind herum. Niemand wusste mehr, zu wem es gehörte, aber es kam jedes Mal mit zu den Feiern.

So konnte ich die Zeit hoffentlich gut rumbringen: Einerseits beobachtete ich den immer nervöser werdenden Onkel Paul, andererseits konnte ich vortäuschen, dem senilen Gebrabbel von Großtante Fenti zu lauschen.

Vor dem schrecklichen Onkel Gonzo war ich sicher, denn seit bei den Märzunruhen eine Granate neben meinem Kopf geplatzt war, war meine linke Gesichtshälfte inklusive des Ohres völlig taub. Onkel Gonzo war der Schrecken der Verwandtschaft: Er hatte einst in der großen Stadt eine Ausbildung zum medizinischen Fußpfleger gemacht und glaubte nun, so was wie Art Arzt zu sein. Er gab fürchterlich damit an und überzog alles und jeden mit seinen guten Ratschlägen.

Besonders der dicke Onkel Paul hatte darunter zu leiden. Ihm ging es schon gehörig auf die Nerven, dass er für mehrere Stunden trocken bleiben musste. Da die Bedienung bereits kurz vor dem Selbstmord des Chinesen verschwunden war, gab es natürlich auch nichts zu Trinken. Dumm wie er war, hatte sich Paul so hingesetzt, dass er die ganze Zeit die verstaubte Theke mit ihren Flaschen ansehen musste. Er war rot im Gesicht und schwitzte. Das Geseier von Onkel Gonzo schwappte an ihm herunter wie die Kotze eines Besoffenen. Ich wartete darauf, dass Onkel Paul es irgendwann nicht mehr aushalten und er aufstehen, zur Theke schreiten und eine der Schnapsflaschen holen würde.

Bis dahin saßen wir zusammen an Großtante Fentis Geburtstag. Fenti brabbelte weiter Unsinn, Onkel Paul schwitzte, Onkel Gonzo gestikulierte mit den Armen, die anderen Leute saßen still und verschwommen im Hintergrund und das dicke Kind zappelte.

Zu alldem summten die Fliegen in der Küche ihr lustiges Lied.

Agententraum

Mir träumte, ich sei ein russischer Spion. Der Eintritt in das Agentenleben war ganz einfach: Ich musste nur einen Agentenausweis ausfüllen und schon war ich dabei! Einen Moment hatte ich Sorge, dass die Tätigkeit als Spion sich mit meinem Diensten nicht vertragen könnte, aber immerhin hatte inzwischen nahezu jeder so einen Ausweis in der Tasche.

Der Ausweis war toll, denn er ließ sich bis auf die Größe eines iPads vergrößern und auf der Rückseite liefen Videos. Das Teil war phantastisch, den es lieferte eine tolle Bildqualität und wer trotzdem leicht und dünn.

Ich lief zu Lars und zeigte ihm das Gerät. Wir fachsimpelten darüber, wie man die seitlichen Schalter entfernen könne, und es zu hacken. Ich war aufgeregt voller Vorfreude darauf zu erfahren, was man mit einem russischen Agentenausweis so alles anstellen konnte.

2022-05-26 Donnerstag

Weiter besserer Schlaf. Die morgendlichen Kreislaufprobleme hielten sie in Grenzen.

Zeitig zum Bahnhof, denn es ging zum Vatertagswandern nach Bergkamen. Am Bahnsteig standen ältere Herren und tranken Bier aus Plastikbechern. Ein Mann kotzte in einen Mülleimer .

Viele Menschen haben Koffer für das verlängerte Wochenende dabei. Ich bin mal wieder sehr aufgeregt und freue mich schon darauf, Flöte und Freundchen wiederzusehen.

* * *

Ich lief hechelnd einem roten, als Feuerwehrauto verkleideten Elektro-Bollerwagen hinterher. Je einer von den Mitvätern ging neben mir und passte auf mich auf. Dabei dröhnte „Radio Bollerwagen" durch den Wald. Gegen den Lärm half Bier.

Endpunkt der Reise war das Naturfreibad Heil, wo der DLRG ein Fest feierte. Hier gefiel es mir ganz gut, auch wenn ich sehr, sehr kaputt war. Wir lachten viel und tranken Kronen-Fassbier. Eine sehr freundliche Polizeibeamtin ließ Kinder im Polizeiwagen sitzen. Waffelduft wässerte den Mund, geschminkte Kinder lachten. Ein sehr angenehmes Fest!

Flöte und ich fuhren gegen halb vier mit dem Taxi nach Lünen, von dort ging es mit dem Zug erst nach Dortmund und dann weiter nach Duisburg . Bei Bella nahmen wir noch einen Absacker, danach trennten sich unsere Wege.

Daheim aß ich noch ein paar Kniften und ging gegen halb zehn im Bett.

Brauereitraum

Mir träumte, ich würde in einem kleinen Zimmer am Ende einer langen Holztreppe wohnen.

Unterhalb dieser Treppe hatte die beste Ex-Frau von allen von zwei Mechanikern eine kleine Anlage zum Bierbrauen installieren lassen. Die Anlage war jetzt fertig: Mit Braukessel und allem! Ein dicker Braumeister braute zu Testzwecken einen Sand. Dieser landete im Kühlschiff, aus welchem die Mechaniker kosteten. Die Würze schmeckte ihnen nicht und sie riefen laut "bäh!" und „Würg!". Daraufhin sagte der Braumeister: "Wenn Euch das nicht schmeckt, dann wascht Euch doch die Füße damit!"

Alle lachten.

Kneipentraum

Mir träumte, ich liefe über Land und bekam Durst. Da war ein Schützenfest, das ich schon am Tag zuvor besucht hatte. Das Fest war ganz anders als die, welche ich aus meiner sauerländischen Heimat her kenne: Nicht rustikal und bodenständig, sondern in einem hellen Festsaal mit riesigen Fenstern. Neben den Tischreihen und Bänken gab es mehrere schöne Theken mit Barhockern. Die Stimmung war freundlich und gelöst. Ich wollte mich auf einen der Hocker setzen, oder überall standen noch halbvolle Gläser, sodass ich mich nicht traute, einen Sitzplatz in Beschlag zu nehmen.

Also ging ich weiter und fand einen kleine Kneipe. Als einziger Gast setzte ich mich an die Theke und fing ein unverfängliches Gespräch mit der jungen weiblichen Bedienung an. Ich fragte sie, was denn so durch ihren Kopf ginge, wenn keine Gäste in der Kneipe wären. Sie meinte, sie würde sich langweilen und das Trinkgeld würde ihr auch fehlen.

Dann kamen aber nach und nach immer mehr Gäste und die Kneipe füllte sich. Es stellte sich heraus, dass die Kneipe nicht nur nicht ganz so klein war wie gedacht, sondern dass auch einige Veranstaltungen geplant waren.

Als erstes traf ein Schlagersänger auf, der hinter der Theke Playpack sang. Die Stimmung war gut und ich trank Bier. Dann gingen viele Leute in den Saal mit der Bühne und setzen sich auf die dort aufgereihten Stühle.

Ich sah auch meinen alten Bekannten Dingens dort hingehen und wollte nicht von ihm gesehen werden. Doch ich wollte auch nicht einfach abhauen, also blieb ich sitzen.

Auf der Bühne trat Wolfgang Niedecken auf und sang Lieder auf Kölsch, nur von sich selber mit einer Akustikgitarre begleitet. Obwohl ich das Ripuarische ganz gut verstehen kann, hörte sich der Gesang wie Kauderwelsch an.

Nach dem Auftritt stand Dingens plötzlich neben mir und bat mich um Hilfe. Er solle gleich Barbara Schöneberger anmoderieren und brauche ein paar witzige Sprüche.

Also sprach ich in Pseudo-Kölsch: ,,Schöneberger? Schöneberger? Kenn isch die usm Fernsehen? Is dat nit sonne Schauspielerin? Die haddoch sachma im Tatort mitjespöllt! Da war die doch de Witwe von sonnem Urologen. Der Kommissar dachte ärs, die Witwe wäret jewesen, aber dann stellte sich erus, dat die dafür fill zu doof dafür war.

Also de Witwe — nit de Barbara Schöneberger …‘‘

Das fanden alle lustig und die Party wogte hin und her. Junge Asiaten kamen herein und gingen wieder, als sie erfuhren, dass hier Musik gespielt würde. Das Bier floss in Strömen.

Mein Sitznachbar machte mich auf zwei volle Schnapsgläser aufmerksam, die unangetastet vor uns standen. Die hatten zwei der Asiaten wohl bestellt, aber nicht ausgetrunken. Also prosteten wir uns zu und leerten die Gläser.

Freund O. kam dazu. Er meinte, er wolle kein Bier trinken, sondern nur ein kleines schnelles Kölsch.

Piratentraum

Mir träumte, ich wäre ein Drachenmensch, gefährlich und geschult im Nahkampf.

Irgendwann heuerte ich auf einem Piratenschiff an und diente mich dort hoch bis zum Maat.

Doch es gab Unstimmigkeiten, als der unbeliebte Kapitän ein Händlerehepaar auf das Schiff entführte. Die Mannschaft teilte sich in zwei Hälften und bereitete sich auf den Kampf vor. Ich stand mit einigen Kameraden auf einer Treppe und sah, wie viele nach ihren Entermessern und Pistolen fingerten. Da ich keine Pistole hatte und normalerweise nur mit meinen Klauen kämpfte, wollte ich nach oben, um genügend Bewegungsfreiheit zu haben.

Bevor es zum Schlagabtausch kam, einigte man sich auf eine Versammlung der gesamten Mannschaft, um den Konflikt friedlich zu lösen. Alle gingen unter Deck. Dort war ein riesiger Saal mit langen Tischreihen. Die Tische waren festlich mit weißen Laken und schönem Geschirr eingedeckt. Als ich gewahr wurde, dass es Platzkärtchen mit Namen drauf gab, rief ich laut:
,,Ist das hier eine Piratenversammlung oder ein Kindergeburtstag?‘‘

Baal

Baal

Mir träumte, ich wäre an der Hochschule in der Stadt nahe der Küste.

Der alte Magier führte mich in das Gebäude aus Glas. Dort zeigte er mir die Schale mit der Asche des Propheten. Sie stand auf einen kleinen Tisch neben einem kleinen Schwimmbecken. Die Wände waren aus Glas, die Decke des Raumes waren ebenfalls aus Glas.

Wir standen draußen vor den Scheiben und schauten hinein.

Da traten die Schweden in ihren langen schwarzen Mänteln und mit ihren schwarzen Melonen auf dem Kopf hinzug und betraten den Raum.

Sie versammelten sich und die Schale mit der Asche und berieten. In mir stieg das panische Gefühl hoch, dass die Schweden gleich etwas sehr, sehr Dummes tun würden -- und tatsächlich: Einer von ihnen nahm die Schale vom Tisch und schüttete ihren Inhalt in das Schwimmbecken.

Ein Riss ging durch meine Seele und das Wasser im Becken begann zu Brodeln. Ich rannte weg und ein junger Mann im weißen Hemd folgte mir spontan.

Wir strebten dem Ausgang zu und mehr und mehr Menschen schlossen sich uns an. Nahe der großen Tür saßen junge Studentinnen und tranken Kaffee. "Raus hier! Schnell raus!" schrie ich. "Warum?" fragte mich eine der Frauen. „Weil etwas Schreckliches geschehen wird!" war die einzige Antwort, die mir einfiel.

Der junge Mann und ich rannte, rammten, rannten.

Es ging quer durch den Duisburger Landschaftspark Richtung Meer. Auf den Halden versammelten sich Menschen und sie blickten ängstlich und erwartungsfroh zugleich in Richtung der schwarzen Rauchwolke, die nun aus der Hochschule in den Himmel stieg. Der junge Mann war ebenfalls neugierig, doch ich trieb ihn panisch so lange weiter, bis wir in der Nähe der großen Mauer waren, welche den Strand vom Festland trennte. Hier standen hohe Säulen mit einem Laufgitter oben auf den Enden im Sand. Wir hielten an und stiegen eine Metalltreppe seitlich der Säulen hinauf. Oben standen schon viele Menschen und einer von ihnen versuchte sogar, uns Eintrittskarten zu verkaufen. Wir ignorierten ihn und stellten uns in die Reihe der Schaulustigen.

Der Anblick war schrecklich: An der Stelle, an der vorher die Hochschule gestanden hatte, war ein schwarzes, qualmendes Loch und Mensch liefen schreiend vor der Gestalt weg, die sich aus der Tiefe erhob: Baal, der Verschlinger!

Baal war mindestens 30 Meter hoch und sein androgynes Gesicht wäre fast schön, wären da nicht die Widderhörner, welche aus Schläfen lugten sowie die zwei dunklen, ausgefransten Höhlen, wo eigentlich Augen hätten sein sollen.

Baal bückte sich und hob mit der rechten Faust ein Bündel zappelnder Leiber hoch und stopfte es sich in das Maul.

Das Schlimmste jedoch war, dass ich die ganze Zeit das Gefühl hatte, er würde mich dabei aus seinen toten Augenhöhlen über die nun brennende Stadt ansehen.

Diesen Druck hielt ich nicht aus und ich rannte die Treppe hinunter. Der junge Mann im weißen Hemd wollte mir nicht folgen und lieber weiter der Vernichtung der Stadt zusehen und so ließ ich ihn zurück.

Unten angekommen, entdeckte ich eine Lücke in der Mauer zum Strand und ging hindurch. Kurz entschlossen lief ich nach links in Richtung Westen. Wenn ich mich an der Küstenlinie orientierte würde ich mich, so hoffte ich zumindest, in einer möglichst gerade Linie von Baal entfernen können. Es war ein Wunder, dass ich eine solche Puste hatte, so schnell kam ich zur nächsten Stadt. Hier verirrte ich mich kurz in den menschenleeren Straßen und stolperte in einen Park am Rande der Stadtmauer. Hier traf ich eine junge Joggerin, die ebenfalls auf der Flucht war.

Gemeinsam fanden wir den Weg zur Küste wieder und rannten gemeinsam in den Sonnenuntergang.

Der Zug

Der Zug fuhr durch den Herbst wie durch ein Meer von Tränen. Zwischen den langsam kahl werdenden Bäumen standen Menschen aus Moos und schauten hinüber zu diesem Ungetüm aus Stahl und Dampf. Sie sammelten sich häufig an den Böschungen in der Nähe der Bahngleise, denn die diese ehernen Bänder waren ihnen unheimlich und trauten sich nicht, sie zu überqueren.

Der Heizer nahm seine Arbeit sehr ernst und man konnte fast die Funken aus dem Schornstein fliegen sehen. Der Zug hatte es eilig, denn bald würde die Dunkelheit über das Land kommen und bis dahin wollte man unbedingt in der Sicherheit des Bahnhofes eingefahren sein.

Hier draußen gab es noch weitaus Schlimmeres als Menschen aus Moos und in der Nacht, da lauern die Schrecken.