Es wirkte alles so surreal!
Der heilige Vater hieß mich hinzuknien, so dass ich mein Blick durch die hohen Fenstern nach draußen fiel. Die Sonne schien mir in das Gesicht, trotzdem konnte ich die Umrisse der halb verbrannten Stadt erkennen.
Der heilige Vater kramte in einem kleinen Beistelltischen herum, dann wandte er sich zu mir.
Kalt war es in diesem Gebäude, auch wenn der kleine Kanonenofen in der Ecke fast glühte.
Es wirkte alles so unwirklich!
Ich kniete hier im Gebäude meiner ehemaligen Schule – es war nur notdürftig zum Sitz des heiligen Stuhles umfunktioniert worden - und wusste nicht, was jeztt noch kommen sollte. Ich war nur der stellvertretende Privatsekretär des heiligen Vaters, denn der Ehrenprälat war noch auf dem Wege von Warschau nach Deutschland.
Wann oder ob er überhaupt hier eintreffen würde, dass wusste nur der Herrgott alleine!
Die Garde hatte die Stadt eingenommen und hielt sie wohl ganz sicher. Maria sei Dank hatte der heilige Vater die Garde beizeiten aufstocken und besser bewaffnen lassen.
Hier waren wir vorläufig sicher.
In meiner ehemaligen Schule!
Ich schüttelte den Kopf.
„Aber, aber!“ hörte ich den heiligen Vater sagen „Wer wird denn verzagen?“ Seine Stimme klang brüchig. Seiner Heiligkeit ging es nicht gut. Er war schon sehr, sehr alt und nun hatte sich eine starke Erkältung in seine Lungen gefressen.
Er fieberte, weigerte sich aber standhaft, seine Bettruhe einzuhalten.
Der heilige Vater hustete. Dann sprach er, leise und mit rasselndem Atem:
„Du weisst, mein lieber Johannes, dass nach dem Tode des Papstes die Kardinäle zusammenkommen, um einen neuen aus ihrer Mitte zu wählen …“
Was sollte das? Natürlich wusste ich das – jeder wusste das!
Doch ich hatte gelernt, still zu sein und zu gehorchen.
Fasziniert starrte ich auf das Gesicht des heiligen Vaters. Selbst in besseren Zeiten hatte sein Antlitz etwas maskenhaftes, fast schon diabolisches gehabt (man möge mir diesen Vergleich verzeihen!), doch jetzt war es der Schädel eines Toten, von einer zerfurchten, lederartigen Haut umspannt. Nur die Augen strahlten lebendig, strahlten voller Kraft.
Er sprach weiter:
„Aber in Notzeiten gibt es noch eine andere Lösung:“ wieder hustete der heilige Vater „Hast Du je etwas über den Oplatenpapst gehört?“
Ich schüttelte den Kopf.
Ein dünnes Rinnsal Blut floss dem heiligen Vater aus dem Mund.
„Wenn ein Papst sein Ende nahen fühlt und wenn in Zeiten der höchsten Not nicht auf das Konklave gewartet werden kann, dann habe ich ich …“ er unterbrach sich und ich sah seine Stirn voller Schweißperlen „… hat der Pontifex Maximus das Recht, einen Übergangspapst zu ernennen. Den Oplatenpapst.“
Der heilige Vater kam auf mich zu, dabei hielt er sich an dem alten Schreibpult fest, dem Schreibpult an dem ich in den letzten Tagen gestanden hatte, während er mir seine Briefe diktierte.
In seiner rechten Hand hielt er, das konnte ich jetzt deutlich erkennen, eine Hostie und seltsamerweise hatte ich den Eindruck, er würde auf etwas herumkauen.
„Pater noster, qui es in caelis …“ begann seine Heiligkeit und nach dem Vaterunser kamen dann noch einige Zeilen, die ich hier nicht wiedergeben darf.
Ich sah das Gesicht des alten Mannes vor mir und die Wintersonne schien hell und klar in mein Gesicht und das Fensterkreuz und der Geruch des Raumes erinnerten mich an etwas und dann fühlte ich, wie eine Kraft mich durchströmte, eine reine, eine lichte Kraft.
Sie floss ganz durch mich hindurch und die ganzen Entbehrungen, die ganzen Schmerzen, die Kälte, der Hunger und diese ständige Angst fielen von mir ab.
Ich fühlte den heiligen Geist in mir, so wie die Jünger ihn am Schawuot gefühlt haben müssen!
Als ich wieder die Augen öffnete, hatte der heilige Vater die seinen fast geschlossen. Der Schweiß rann ihm jetzt in Bächen von der Stirn. Gerne wäre ich aufgesprungen, um ihm zu helfen, doch selbst in diesem Moment fesselte mich sein Blick.
Seine Heiligkeit sprach weiter. Ihm schien jedes Wort eine unendliche Qual zu sein:
„Solange … der Leib Christi … Stirn bleibt … lange … bist Du … Papst …!“
Dann lächelte er mich an, fasste mit der Linken in seinen Mund und holte dort etwas heraus.
Er drückte mir erst das Kaugummi, dann die Hostie auf die Stirn.
Dann fiel er zur Seite.
Wie genau ich den Häschern der Kardinäle entkam, weiß ich nicht mehr. Sie kamen kurz nach dem Tode des heiligen Vaters an und ich konnte nur knapp durch die alte Hausmeisterwohnung entwischen. Der kleine Fluss, der meine Heimatstadt durchschnitt, biss mir mit seinem kalten Wasser in die Füsse.
Doch ich habe es irgendwie geschafft.
Nach Westen! Immer nach Westen! Auch wenn sich die Leute auf dem Wege nach Köln über den seltsamen Priester mit der Hostie auf der Stirn sicher wunderten, so halfen mir viele von Ihnen mit etwas Brot und warmer Kleidung.
Als ich einmal fast erfror, nahm mich eine Gruppe Lumpenmenschen bei sich auf und wärmte mich an ihrem Feuer. Sie teilten ihre letzte Suppe mit mir.
Gott segne sie dafür!
Nachdem ich das Bergische Land mit seinen kalten Tälern hinter mich gelassen hatte, kam ich ins Rheinland. In Düsseldorf empfing mich der örtliche Baschi zu meiner Überraschung höchst freundlich und fürsorglich. Er gab mir Speise und Trank, kleidete mich neu ein und sandte mich mit den besten Grüßen in die Domstadt Köln.
Wie ich es erwartet hatte, war der dortige Erzbischof ein Freund des alten heiligen Vaters und ich war endlich in der lang ersehnten Sicherheit.
Meine Würde, meinen Stolz und zwei Finger an meiner linken Hand ließ ich auf dieser Reise.
Nun sitze ich hier schon seit so vielen Jahren in Avignon und der Verräter in Rom ist noch immer nicht gefallen. Unsere treuen französischen und deutschen Ritter werden das Netz jedoch wohl bald ausgeräuchert haben.
Aber immer, wenn ich die trockene, fast zerbröselte Hostie an meiner Stirn fühle, denke ich an meine alte Heimat dort im Norden und an diesen alten Mann mit dem frechen, fast teuflischen Grinsen.
Gott sei seiner Seele gnädig!







