KieselBlog

Flusskiesels Notizen

2022-05-07 Samstag

Unruhiger Gästeschlaf. Allerdings schlief ich immer wieder schnell ein.

Mir träumte, ich würde zusammen mit Kolleginnen aus Gründen der Geschlechtersensibilität auf der Arbeit die Schilder der Damen- und Herrenklos austauschen. Dann musste ich dringend pinkeln und folgerichtig auf die Damentoilette. Dort verrichtete ich voller Angst vor Entdeckung eilig mein Geschäft

Später lief ich in einem Hitler-Mantel durch den elterlichen Garten und schämte mich.

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Wir standen gegen halb acht auf. Draußen lockte die Sonne die Menschen aus den Ruinen, welche man hier in Berlin als „Gebäude" bezeichnet.

Gemütliches Frühstück und Pläne für den Tag.

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Kurze Zeit später sitze ich in einem schaukelnden Doppelrumpfboot und warte darauf, dass der Skipper den Befehl zum Ablegen gibt. Es riecht nach Benzin. An Land herrscht eine gewisse Kleingartenstimmung. Es ist warm und sogar ein klein wenig schwül. Wegen der kraftvollen Sonne traue ich mich jedoch nicht, mein Hemd auszuziehen. Der Himmel schreit nach Sonnenbrand.

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Die zwei anderen Passagiere kommen an Bord: Der Freimaurer und sein Lehrling. Wir legen ab und tuckern über die Havel. Unter strenger Aufsicht des Kapitäns übernimmt der Lehrling das Ruder. Er macht seinen Job gut . Der Freimaurer und ich unterhalten uns angeregt während der Kapitän immer wieder die Gegend und die Verkehrsregeln auf dem Fluss erläutert.

Der Sonnenschein glitzert im Wasser, Kormorane und Graureiher sind auf der Jagd nach Fischen. Schiffe booten, Boote schiffen. Der Kapitän fragt mich immer wieder, wie es mir geht.

Menschen winken von Hausbooten, Angler starren auf ihre Schwimmer. Der Freimaurer erzählt vom dreiundzwanzigsten und vom vierundzwanzigsten Fürsten. Welcher von beiden verrückt war, habe ich vergessen. Wie der Kapitän ist auch der Freimaurer ein Händler. Wie nebenbei vermittelt der Kapitän ein Geschäft. Ich bin immer wieder beeindruckt, mit welcher Nonchalance er das immer wieder tut. Er ist der geborene Geschäftsmann , Scherzworte werden gewechselt, Gelächter schallt über das Wasser.

Die Rundfahrt endet am Heimathafen. Der Hafen ist eine Frau und heißt "Marina".

Der Platzwart hat inzwischen Gesellschaft bekommen. Die alten Männer trinken Bier, Schnaps und etwas, was wie Schnaps aussieht. Die Verabschiedung ist herzlich. Der Freimaurer und sein Lehrling müssen los, denn das Geschäft ruft.

Hinter dem Maschendrahtzaun nisten Schwäne, als ob nichts wäre. Ich sehe einen leeren, umgekippten Eimer „Hela Gewürzhetchup" und freue mich .

Der Kapitän verwandelt sich wieder in meinen alten Freund J. und er fährt uns (diesmal mit dem Auto) zur Zitadelle Spandau. Er flucht über den Leihwagen, denn der Firmenwagen ist in Reparatur: Jemand hat die Scheiben der Außenspiegel gestohlen und es gibt fortan keinen Ersatz.

Die Zitadelle Spandau ist groß, wuchtig und hat Zacken wie ein Stern. So eine Zitadelle möchte man nicht an den Kopf geworfen bekommen! Alles atmet Preußentum. Überall stehen Kanonen herum und in einer Ecke lauert Kaiser Wilhelm der Hundertzwölfte.

Den „Juliusturm" besteige ich fast ohne Angst, der Ausblick ist herrlich.

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Ich gebe mir alle Mühe, meinen Geist offen zu halten, obwohl der Drang groß ist, mich in mich selber zurückziehen.

J. und sein Sergeant geben mir ein privates Dudelsackkonzert im Treptower Park. Dabei tragen sie vollen Ornat mit Kilt und dem ganzen Kram. Radfahrende halten und wippen mit den Füßen. Es ist sommerlich warm und meine Füße wippen mit.

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An einem Kanal essen wir eine Kleinigkeit . Es ist schon seltsam, wenn Dir jemand ein Fischbrötchen verkauft und dabei sagt:

"Einmal gegessen - nie mehr vergessen!"

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Den Abend verbringen wir in einem Irish Pub. Ich spreche tüchtig dem Guinness zu.