KieselBlog

Flusskiesels Notizen

2021 KW 10

Montag

Der Satz des Tages fiel schon beim Warten vor dem Speisesaal auf das Frühstück:

,,Ich war ja sogar einmal Stewart auf einer Katzenausstellung!''

Es ist doch wundervoll, wenn man es im Leben zu etwas gebracht hat!

* * *

Schöne Erkenntnis: Ich schaffe es immer wieder, positive Schlüsse aus negativen Erlebnissen zu ziehen und den Fokus in die Zukunft zu richten.

Ich lerne gerade mit meinem schwersten dysfunktionalen Muster umzugehen und das ist wie zu erwarten war, sehr, sehr schwer. Es überlagert sogar das Thema Essen (wozu ist Essen nochmal gut? Hat jemand eine Idee? Mir fällt nichts ein …).

Auf meinem Whiteboard steht: ,,4W3'', also noch vier Wochen und drei Tage, bis ich nach Hause kann/darf/muss. Bis dahin kann ich mich also noch ganz bequem (haha!) mit meinem ,,Muster'' befassen und ich bekomme ein ganz klein wenig Riesenangst davor.

Dienstag

Nicht ganz so gut geschlafen. Zum ersten Mal seit Tagen (Nächten) sind die Träume nicht mehr erinnerlich. Kann auch mal passieren.

Träume erinnern ist übrigens reine Übungssache, wie ich finde!

Da ich jedoch keinen Traum aufschreiben kann und der Feedreader leer gelesen ist, bin ich über die frühmorgendliche Tagesgestaltung ein wenig verunsichert: Soll ich im Buch weiterlesen oder lieber die ,,Später-Lesen!''-Liste durchgehen?

* * *

Auf leisen Sohlen um sechs Uhr runter in den Patientenwaschkeller geschlichen und eine der Waschmaschinen gefüttert. Nach dem Frühstück ist die Wäsche dann fertig. Ich bilde mir viel darauf ein, dass ich im Gegensatz zu den anderen hier früh aufstehen kann.

Da ich mit vier Wochen Klinikaufenthalt ja schon ein alter Hase bin, ziehe ich nachher zur Einzeltherapie (wir alten Hasen sagen dazu nur kurz ,,Einzel''!) schon die Treckingschuhe an, weil ich nach dem Termin sicher spazieren gehen muss.

* * *

,,Einzel'' und die darauf folgende Therapie waren extrem anstrengend. Durstig lief ich in mein Zimmer, um meine Klean Kanteen aufzufüllen, doch das Wasser war abgestellt. Schlecht gelaunt und von großem Durst gequält marschierte ich zum Discounter, um Wasser zu kaufen. Danach Spaziergang den Ohbach entlang bis fast zur Kapelle in seltsamer Stimmung.

Abends wurde mir kalt und ich bekam eine kleine Fressattacke. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass mein Körper nach Energiezufuhr schrie. Danach bin ich unter die warme Bettdecke geschlüpft und habe noch ein wenig gelesen.

Mittwoch

Fast zwölf Stunden geschlafen und zermatscht, aber auch irgendwie erquickt aufgewacht. Eigentlich hatte ich vorgehabt, wegen der Fressattacke am Abend zuvor das Frühstück ausfallen zu lassen, aber da hier Struktur alles ist, bin ich doch ganz normal morgens runter in den Speisesaal gegangen und das fühlte sich gut an.

Am Nachmittag lief ich wie geplant über den Ohbach zur Kapelle und von dort aus über das Schmelztal zurück. Ein schöner, nicht zu ausführlicher Spaziergang!

Den Abend verbrachte ich ruhig auf dem Zimmer.

Donnerstag

Der Tag begann mit einer guten Nachricht: Die Gorch Fock schwimmt wieder!

Endlich sind die Weltmeere wieder sicher und Captain Jack Sparrow hängt das Seeräuberhandwerk entgültig an den Nagel! Die Bundesmarine gilt ja gerade wegen ihrer Offiziersausbildung auf einem Segelschiff nicht umsonst als die beste der Welt (,,Die Besten der Besten der Besten der Besten!'')! Genau wie die Panzeroffiziere des Heeres erst einmal Reiten lernen (die Panzertruppe ist ja aus der Kavallerie entstanden) und die Piloten der Luftwaffe mit Heissluftballonen aufsteigen, bevor sie auch nur in die Nähe eines Flugzeugs gelassen werden, müssen eben auch Offizierinnen und Offiziere der Marine erst einmal in die Wanten!

Das ist uns Steuerzahlern gerne die eine oder andere Million Euro wert! Besser, der Staat gibt das Geld für ein altes Segelschiff aus (und es ist ja soooo schön!), als das er es nachher noch irgendwelchen Altenpflegern hinterherwirft …

* * *

Ich denke, ich werde die Kategorie ,,Gedankensalat'' auflösen und hier in den Wochenüberblick integrieren. Das macht es irgendwie übersichtlicher.

* * *

Gebäckwagen

* * *

Indertagungsstätte

* * *

Vögelstimmen

* * *

Gefühle sind wichtig, aber auch sehr anstrengend!

* * *

Das Gewicht ist um 500 Gramm gestiegen und obwohl das wahrscheinlich nur Wasser usw. ist, frustriert mich das sehr. Der Ärger kumuliert weiter, angestachelt durch Baulärm und einem Test der Signalanlage während der Gruppentherapie.

Aus dem Gefühl einer großen Ungerechtigkeit erwächst Trotz und daraus die Kraft, weiter zu machen. Manchmal braucht es dazu nur einen Bach, einen Baum und ein paar singende Vögel.

* * *

Ein Freund hat mir angeboten, mich am Entlassungstag aus der Klinik mit dem Auto abzuholen und das macht mir große Freude. Hoffentlich kann ich in seinem Wagen meine Playlist ,,Abflug'' anhören!

Freitag

Zwischen den Therapien immer auf Achse gewesen. Die Einzeltherapie hat mir wieder so einiges abverlangt, aber ich bekam ein kleines (sehr kleines) Büchlein mit, dass mir für mein Problem ein Lichtblick ist. Die Muster (,,das Monster'') sind jedoch äußerst stark in mir.

Eine Mitpatientin sprach mich an und zeigte sich besorgt, weil ich in den letzten Tagen so in mich gekehrt sei. Ich beruhigte sie und erklärte, dass in mir gerade viel arbeitet. Schon interessant: Wenn der Clown mal stiller ist, fällt es immerhin auf.

Samstag

Es ist schon schade, dass die Fuckinggasse in Bad Honnef gar kein Straßenschild hat.

* * *

Vormittag ,,Shopping'' im Hit (eine Kette, die ich bis dato noch nicht kannte), im Drogeriemarkt und (da es gerade eh regnete) im Elektrofachmarkt. Eine höhere Macht befahl mir den Kauf eines Bluetooth-Lautsprechers mit Karabinerhaken und wer bin ich, dass ich höheren Mächten widersprechen darf?

* * *

Am Nachmittag eine kleine Wanderung nach Königswinter zum Kaufmannsladen. Dort gibt es den besten Kaffee der Gegend. Auf dem Rückweg von einem mordorhaften Unwetter überrascht worden, dass wir aber dank ordentlicher Ausrüstung (Regenjacke! Festes Schuhwerk!) nicht nur gut durchgekommen sind, sondern auch Spaß wie kleine Jungen hatten. Nach der Rückkehr in die Klinik schnell umgezogen und zum Yoga gehumpelt. Danach direkt Abendbrot, Dusche und mich zum Sterben Schlafen zurückgezogen.

Sonntag

Schlaftag. Zimmertag. Telefoniertag. Lesetag.