Bauchweh in der Nacht
March 10th, 2010
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March 9th, 2010Molke schwitzte, dann bewegte er hektisch die Maus hin und her. Der Bildschirmschoner war wieder angegangen.
Er hatte wieder eine halbe Stunde auf den Monitor gestarrt, ohne etwas anderes zu tun, als das Fenster der geöffneten Mail zu sehen.
Ab und an klingelte das Telefon, aber Molke ging nicht dran.
Er starrte und dachte nach.
Soll ich es tun?
Warum nicht?
Und was ist, wenn es rauskommt?
Dann bin ich geliefert?
Aber wie soll rauskommen? Ich werde die Mail löschen und ich kenne die Löschfristen für den Mailserver!
Bis die Mail an die Öffentlichkeit kommt, sind alle Spuren verwischt!
Seine Hand bewegte sich von alleine und Molke starrte auf den Mauszeiger, wie er über die grünen Buttons strich.
Wie oft schaute man diesen weißen Pfeil immer an, ohne ihn zu sehen?
Er war ein bisschen wie dieser Mauszeiger, dachte Molke und ergab sich ein wenig dem Selbstmitleid:
Immer herumgeschubst, aber niemals mehr wahrgenommen! Ganz weiß, mit einem fransigen, schwarzen Rand!
Molke schüttelte den Kopf, als er einen dicken Kloß im Hals heraufkommen spürte.
Nein! Jetzt nicht! Es galt, etwas zu entscheiden!
Aber er wollte nicht – er wollte das nicht tun, aber er wollte es auch nicht seinlassen. Er wollte es aber auch nicht schon wieder verschieben.
Sein Blick fiel auf den Absender und endlich, ja endlich spürte er, wie die Wut in ihm zu Kochen begann.
Schneipel!
Das Arschloch!
Dieser grobe Klotz, dieser gefühllose Haufen Dreck!
Plötzlich war er wieder in Schneipels Büro und er fühlte sich ganz steif und das Herz schlug im bis zum Hals. Schneipel war ganz rot gewesen, er hatte ausgesehen wie ein Ochsenfrosch mit aufgeblasenen Backen. Schneipel hatte ihn zur Sau gemacht. Angeschrien, beschimpft. “Dummkopf! Schwächling! Versager! Geh doch wieder in die Klinik, wenn es Dir da so gut gefällt! Wenn ich Deine Fresse das nächste Mal sehe, dann fliegst Du aus dem Fenster! Früher hätte man so was wie Dich einfach vergast!”
Schneipel hatte gebrüllt und gespien. Ein Regen aus feinem, gelbem Schleim war auf Molkes Gesicht niedergegangen.
Wieder schüttelte sich Molke.
Aufhören! Das musste aufhören!
Zum Glück schrieb Schneipel seine E-Mails genauso wie er sprach.
Da hörte er etwas draussen auf dem Gang.
Eine Frau.
Sie weinte.
Er erkannte die Stimme. Frau Müller, Schneipels Sekretärin.
Molke wurde auf einmal ganz ruhig. Er nickte, obwohl ihn dabei niemand sehen konnte.
Ganz sicher, ohne Zittern, bewegte sich der Mauszeiger nach links oben.
“Senden”
Schreiben in der Bahn (Krakel)
March 9th, 2010
Stressraum
March 5th, 2010Zum Vergrößern auf “Fullscreen” klicken!
Am Donnerfluss
March 4th, 2010Wir hatten den Höhenrücken verlassen und streiften durch einen Wald aus jungen Birken. Der Donnerfluß rumpelte gut hörbar. Er war jetzt ganz in der Nähe.
Elefantenklo hatte Spuren von Hirschen gefunden, denen wir jetzt folgten.
Die Familien hatten Hunger.
Die dünnen Stämme glitten an uns vorbei. Zum hundertsten Mal kontrollierte ich die Pfeile im Köcher, die Bogensehne.
Flöte zeigte mit der Linken auf einen Haufen Hirschkot. Wir sagten nichts.
Wir wussten Bescheid.
Wir kamen der Beute näher.
Angestrengt blinzelte ich durch den Wald.
Ich war mir sicher, dass wir heute ein Tier erlegen würden. Der Donnerfluß würde unsere Geräusche überdecken und auch unsere Geruch.
Ich wischte mir den Schweiß von der Stirn!
Weiter!
Der Donnerfluss wurde lauter und lauter, je näher wir ihm kamen.
Vorsichtig auftreten!
Hier waren überall Scherben und scharfe Zacken in den bröckelnden Steinen!
Dann sahen wir sie:
Eine kleine Herde Hirsche, welche an den jungen Trieben der Pflanzen knabberten. Sie bemerkten uns nicht.
Niemand von uns musste ein Zeichen geben, wir erstarrten gleichzeitig.
Elefantenklo bewegte den Kopf ganz sachte und wir verstanden.
Eine fette Hirschkuh sollte die Beute sein. Sie bewegte sich etwas langsamer als die anderen. Etwas stimmte mit ihrem rechten Vorderlauf nicht.
Langsam, ganz langsam gingen wir auf Position:
Flöte würde von links angreifen, ich in der Mitte. Wir würden die Hirschkuh zu Elefantenklo treiben, der sie dann mit dem Speer erledigen würde.
Alle drei nickten kurz und wir stürmten los. Die Hirsche gerieten sofort in Bewegungen und rannten zu den Seiten weg, doch wir ließen uns nicht beirren
Wir hatten unser Ziel.
Es lief wie am Schnürchen:
Sie Hirschkuh wich dem wild schreienden Flöte aus und rannte an mir vorbei.
Ich riß die Bogensehne zurück und ließ sie los. Der Pfeil schnellte los und traf das Tier in der rechten Schulter. Es sprang, es sprang. Da brach Elefantenklo aus dem Gebüsch und warf kräftig seinen Speer.
Der Speer durchbohrte die Kehle der Hirschkuh und sie sank auf die Vorderläufe.
Etwas später waren wir mit dem Ausweiden beschäftigt. Das Blut bedeckte unsere Arme. Es roch warm und würzig und gut.
Bald würden wir Fleisch essen!
Ich stand auf und ließ meine Jagdgefährten für einen Moment allein.
Ich ging zum Donnerfluss. Von unserer Position konnte man gut auf ihn hinuntersehen:
Das endlose, graue Band lag unbeweglich da. Feuerdunst und etwas anderes, scharfes stieg mir in die Nase.
Bunte Riesenkäfer hetzten den Fluß entlang, niemand wusste, woher sie kamen noch wohin sie gingen.
Niemand hatte je einen von ihnen erlegt, niemand die Schale geknackt.
Ob man es mit ein paar Felsbrocken schaffen könnte? Man könnte sie einfach von hier oben runterwerfen – einen Käfer würde man sicher treffen!
Irgendeine Erinnerung kam in mir auf. Eine Erinnerung von schneller Bewegung, eine Landschaft zog vorbei.
Doch da tippte mir Flöte schon auf die Schulter.
Wir wollten aufbrechen.
Sockenprotest?
March 3rd, 2010Rote Socken? Graue Socken?
Gesehen in Düsseldorf.
Siegfrieds Tod und Beerdigung
March 2nd, 2010Siegfrieds Begräbnis.
Wir stehen alle da, still und aufrecht wie Statuen. Kriemhild,fast noch ein Kind, mit verweinten Augen. Brunhildes Gesicht ist ganz grau, fast so, als wäre sie selber gestorben.
Gunther ist ganz gefasst, ganz der König.
Über allem droht der finstere Hagen, er sieht aus wie aus Stein.
Auf dem Boot liegt er, der Bezwinger des Drachen, der Sachsentöter. Sein blondes Haar liegt unter seinem Kopf ausgebreitet. Kostbare Pelze trägt er am Leib – er schaut so friedlich aus!
An der Bordwand des Bootes sind Fackeln angebracht, sie geben dem Toten einen funkelnden Glanz.
Dann stoßen sie das kleine Schiff ab und es gleitet auf dem Wasser dahin. Flammen beginnen, am Segel zu züngeln, bald steht alles im Feuer.
Kleiner und kleiner wird das brennende Boot und mir ist, als würde man im Schein eine Gestalt erkennen, die am Heck stehend zu uns hinüber sieht.
Sie ist sehr groß.
Sie hebt den Arm und winkt uns zu.
Gsuffa!
February 28th, 2010„Oans, Zwoa, Gsuffa!“
Die Welt war gelb, ganz seltsam gelb. Und verschwommen. Sie war gelb und verschwommen. Die Welt hatte einen Rand, einen runden Rand.
Er setzte den Maßkrug ab.
Es wurde nicht viel besser.
Und wieder:
„Oans, Zwoa, Gsuffa!“
Ein gewaltiger Schlag streckte ihn auf den Holztisch nieder. Als er sich wieder aufrappeln konnte, sah er in ein Paar blauer, rotgeäderter Augen. Sie blickten ihn glasig an. Unter den Augen prankte eine kolossale blaue Nase, wiederum darunter ein von grauen Borsten durchzogener Schnäuzer.
Dort hingen ein paar Remoulade-Fäden.
„Seht‘s!“ dröhnte es unter dem Schnäuzer hervor, dass die Remouladen-Fäden zitterten „Seht‘s! Er trinkt totsechlich mit! Ist einer von uns!“
Der Mann holte wieder aus und kurz bevor es „Wuuusch!“ machte, fiel ihm der Name des Schnauzbärtigen ein.
Maischelgruber.
Oder so ähnlich.
Die Stirn landete halbwegs weich auf ein paar feuchten Bierdeckeln. Zum Glück hatte ihm dieser Neandertaler nicht den Kopf in einen der vielen Maßkrüge gerammt, die hier herumstanden.
Er ließ seinen Krug los und hielt sich mit beiden Händen an der Tischkante fest.
„Affelnosche“ sagte jemand „Affelnosche“.
Affelnosche?
„,ie ,un mir doch imma Affelnosche ins Glas!“
Apfelschorle! Sie taten ihm doch sonst immer Apfelschorle ins Glas!
Er selbst hatte das vor sich hin genuschelt! Er selbst!
Stolz über diese Erkenntnis durchflutete ihn und er richtete sich auf. Der Saal um ihn herum schwankte leicht. Tausend Münder sahen ihn an. Tausend Schnauzbärte.
Es roch nach Bier, Schweiß und Leder.
Neben ihm hockte noch so ein vierschrötiges Monster. Bis auf die Nase sah er genau so aus wie Meschlgruber.
Der war irgend ein Forsthauptwachtmeister oder so. Irgendwas mit Holz.
Seine Pranke haute ihm zwar nicht auf Hinterkopf, traf ihn aber zwischen die Schulterblätter und trieb ihm die Luft aus den Lungen.
Er prustete und alle lachten.
Er konnte nur noch einmal „Affelnosche“ sagen, da kam eine Frau mit einer weiß-blauen Schürze und einem ganzen Kranz von Maßkrügen.
Vollen Maßkrügen.
Einer oder zwei oder drei standen kurz darauf vor ihm und die Frau sagte etwas zu ihm.
Was die Frau sprach, konnte er nicht verstehen, aber es klang nett und irgendwie mütterlich.
Mütterlich. Das passte zu ihrem wirklich gewaltigen Busen, der es sich in einem ausladenden Dekollete gemütlich machte.
Wieder lachte alles.
Ihm schoß das Blut in den Kopf. Um von sich abzulenken, nahm er einen der Bierkrüge und trank hastig.
In seinem Bauch gluckerte es.
Der Holzamtswart oder wasweißich drosch währenddessen weiter lachend auf ihn ein.
Irgendwann wurde etwas gesungen und irgendwann lag sein Kopf zwischen den schweren Glasbausteinen von Bierkrügen.
Dann zog man ihn nach oben und noch mehr von diesem ekligen Bier lief in seinen Mund. Jeder einzelne Schluck wehrte sich dagegen, in den Magen heruntergedrückt zu werden und manch einer hüpfte in seinem Bauch auf und ab.
Warum hatten sie ihm keine Affelnosche gegeben? Wie sonst auch?
Er dachte an zu Hause, an seinen Garten. An die Blumen.
Das Haus, schön sauber. Das Badezimmer mit dem Klo. Die Toilette, sauber und einladend. Sonst ekelte er sich ja vor dem Klo, aber jetzt würde er am liebsten vor der Schüssel auf die Knie gehen und alles … alles … nicht dran denken! Einfach nicht dran denken!
Moschelgruber rief etwas und ein Tropfen Remoulade traf ihn auf die Wange.
Nicht dran denken.
Als plötzlich der penetrante Geruch einer gegrillten Schweinshaxe vor ihm aufstieg, gab es kein Halten mehr:
Er stand auf, hielt sich an ledernen Schultern fest, stieß sich ab.
Raus hier! Raus hier! Nur raus!
Auf halbem Weg kam ihm die Busenfrau entgegen. Er stolperte und fiel ihr in die Arme.
Der Saal tobte.
Er roch ihren Schweiß und – ganz zart – die Reste eines Parfüms.
Eine heisse Welle bahnte sich ihren Weg von unten durch seinen Schlund.
Ein Melange von Bier und ätzender Säure spülte seinen Mund. Er hielt sich noch die Hand vor das Gesicht, aber das nützte natürlich nichts.
Es war seltsam befreiend.
Er ließ sich auf die Knie sinken und alles, alles kam aus ihm heraus:
Das Bier, das Kraut, die Wurst, Murschelgruber und der Forstholzmann.
Er versaute sich seinen schönen Trachtenanzug, aber das war egal.
Je mehr aus ihm herausspritzte, desto klarer wurde sein Kopf.
Er wusste bescheid.
Er musste hier weg.
Er tat einen Entschluß. Fest und unumstösslich:
Er würde nach Brüssel gehen.
Egal, was Muschi dazu sagen würde!
“Geht es Dir heute auch so schlecht?”
February 22nd, 2010Gesehen in Duisburg-Meiderich
